Kein Wunder, dass die Gerüchteküche kocht

Von Steffen Gross

Lautlos und förmlich per Vertrag hatten Regierungspräsident Lars Witteck und Woolrec einen Waffenstillstand ausgehandelt - mit viel gegenseitigem Entgegenkommen. Das Erstaunliche: Offenbar beide Seiten können mehr als gut mit dem Ergebnis leben, ja es sogar jeweils für sich als Erfolg verbuchen. Kein Wunder, dass trotz aller berechtigter Freude die Gerüchteküche kocht.

Witteck ist mit dem Papier ein schweres Erbe seines Vorgängers Winfried Schmied los, das er mit seinem Amt 2009 angetreten hatte und mit dem er zusehends eine schlechte Figur machte. Der Behördenchef, der Ambitionen auf die große Karriere in der Hessen-CDU nie dementiert, vergrub sich allzu lange hinter Paragrafen und bürokratischen Hürden, während ihm das Politikum Woolrec in der Öffentlichkeit um die Ohren flog.

Das Desaster gipfelte vor dem Verwaltungsgericht, das der Entsorgungsfirma nicht nur erneut den Weg ebnete, sondern obendrein dem RP dilettantisch-halbherziges Vorgehen attestierte. Alles Schnee von gestern, heißt es nun. Ministerpräsident Bouffier und Umweltministerin Puttrich werden froh sein, das neben dem privatisierten Uniklinikum zweite leidige Thema in Mittelhessen zum Wahlkampfauftakt los zu sein.

Aufatmen auch bei den Woolrec-Verantwortlichen. Nach vielen Monaten erbitterter und teurer Auseinandersetzungen dürfte das Unternehmen im letzten Moment an der Insolvenz vorbeigeschrammt sein. Sein Gesellschafter ist nach der Zurücknahme der Unzuverlässigkeitsverfügung rehabilitiert. Alles zurück auf Null, heißt es bei Woolrec. Um anschließend bundesweit durchzustarten.


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Kommentare (3)
Herr Witteck hat wirklich eine üble Altlast geerbt. Was unter seinem Vorgänger im RP Gießen bei der Woolrec-Genehmigung alles passiert oder vor allem nicht passiert ist, das muss gruselig gewesen sein. Das muss endlich mehr
mal ans Licht! So kommt er als neuer Chef in eine Behörde und erbt Mitarbeiter, bei denem man den Eindruck hatte, sie würden um Himmels Willen nichts an der schönen Einstellung zur Firma Woolrec ändern wollen. Wie sagte Herr Eckert so schön: Große Langmut im RP Gießen gegenüber Woolrec! Nett ausgedrückt! Hätte Herr Witteck das früher merken müssen oder früher merken können? Und was ist mit Frau Puttrich?
Also dass das Unternehmen "rehabilitiert" sein sollte ist ja wohl so nicht richtig.

Ein Jahrzehnt Giftmüllverarbeitung hat vielfältige und nachhaltige Schäden verursacht. In den Anwohnergärten. Möglicherweise bei den mehr
Anwohnern selbst. Bei den Woolrec-Arbeitern höchstwahrscheinlich. In tausenden von Ziegelhäusern, in denen jetzt das Gift steckt. In eine halbe Million Euro Fördergelder für ein vorgetäuschtes "umweltfreundliches Recyclingkonzept". In einem sanierungsbedürftigen Gewerbegebiet - ob das Woolrec jemals zahlen wird erscheint im Hinblick auf das bisherige Verhalten mehr als zweifelhaft.

Zwei Staatsanwaltschaften ermitteln seit bald einem Jahr gegen Woolrec und Konsorten.

Woolrec hat einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden verursacht. Den ignorierte RP Gießen jetzt, wohl in der Hoffnung sich im Wahljahr selber aus der Schusslinie zu bringen.

Wenn eine staatliche Behörde aus Opportunitätsdenken offensichtliche Umweltverstöße einfach vom Tisch wischt, dann hat das einen ganz unangenehmen Beigeschmack. Auch wenn Tiefenbach auf den ersten Blick davon profitieren zu scheint.

"Rehabilitiert" ist was anderes.
„So ging der Kaiser unter dem prächtigen Thronhimmel, und alle Menschen auf der Straße und in den Fenstern sprachen: „Wie sind des Kaisers neue Kleider unvergleichlich! Welche Schleppe er am Kleide hat! Wie schön sie mehr
sitzt!“ Keiner wollte es sich merken lassen, daß er nichts sah; denn dann hätte er ja nicht zu seinem Amte getaugt, oder wäre sehr dumm gewesen. Keine Kleider des Kaisers hatten solches Glück gemacht als diese.

„Aber er hat ja gar nichts an!“ sagte endlich ein kleines Kind. „Hört die Stimme der Unschuld!“ sagte der Vater; und der eine zischelte dem andern zu, was das Kind gesagt hatte.

„Aber er hat ja gar nichts an!“ rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn das Volk schien ihm recht zu haben, aber er dachte bei sich: „Nun muß ich aushalten.“ Und die Kammerherren gingen und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.“
(Hans Christian Andersen, Des Kaisers neue Kleider).

Immer wieder erstaunlich, wie aktuell die alten Märchen sind. Sozusagen ein „Recyclingmärchen“, nicht wahr?
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