Jeder ist sich selbst der Nächste

SCHAUSPIEL Tennessee Williams "Endstation Sehnsucht" feiert am Landestheater Marburg Premiere
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Minutenlangen Applaus ernteten die Darsteller am Ende des Stücks. Zu recht. Denn Säidow und ihrer Truppe ist eine rasante Inszenierung gelungen, die dem Zuschauer von der ersten Minute an den Atem raubt.

Tennessee Williams Schauspiel ... | Foto: Veranstalter

Das hatte in allererster Linie damit zu tun, dass der Regisseurin ein äußerst spielfreudiges Ensemble zur Verfügung stand, das Williams Geschichte schlichtweg brillant auf die Bühne brachte. An erster Stelle zu nennen ist hier Annette Müller, die sich als ideale Besetzung der Blanche DuBois erwies. Als gescheiterte Südstaatenaristokratin zieht sie zu ihrer Schwester Stella Kowalski, von Oda Zuschneid gekonnt als teilnahmsvolle Angehörige gespielt.

Nach und nach wird jedoch deutlich, dass sich hinter Blanches Fassade von Anständigkeit und Dünkelhaftigkeit menschliche Abgründe verbergen. Ans Licht bringt sie die Konfrontation mit Stellas Ehemann Stanley, Timo Hastenpflug als vordergründig unbedarfter, aber ebenso geltungssüchtiger und sadistischer Gatte.

Genau diese Konfrontation zwischen Müller und Hastenpflug war famos, denn in ihrer Gegnerschaft ist es beiden Schauspielern gelungen, den Kern von Williams Stück erschreckend authentisch herauszuarbeiten: Es geht um Machtspielchen.

Beide Figuren, die sich gegenseitig durchschauen, verbergen ihre eigenen Ängste und Unsicherheiten hinter einer Fassade von egomanischer Großspurigkeit, die sie - ganz im Sinne des Sarte-Diktums - beim jeweils anderen im Verlauf des Stückes brutal zerschlagen, wobei Blanche die große Verliererin ist.

n Kneipenflair durch Zigaretten

Müller und Hastenpflug ist es dermaßen realistisch gelungen, die emotionalen Entgleisungen dieser Situation auf die Bühne zu bringen, dass mit Fug und Recht von großer Schauspielkunst gesprochen werden darf. Das gilt auch für den Rest der Truppe, darunter Johannes Hubert als verträumter Blanche-Anbeter Mitch, die so fesselnd agierte, dass Kulissen und Effekte eigentlich gar nicht nötig gewesen wären.

Säidow sprach mit ihrer Inszenierung quasi alle Zuschauersinne an. Nicht immer angenehm: Um das stickige Milieu des Armenviertels riechbar zu machen, ließ sie beispielsweise die Akteure permanent auf der Bühne rauchen. Am Ende miefte es wie in einer Kneipe. Gewöhnungsbedürftig, aber gleichermaßen Theater zum Schnuppern.

Musikalisch wurden die düsteren Szenen von teils bedrohlichen Lauten untermalt, und von Zeit zu Zeit verdeutlichten einzelne Akteure ihre Position im Monolog an Bühnenmikrofonen, die zum Zuschauerraum hin ausgerichtet sind.

Gerade dieses Monologisieren und das puristische Bühnenbild von Julia Plickat, das aus wenigen alltäglichen Gegenständen und einer großen, drehbaren Rahmenkonstruktion bestand, machten sehr deutlich, dass sich hinter Williams Geschichte eine übergeordnete Sichtweise verbirgt. Sie kreist um allgemeingültige Themen wie Kleinheit, kompensierten Größenwahn als selbst- und fremdbetrügerischer Maskerade, Machtausübung und schonungsloser Demaskierung des Gegners - bei Williams und Säidow ist die Hölle der andere.

Wer sich selbst überzeugen will: Weitere Aufführungen finden statt am 7. Februar sowie am 5. und 23. März jeweils um 19.30 Uhr auf der Bühne am Schwanhof. Informationen gibt es auch im Internet unter theater-marburg.com.

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Dokument erstellt am 04.02.2013 um 16:25:45 Uhr
Letzte Änderung am 04.02.2013 um 20:13:17 Uhr
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