Tony Visconti: Ich möchte die zukünftigen Stars entdecken

Reeperbahn Festival
Tony Visconti
Tony Visconti in Hamburg auf dem Reeperbahn Festival. Foto: Daniel Reinhardt

Zur Zeit ist er auf dem Hamburger Reeperbahn Festival unterwegs, wo er in der Jury der ersten «Anchor»-Awards sitzt. Zeit für ein Gespräch über damals und heute.

Frage: Was war Ihre Motivation, in der Jury des «Anchors» zu sitzen?

Antwort: Das Reeperbahnfestival ist eine Investition in neue Talente, die - meiner Meinung nach - nicht mehr so viele Möglichkeiten haben, wie in der Vergangenheit. Labels beispielsweise verpflichten weniger neue Talente. Ich möchte die zukünftigen Stars entdecken. Ob männlich oder weiblich. Ob Rock oder Pop oder andere Genres. Ich hoffe, in der Menge jemanden zu finden, mit dem ich gerne arbeiten würde.

Frage: Sie sagen, dass es schwieriger für neue Talente ist. Wie hat sich das Musikbusiness in den letzten Jahrzehnten geändert?

Antwort: In den 1970er Jahren hat man nach einzigartigen Künstlern geschaut, nach solchen, die anders sind. David Bowie war einer von ihnen. Er war strange. Ein paar Jahre vorher wurde er noch abgelehnt. Aber dann hat sich das Spiel etwas geändert. Jeder, der etwas seltsam oder anders war, war nun gefragt - und zwar ganz verschiedene Leute.

Frage: Und heute?

Antwort: Heutzutage wollen Labels Stars, die nicht zu unterschiedlich sind. Wenn eine Adele erfolgreich ist, wollen Sie eine andere Person, die wie Adele ist, oder eben eine zweite Beyoncé. Sie wollen den sicheren Weg gehen, um Geld zu machen. Sie versuchen zu erraten, was das Publikum will, basierend auf den Hits von gestern. Aber damit sind die Leute schon durch.

Frage: Können Sie sich an Ihre erste Begegnung mit Bowie erinnern und haben Sie sein Potenzial gleich erkannt?

Antwort: Absolut. Wir trafen uns 1967. Ich war von Amerika nach England gekommen, um Neues zu entdecken. Sein Verleger, der mein Boss war, sagte mir: «Wir haben da diesen Künstler, den solltest du dir anhören. Es ist etwas ungewöhnlich.» (...) Er fragte mich, ob ich ihn treffen wolle. Ich sagte: «Ja klar». Und er sagt: «Er sitzt im Zimmer nebenan». Das war alles arrangiert. Da saß er und wartete auf mich mit einem breiten Lächeln und das erste was ich wahrgenommen habe, waren seine Augen mit den zwei unterschiedlichen Farben. (...) Wir haben schlussendlich den ganzen Tag miteinander verbracht und über Musik geredet. Wie waren wie Brüder, wir mochten dieselben Dinge.

Frage: Zehn Jahre später haben Sie in Deutschland an der berühmten Berlin-Trilogie gearbeitet. Wie kam es dazu?

Antwort: Wir hatten in Paris an Low gearbeitet, aber wir wollten es nicht dort mixen. David sagte: «Ich habe jetzt diese Wohnung in Berlin». Und ich sagte: Das ist schön, ich war noch nie in Berlin.» Und dann kam ich ins West-Berlin der 70er Jahre.

Frage: Etwas später kamen Sie nach Berlin zurück, um ebenfalls in den Hansa-Studios «Heroes» aufzunehmen. Wie wild war diese Zeit?

Antwort: David kannte sich inzwischen richtig aus in Berlin und hatte jede Menge Freunde. Wir arbeiteten im Studio und dann schleppte er uns in irgendwelche Kunstgalerien, David liebte Kunst. Aber es war nicht zu verrückt. Es gab keine Drogen, wir haben Bier getrunken. (...) Wir hatten kein Geld, aber wir hatten eine fantastische Zeit.

Frage: Ist Geld auch ein Unterschied zur heutigen Musikindustrie?

Antwort: Die Labels verpflichteten in den 70er Jahren vielleicht 50 Künstler im Jahr und gaben ihnen ein bisschen Geld, nicht Millionen von Dollar wie sie es heute machen. (...) Heutzutage fürchten sich die Labels davor, das zu tun. Sie investieren viel Geld in gerade Mal drei Leute. Wenn die Türen sich nur für drei öffnen, hast du Tausende Leute, die keine Chance haben. Ein hochklassiges Beyoncé-Video für nur einen Song kostet eine Millionen Dollar. Damals brauchten wir nur einige Tausend Dollar um eine ganze Platte zu machen.

Frage: Was raten Sie den Künstlern heutzutage?

Antwort: Wir sind nicht von der großen Musikindustrie abhängig. Wenn die Plattenfirmen einen nicht unterstützen, können Künstler ihr eigenes Label gründen, eigene Vinyls pressen lassen und online verkaufen und über die eigene Webseite und Facebook promoten. Du musst nicht gezwungenermaßen über iTunes oder Spotify gehen. Das Beste was ein Künstler heute machen kann, ist ein Live-Künstler zu sein: Rausgehen, Konzerte spielen und Merchandising verkaufen.

Frage: Wie ist es eigentlich mit dem Nachlass von David Bowie, sind da nicht Menschen, die Geld aus seinem Werk rausziehen wollen? Und es soll ja noch fünf unfertige Demos geben?

Antwort: Ich sage Ihnen so viel: Seine Familie - seine Frau und sein Sohn - haben die Hand darauf und sie sind gute Leute, sie wollen kein Geld aus ihm machen. Es gibt unveröffentlichtes Material. Und für die Fans, die es hören wollen, wird es vielleicht veröffentlicht. Aber das braucht alles seine Zeit. Momentan weiß ich nicht, was die Pläne sind. Ich habe die fünf Demos noch nicht gehört. Aber ich weiß, dass sie existieren, weil er mir das erzählt hat.

ZUR PERSON: Produzent und Musiker Tony Visconti (72) arbeitete mit großen Namen wie Marc Bolan, Morrissey und vor allem David Bowie. Mit ihm produzierte er über fünf Jahrzehnte mehr als ein Dutzend Alben - von «Space Oddity» (1969) bis zu «Blackstar» (2016), das kurz vor Bowies Tod erschien. Visconti lebt in seiner Geburtsstadt New York.

Anchor Award

Reeperbahnfestival


NEU: Die mittelhessen.de News-App. Jetzt kostenlos für Apple und Android laden!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2016
Kommentare (0)
Mehr aus unzugeordnet DPA