
Mit dem Sound der Schreibmaschine startete der Abend. Zuerst ist nur das Rattern zu hören, das auch etwas Eintöniges und Mechanisches an sich hat. Dann geht das Licht an: Zu sehen sind von hinten zwölf Männer, die wie besessen in imaginäre Tasten hauen. Sie drehen sich um: Vor den Gesichtern tragen sie Masken mit den Konterfeis von Hemingway aus unterschiedlichen Lebensphasen.
Ein Mann und die Legende seines Lebens. Ein Manischer, der ein Leben lang mit dem - auch - selbst konstruierten Nimbus kämpft. Hier haben wir schon das Thema des Abends. "Motto Party" nennen es die Mitglieder des künstlerischen Leitungsteams. Neben den beiden Choreographen sind das noch Bühnenbildner Lukas Noll sowie Gabriele Kortmann (Kostüme) und Manfred Wende (Licht). Ganz im Sinne einer Motto-Party ist der ganze Abend gestaltet. Kein chronologischer Ablauf zum Leben des großen Literaten (1899 bis 1961), der 1953 mit dem Pulitzerpreis und 1954 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.
Auf die Pariser Bohème folgt der Aufenthalt Hemingways "In Afrika"
Hemingway ist gelernter Zeitungsreporter, war als Sanitäter im 1. Weltkrieg in Italien im Einsatz, später kämpfte er als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg und berichtete als Kriegsreporter. Seine Vorlieben: Stierkampf, Boxen, Großwildjagd, Hochseefischerei. Er sah sich als Liebling der Frauen und war viermal verheiratet. Doch seine große Leidenschaft und der Mittelpunkt seines Lebens war das Schreiben. Von Depressionen und Krankheit geplagt, setzte er schließlich seinem Leben mit einem Schuss in den Kopf selbst ein Ende. Das alles lässt sich gewiss nicht in einen Abend packen. Dann also Motto-Party: Alle verkleiden sich und jeder erzählt etwas über den berühmten Schriftsteller. Dass dies aber auch so funktionieren kann, ist den kreativen Einfällen von Bühnenbildner Lukas Noll zu danken. Es sollte nicht jeder Ort und jede Station auf der Bühne dargestellt werden, sondern einzelne charakteristische Orte: In diesem Fall eine Bar im Stil der 40 er Jahre aus den USA. Ein bekanntes Motiv? Natürlich: das Gemälde "Nighthawks" des amerikanischen Malers Edward Hopper, das sich für die Bühne wunderbar variieren lässt.
Am Anfang steht Paris. Hier lernte Hemingway viele bekannte Künstler kennen. Er genießt das ungezwungene libertäre Leben und beschließt, Schriftsteller zu werden. Der Takt für die zwölf Tänzer ist durch den Wechsel von minimalistischer elektronischer Musik zu melodiösen Akkordeonklängen gesetzt. Es soll kein folkloristischer Abend werden, das wird später erneut in den Szenen "Afrika" oder "In der Arena" deutlich. Auch die Kostüme vermeiden bunte Folklore. Es gibt ein Grundkostüm, das an die hellen Anzüge erinnert, in denen sich Hemingway oft ablichten ließ. Hinzu kommen dann im Rahmen der Party allerhand Accessoires, die für Abwechslung sorgen. Auf die Pariser Bohème folgt der Aufenthalt Hemingways "In Afrika". Zum Training besuchten die Mitwirkenden einen Workshop mit einer Tänzerin aus Senegal. Die Szenen werden schließlich als Schattenriss hinter einer Leinwand gezeigt: Kleine Zaubertricks sind bei Bühnenbild und Choreographie allemal erlaubt.
Weniger idyllisch geht es zur Großwildjagd. Ein Zebrafell als Projektion schmückt das Bühnenbild, im Vordergrund liegen vier erlegte Tiere. Fiesta Flamenco in der Arena führt in einen Stierkampf, statt der Tiere sind es hier vier Frauen, die der Szene ihren besonderen "Touch" verleihen. Ergreifend stellen die Tänzer Szenen aus dem "Krieg" dar. Ohne einen einzigen Tropfen Blut wird die Grausamkeit der Kämpfe deutlich: Ein Antikriegsstück auf der Bühne, das Hemingways Heroisierungsversuche der Internationalen Brigaden ad absurdum führt.
Die einzige große Solonummer im Stück bleibt Magdalena Stoyanova vorbehalten. Sie zeigt auf schwankender Fläche des Schnürbodens mit intensiven, verzweifelten Bewegungen den Kampf des Schriftstellers mit der Schreibmaschine, mit dem Leben, mit sich selbst. Das Ende ist bekannt.
Weitere Vorstellungen: 21. Februar, 8., 24., 31 März sowie 21. April, jeweils 19.30 Uhr, Großes Haus.







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