Giftiger Streit um den Störfall

WOOLREC Experte: Firma hätte nie in Tiefenbach in Betrieb gehen dürfen

Was ist drin und wie gefährlich ist der bei Woolrec lagernde Abfall? (Foto: Gross)

Die Behördenschelte geht bis ins Grundsätzliche: Woolrec hätte in so direkter Nähe zu Wohnhäusern nie genehmigt werden dürfen, meint Oliver Kalusch, Mitglied der Kommission für Anlagensicherheit beim Bundesumweltministerium.

Dreh- und Angelpunkt für die unterschiedlichen Auffassungen über die Gefährlichkeit von Woolrec und dessen Abfällen ist die Frage, ob die Störfall-Verordnung gilt oder nicht. Darüber wird seit Jahresbeginn gestritten.

Da hatte Peter Gebhardt, Chef des Ingenieurbüros für Umweltschutztechnik (IfU) in Lollar, mit seinem Gutachten eine deutliche Antwort gegeben: "Woolrec fällt unter die erweiterten Pflichten der Störfallverordnung, da die dort zur Lagerung zugelassenen Abfälle als sehr giftig einzustufen sind." Gebhardt stützte sich auf die Einstufung von Abfällen durch die Kommission für Anlagensicherheit.

Experte nennt Verhalten der Behörde "erschreckend" und "fatal"

Demnach fallen Abfälle aus künstlichen Mineralfasern (KMF) in die höchste Gefahrenkategorie. Gebhardt: "Grund sind nicht die krebserzeugenden Fasern an sich, sondern die Anhaftungen an solchen KMF-Abfällen, wie Schwermetalle und PCBs." Die Abfälle, von denen sich lange weit mehr als zulässig in der Woolrec-Halle getürmt hätten, bezeichnete Gebhardt als "Vielstoffgemisch, von dem man nicht weiß, was drin ist" - ehe die Genehmigungsbehörde das nicht geprüft habe.

Dass die Zusammensetzung der Abfälle beim RP unbekannt ist, bestätigte die zuständige Fachabteilung auf eine Anfrage der Woolrec-Gegner von der IG Tiefenbach. In der schriftlichen Antwort heißt es, es liege "keine Information zur Zusammensetzung der Abfälle vor". Und gleichzeitig "Es gibt keine Anhaltspunkte, dass gefährliche Inhaltsstoffe in den KMF-Abfällen enthalten sein können."

Als "nicht nachvollziehbar" und "fatal" bezeichnete die Herangehensweise der Behörde das Kommissionsmitglied Oliver Kalusch im Gespräch mit dieser Zeitung. Einerseits behaupte das RP, die Abfälle seien völlig unproblematisch, andererseits wisse die Behörde offenbar überhaupt nichts über deren Inhalt. Für Kalusch steht außer Frage, dass der Woolrec-Betrieb unter die StörfallVerordnung fällt.

Schon allein aus dem Grund, dass niemand sehr giftige Inhaltsstoffe in den erforderlichen Konzentrationen ausschließen könne, müssten die Abfälle in die schärfste Kategorie als "sehr giftig" eingestuft werden. So sehe es der Leitfaden KAS-25 zur Störfallverordnung vor.

Die Einstufung als "sehr giftig" bedeute weitreichende Konsequenzen, erklärt Kalusch. Auch bei der Verladung und dem Abtransport mache es einen Riesenunterschied, ob man es mit - "bagatellisiert" - "Dämmstoffabfällen" oder "sehr giftigen Stoffen" zu tun hat. Ein Entweichen müsse in jedem Fall verhindert werden. Verladen werden dürfe ausschließlich von geschultem Personal, so Kalusch.

Und Kalusch geht noch weiter: Woolrec hätte nie in Tiefenbach errichtet werden dürfen, urteilt der Experte. Aus seiner Sicht darf der Abstand zu Wohnhäusern auf keinen Fall unter 150 Metern liegen. Einen angemessenen Abstand verlangten sowohl die sogenannte Seveso-Richtlinie der Europäischen Union als auch das BundesImmissionsschutzgesetz.

Das RP hätte nach Ansicht Kaluschs deshalb prüfen müssen, was genau sich in den Abfällen befindet und "womöglich dem zuständigen Landesministerium und dieses dem Bund melden müssen, dass es in Tiefenbach einen Störfallbetrieb gibt". Der Bund hätte diese Information dann an die EU weitergeben müssen. Unterlasse die Aufsichtsbehörde aus welchen Gründen auch immer diese Meldung und sorge nicht dafür, dass die Pflichten der Störfall-Verordnung erfüllt werden, dann drohe im Extremfall ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik vor dem Europäischen Gerichtshof, so Kalusch. Die Strafzahlungen bewegten sich bei "einigen Hunderttausend Euro" pro Tag, die der Bund im Fall der Fälle an das Land Hessen "durchreichen" würde.

Im Extremfall soll Klage vor dem Europäischen Gerichtshof drohen

Eine RP-Sprecherin räumte auf Anfrage dieser Zeitung schriftlich ein, "dass eine Gefährlichkeit nach der Störfallverordnung zwar grundsätzlich in Betracht kommt". Darüber entscheide aber ausschließlich die Einzelfallprüfung (...)." Diese habe stets dadurch stattgefunden, dass Woolrec zur Annahme von gefährlichem Abfall Entsorgungsnachweise mit einer "Deklarationsanalyse" über die enthaltenen Substanzen und deren Anteile vorlegen musste. So hätten Anteile gefährlicher Stoffe, die zu einer Anwendung der Störfall-Verordnung hätten führen können, jederzeit ausgeschlossen werden können, heißt es.

Kalusch reicht das nicht. Weder existierten bundesweit einheitliche Standards für die Deklarationsanalysen, noch dürfe sich das RP auf die Angaben des Betriebs verlassen. Kalusch: "Es wäre interessant, die Deklarationsanalysen der vergangenen drei Jahre einzusehen."

Einmal mehr blankes Entsetzen herrscht nun bei der IG Tiefenbach. "Ich bin sprachlos, was da noch alles herauskommt. Es ist erschreckend, dass beim RP Menschen sitzen, die anscheinend gar keine Ahnung von der Materie haben und auch jetzt noch Fehler machen. Aber es wird weiter abgewiegelt und abgelenkt", sagte Anwohnerin Wendy Menz.

Und Elisabeth Schneider: "Es macht uns wütend, dass wegen dieser Fehler unsere Kinder und wir zehn Jahre mit einer Sondermüllfabrik direkt neben unseren Gärten leben mussten."


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Kommentare (13)
Der Notgeschäftsführer macht auch nur was Fritsch ihm sagt. Fritsch hat den ja nicht ausgewählt weil der Herr neutral ist, der hat ihn ausgewählt weil man sich kennt und man so jemanden besser sagen kann ,was er sagen mehr
darf und was nicht. Nennen wir es nen Freundschaftsdienst, wo jeder was von hat.
Interessant sind 2 Informationen aus der Druckausgabe der WNZ zu diesem Thema (Woolrec fährt Abfall nach Erfurt): 1. RP musste Zwangsgeld und Ersatzvornahme androhen, damit Woolrec überhaupt was machte. Der mehr
Notgeschäftsführer verhält sich also nicht anders als der wegen Unzuverlässigkeit abgesetzte frühere. 2. Die Finanzierung der Entsorgung durch Woolrec ist "gesichert". Das dürfte so manchen Gläubiger interessieren...
Die RP-Mitarbeiter, die jetzt in Tiefenbach beim Abtransport des Woolrec-Mülls dabeistehen, tragen voll vermummt Schutzanzüge und Atemmasken. Ich kann das wirklich verstehen, denn ich würde da oben auch nur mit mehr
Atemmaske herumlaufen! Es ist nur so bitter für uns Tiefenbacher, das uns die gleichen Mitarbeiter 10 Jahre lang verschaukelt haben und einreden wollten alles sei ja soo harmlos! Wir Anwohner konnten ja nicht 10 Jahre lang mit Atemmasken herumlaufen, unsere Kinder erst recht nicht. Ich hab eine Riesenbitte an die Verantwortlichen im RP: Gebt doch endlich mal zu, das ihr Mist gebaut habt. Immer weitere Ausflüchte auf unsere Kosten, das kann man doch nicht machen!!!! Wenn ihr jetzt wieder so tut, als wäre alles harmlos, um euren eigenen Stuhl zu retten, dann kann doch Woolrec nach einer kleinen Schamfrist wieder weitermachen wie immer? Auch wenn Woolrec dann nicht mehr so heißt, dann heißen die halt anders. Laßt uns doch nicht mit den Woolrec-Chefs allein!!! Sind wir Bürger euch völlig egal, Hauptsache, ihr kommt heil aus der Sache raus?
Hat das RP Gießen schon wieder vergessen, dass sie wegen der Dioxine, PCB und Schwermetalle in der Halle den Woolrec-Betrieb dicht gemacht haben? Und jetzt sagen sie, es gäbe „keine Anhaltspunkte“ für gefährliche mehr
Inhaltsstoffe im KMF-Sondermüll? Das ist doch nicht zu fassen! Leidet das ganze RP Gießen an Gedächtnisschwund?

Dass das RP Gießen 10 Jahre lang die Gefährlichkeit des KMF-Sondermülls ignoriert hat, haben wir Tiefenbacher am eigenen Leib erfahren. Aber jetzt kann man doch nicht mehr so tun, als wüsste man von nichts????
Es ist wirklich erstaunlich, für wie dumm die Redaktion ihre Leser hält und wie perfide diese scheinbar harmlosen Kommentatoren arbeiten! Lieber Leser, googelt doch bitte erstens mal diesen "Experten" und dann fragt mehr
zweitens zum Beispiel den "HilmarHirnschrodt" mal, wie er im richtigen Leben heißt und was er so tut! Wir sind im WAHLKAMPF Leute!!! In drei Wochen gibt's dann aber wieder sachlichen Journalismus ... hoffe ich.
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