Unangemeldet zum Kaffee: Wie man Nachbarn kennenlernt

Kuchenprojekt Prenzlauer Berg
Stephanie Quitterer
Stephanie Quitterer hat viele interessante Menschen kennengelernt. Foto: Bernd von Jutrczenka

Mit insgesamt 200 Kuchen ist Stephanie Quitterer losgezogen, um in fremde Wohnungen eingelassen zu werden. Unangemeldet, zum Kaffee. Der Haken an der Sache: Quitterer ist nicht nur zugezogen, sondern auch eine junge Mutter. Daher fühlt sie sich als Feindbild Nummer eins in ihrem Kiez in Prenzlauer Berg, oft abgetan als das Quartier der Latte-Macchiato-Mütter.

Was sie in, vor und hinter fremden Haustüren erlebte, hat Quitterer in einem Buch festgehalten. Alles sei authentisch, betont sie an einem sonnigen Morgen in ihrer Nachbarschaft. «Das könnte man sich gar nicht ausdenken.» Dabei arbeitet sie inzwischen an einem fiktionalen Jugendbuch. Ihren früheren Job als Regieassistentin hat sie aufgegeben, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können.

Das Kuchenprojekt habe sie verändert, sagt Quitterer. Fasziniert hat es viele in Zeiten, in denen es zwischen Nachbarn oft entweder böses Blut oder gar keinen Kontakt gibt - gerade in der Großstadt. Mehrere Zeitungen berichteten. Schließlich hat Quitterer, Jahrgang 1982, es aufgenommen mit Berliner Originalen, potenziell Irren, bekifft-hungrigen Jugendlichen, sogar mit Schwaben und den Bewohnern der «Festung». So nennt Quitterer ein bei ihr zunächst verpöntes schickes Haus mit Videoanlage an der Klingel.

Nach und nach bekam sie Einblick in teils skurril eingerichtete vier Wände - wollte aber nicht urteilen, wie sie sagt. Statt einer Bestätigung ihrer Vorurteile fand sie zahlreiche Freunde. Viele Kontakte hielten bis heute, sagt sie.

Doch wie kam sie überhaupt auf die Idee? Quitterer war frisch aus einem anderem Bezirk zu ihrem Partner nach Prenzlauer Berg gezogen. Damals war in der Nachbarschaft eine einzige Litanei zu hören: Diese Schwaben! Diese Yuppies! Touris, Ossis, Wessis! Und erst all die Mütter! Die steigenden Mieten! Wenn sich alle selbst zu den Guten zählen, wo sind dann die Bösen? Das fragte sich Quitterer.

Neugierig auf fremde Wohnungen war sie ohnehin schon immer. «Und ich hatte die Decke auf dem Kopf», sagt sie und meint ihren damaligen Mama-Baby-Alltag. Ihr Partner machte aber keinen Hehl daraus, dass er die Wette für eine Schnapsidee hielt. Vielleicht gab er gerade damit den Anstoß, dass Quitterer ihren Kopf durchsetzte und bald zaudernd vor ersten Haustüren stand. Sie, die von sich behauptet, schüchtern zu sein und auch nicht wirklich backen zu können. Überwunden habe sie sich nur unter dem Vorwand des Projekts, erzählt sie.

Viele Nachbarn öffnen ihr dann doch, selbst wenn sie im Gegenzug missratene Schweineohren aus Tiefkühlblätterteig essen müssen. Quitterer isst mit, die Kalorien hat sie nicht gezählt. Nicht immer klingelt sie mit Erfolg, manche Ausreden wiederholen sich. Wenn Quitterer aber erst einmal drin ist, wird es abwechslungsreich: Mal bereitet ein Hausbesuch Nervenkitzel, andere Begegnungen rühren.

Im Buch wird das ach so anonyme Berlin zum Dorf. Der Weg zum Supermarkt dauert für Quitterer gegen Ende des Projekts statt drei nun 30 Minuten. Auch unerkannt im Straßencafé sitzen - das geht nur noch um die Ecke, wo sich Quitterer schon wieder eine andere Welt eröffnet. Nur von Kuchen hat sie jetzt die Nase voll. «Die Abneigung kam verspätet», sagt sie. Wenn Quitterer heute gebeten wird, zum Kindergeburtstag zu backen, laute ihre intuitive Antwort: «Bäh!»

Stephanie Quitterer: «Hausbesuche - Wie ich mit 200 Kuchen meine Nachbarschaft eroberte.» Knaus Verlag. ISBN: 978-3-8135-0685-3

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