Thomas Melles Flug und Fall eines Manisch-Depressiven

Auf der Buchpreis-Shortlist
Thomas Melle
Thomas Melle berichtet von seiner bipolaren Erkrankung. Foto: Arne Dedert

Das ist nicht despektierlich gemeint, denn der Berliner Autor, Jahrgang 1975, beschreibt in seinem neuen Buch «Die Welt im Rücken» selbst schonungslos offen seine dem Wahnsinn eng verwandte bipolare Erkrankung, die vor mehr als 15 Jahren ausbrach.

Melle selbst bevorzugt den älteren Begriff manisch-depressiv - zumindest für sich. «Erst bin ich manisch, dann depressiv: ganz einfach», schreibt er, der an der schweren Form leidet, an Bipolar I. «Ich bin einer derer, die die Jahreskarte gezogen haben. Wenn ich abrutsche oder hochfliege, dann für eine lange Zeit. Dann bin ich nicht mehr zu halten, ob nun im Flug oder im Fall.»

Nach erfolgreichen Theaterstücken und Romanen («Sickster»/2011, «3000 Euro»/2014) hat der preisgekrönte Melle nun seine Krankheit zum Thema gemacht, das schon - wenn auch reduziert und verschleiert - in die Vorgängerwerke einfloss. Nun aber soll die Fiktion pausieren. «Ich muss mir meine Geschichte zurückerobern.» Das tut er in «Die Welt im Rücken» so ausgiebig, wie wohl noch niemals zuvor außerhalb der Fachlektüre über jenes Leiden berichtet wurde, das ein extrem hohes Suizidrisiko in sich birgt. Schon nach den ersten Seiten weiß man, warum.

Seine eigene Geschichte zurückerobern, heißt auch: sich den Frust, die Scham von der Seele zu schreiben. Denn Melle präsentiert sich völlig nackt einem Laienpublikum. Dazu gehören Mut - und eine Portion Narzissmus. Auch die ist im engen Zusammenhang mit der Krankheit zu sehen. In der manischen Phase bei Melle - anders als bei den leichteren und meist wesentlich kürzeren Formen - bezieht er alles auf sich, sieht sich sowohl als Ziel von Angriffen als auch als Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, als Verfolgter und als Begehrter, als intellektuell Überlegener und als absoluter Verlierer. Als einer, der den Verstand zu verlieren scheint. «Spreche ich bei mir von einer Manie, ist also meist auch die Psychose mitgemeint, die einen erheblichen und wahnhaften Realitätsverlust bis hin zu halluzinatorischen Momenten bedeutet. (...) Und je heftiger die Manie, desto tiefer und zäher die Depression.»

Drei Mal hat Thomas Melle bisher heftige manische Schübe überstanden, «die sich in ihrer Dauer von Mal zu Mal gesteigert haben: 1999 waren es drei Monate, 2006 ein Jahr, 2010 sogar fast anderthalb Jahre. Die Depressionen danach fielen ebenfalls entsprechend lang und qualvoll aus.» Und währenddessen hat sich der in Berlin lebende Literaturwissenschaftler auch materiell nahezu ruiniert: «Ich hatte kein Konto, keine eigene Wohnung, nur Schulden und Prozesse am Hals.» Freundschaften brachen weg, Beziehungen - wenn überhaupt - waren meist nur von kurzer Dauer. Doch es gab auch Lichtblicke: Treue Bekannte, auch eine Partnerin, hielten es mit ihm und seiner Krankheit aus, ihm wichtige Menschen stigmatisierten ihn nicht. Sie alle gingen ein Stück Weg mit ihm. Medikamente halfen, das unberechenbare psychische Übel zu dämpfen und halbwegs zu kontrollieren. Sicher kann sich Melle nicht sein, dass es nicht wiederkommt. Aber er hofft.

Das ungemein berührende Buch ist wahrlich nicht leicht zu lesen. Auch wem derartige Neuronen-Attacken fremd sind, lässt sich mitreißen von der Heftigkeit der Melleschen Kopfbilder mit oft fatalen Folgen. Er kommt nicht umhin, nach Luft zu schnappen und sich festzuhalten an für ihn wichtigen Fixpunkten, um die Orientierung zu behalten. Umso besser versteht man, dass dieser Mann und andere Betroffene Qualen leiden, wenn der eigene Antrieb wie ein Pferd scheut und durchgeht, die Gedanken durcheinanderwirbelt. Bis zu dem Punkt, an dem diese dem Hirn dann glasklar die Sinnlosigkeit des gerade Erlebten und einen neuen Tiefpunkt im Befinden signalisieren - meist verbunden mit Scham über die bei massiver Selbstüber- oder -unterschätzung begangenen Peinlichkeiten.

Nein, das Buch - obwohl stilistisch bewundernswert - ist nicht leicht zu lesen. Wegen der schwer zu verkraftenden Thematik. Aber wer es liest, gewinnt: an Einsicht, an Verständnis, an einer neuen Sicht der fragilen menschlichen Psyche. Das Werk, das weder Roman noch Sachbuch ist, wurde aus gutem Grund für den Deutschen Buchpreis vorgeschlagen - und schaffte es in die Shortlist der sechs Finalisten.

Melle wird das weniger wichtig sein. Für ihn zählt der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt: «Ich bin gescheitert als einer, der überkommen war. Dieses Fossil gibt es nicht mehr. Jetzt kann alles neu beginnen. (...) Die Welt im Rücken werde ich nicht aufgeben.»

- Thomas Melle: Die Welt im Rücken. Rowohlt Verlag Berlin, 352 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 978-3-8713-4170-0.

Die Welt im Rücken


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