Ein Klavier erzählt - Jarvis Cocker und Chilly Gonzales

Room 29
Room 29
Jarvis Cocker (r) und Chilly Gonzales wandeln zwischen Traum und Realität. Foto: Alexandre Isard/Deutsche Grammophon

Der eine, Cocker, Front-Sänger der Britpop-Band Pulp, kehrte nach Jahren des kommerziellen Erfolgs der Öffentlichkeit weitestgehend den Rücken. Heute lebt der als Exzentriker geltende Sänger mit Hornbrille zurückgezogen in Paris.

Der andere, der sich Chilly Gonzales nennt, ist ein gefeierter Pianist, der am liebsten in Morgenmantel und Hausschuhen auftritt. Dass etwas Besonderes dabei herauskommt, wenn sich die beiden Exzentriker Cocker und Gonzales zusammentun, war zu erwarten. Ihr erstes gemeinsames Album heißt «Room 29».

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Das Gemeinschaftsprojekt überrascht. Zunächst ist es wohl die Tatsache, dass «Room 29» Geschichten aus der Sicht eines Stutzflügels erzählt, der in einem Hotelzimmer steht. Natürlich handelt sich dabei nicht um irgendein Hotelzimmer, sondern um das Zimmer 29 im legendären Hotel Chateau Marmont in Hollywood.

In dem Hotel sollen die Mitglieder der Band Led Zeppelin die Lobby auf Motorrädern durchquert haben und Schauspieler John Belushi an einer Überdosis gestorben sein. Die zahlreichen Geschichten rund um das Hotel aus der Sicht des Musikinstruments sind der erzählerische rote Faden des Albums.

Cocker hatte die Idee zu «Room 29» im Jahr 2012, als er selbst in dem Hotel wohnte. «Irgendwas hat bei mir einfach Klick gemacht, als ich das Klavier sah», erzählt Cocker in einem Interview mit dem «Rolling Stone». Also habe er Gonzales, mit dem er schon länger eine Zusammenarbeit geplant hatte, das Konzept von einem Klavier als Geschichtenerzähler vorgeschlagen. Ihm gefiel die Idee. Cocker steuerte die Texte, Gonzales die Musik bei.

Herausgekommen ist ein Liederzyklus, der durch einen starken inhaltlichen Zusammenhang der einzelnen Stücke geprägt ist. Trotzdem sei es beiden wichtig gewesen, dass die Songs für sich stehen könnten. Dies sei in Zeiten, in denen sich die Menschen nicht mehr viel Zeit für Musik nähmen, nun mal nötig. Aber: «Wenn Leute zu gestresst sind, dann wollen wir sie nicht», sagt Gonzales in einem Interview.

52 Minuten lang laden Cocker und Gonzales die Hörer ein, sich in 16 Titeln auf eine sehnsuchtsvolle Reise in Hollywoods geschichtsträchtige Vergangenheit einzulassen. Einfache Melodien, voller Melancholie von dem Piano-Virtuosen Gonzales gespielt, erzeugen eine Befangenheit, der man sich kaum entziehen kann. Passagenweise begleitet das Hamburger Kaiser Quartett Gonzales' Klavierspiel, das irgendwo zwischen leidvoll und sehnsüchtig klingend anzusiedeln ist.

Eingehende Recherchen, was sich in dem Hotelzimmer abgespielt hat oder, von der Wahrheit ausgehend, abgespielt haben könnte, inspirierten die Künstler. Der Titel «Bombshell» handelt von der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Harlow, die im Jahr 1932 ihre Flitterwochen in dem Zimmer verbrachte. Ihr Ehemann, Drehbuchautor Paul Bern, nahm sich zwei Monate später das Leben.

Es sei die Verschmelzung von der Realität - den Menschen, die wirklich im «Room 29» gewohnt haben - und all den unerreichbaren Fantasien, die Hollywood verkörpert, die das Album maßgeblich beeinflusst haben. Ein Hotelzimmer, ganz besonders in Hollywood, sei für viele Menschen ein Ort zum Träumen. Dort angekommen, sei es aber - in der Anonymität des Zimmers auf sich selbst zurückgeworfen - oft anders als erwartet. «In dem Album geht es darum zu realisieren, dass viele deiner Träume und Fantasien nicht deine eigenen sind. (...) Und das ist eine entscheidende Erkenntnis», sagt Cocker über den Liederzyklus.

«Room 29» ist ein schwermütiger Abgleich zwischen Traum und Realität. Einer, dem sich die beiden Exzentriker mit der nötigen Portion Humor nähern, wenn sie im letzten Titel auf dem Album «Ice Cream as Main Course» über Sex und Champagner-Partys singen. «Wenn du dir Zeit nimmst, eine Nacht in einem schönen Hotelzimmer zu verbringen, verlässt du es am nächsten Tag erholt und mit einer schöneren Sicht von der Welt», erzählt Cocker. Und genau das sei der Grund, weshalb es sich lohne 52 Minuten im «Room 29» zu verbringen.

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