| Was bedeutet Ihr Name?
Professor Hans Ramge klärt Leserfragen
Von Klaus P. Andrießen
Gießen. Wenn Professor Hans Ramge
einen ungewöhnlichen Familiennamen hört, gibt er ihn auf einer
Internet-Seite ein und schaut sich an, wo die Menschen wohnen, die so heißen.
„Das Internet hat das Interesse der Menschen an ihren Namen enorm gefördert
– und auch die wissenschaftliche Forschung“, sagt der Gießener
Germanist. Künftig wird er darüber berichten,
was er über einzelne Personennamen herausgefunden hat. Vor allem kümmert
er sich um Namen, deren Bedeutung unsere Leser erfahren möchten.
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Verbindet
das in Büchern gesammelte Wissen mit eigenen Nachforschungen,
Ideen und flüssiger Schreibe: Professor Hans Ramge findet heraus,
was Namen bedeuten. (Foto: Andrießen) |
Nach seinem Ausscheiden aus dem aktiven Dienst beschäftigt sich der
Leiter des Hessischen Flurnamenarchivs an der Uni Gießen heute oft mit
mittelhessischen Familiennamen. Bereits in den 90er Jahren hatten ihm
seine Studenten gezeigt, dass sie sich weit mehr für die Bedeutung und
Geschichte ihrer Vor- und Familiennamen interessierten als für die
„wissenschaftlich ergiebigeren Orts- und Flurnamen“.
Auch mit den Sprachverhältnissen in Wetzlar hat er sich bei seinen
sprachgeschichtlichen Forschungen beschäftigt. Seine Abschlussvorlesung
widmete der 2005 emeritierte Sprachwissenschaftler dem Kochbuch, das
Goethes Großmutter Anna Margaretha Justina Lindheimerin aus Wetzlar als
12- oder 13-Jährige geschenkt bekommen hatte.
Wer hatte die Rezeptsammlung in säuberlicher Handschrift
aufgezeichnet, die später durch zahlreiche Einträge des Ehegatten der
Lindheimerin, Johann Wolfgang Textor, zu einem Haus- und Familienbuch
erweitert worden war? Ramges Ergebnis deutet auf die Tante, eine
verheiratete Büßer: „Nach den Sprachgebräuchen zu urteilen, stammt
die Schreiberin aus Wetzlar, verfügt über ein umfangreiches Rezeptwissen
aus verschiedenen Quellen für eine ,gutbürgerliche’ Küche und bewahrt
möglicherweise spurenhaft hennebergisch-thüringische Sprachelemente
...“
Und auch sonst schaut der Professor nicht an die Wände des
Elfenbeinturmes, sondern sucht vor Ort nach Forschungsgegenständen. So
gelingt ihm ein außerordentlicher Fund im Wetzlarer Stadtarchiv: das
erste komplett auf Deutsch abgefasste Gerichtsprotokoll. Da streitet im
14. Jahrhundert Heinrich Waldschmidt mit seiner Schwester Demud über ein
Erbe. Als ihm der König Recht gibt, erzürnt das die Wetzlarer, denn
Waldschmidt erfreut sich keiner großen Beliebtheit in der Stadt.
Auffällig an Ramges Schriften ist, dass er seine Forschungen in einer
klaren, gut lesbaren Sprache beschreibt. Immer wieder hat der Leser den
Eindruck, dass ihm der Professor humorvoll zuzwinkert, während er Gründe
und Hintergründe sprachlicher Erscheinungen erklärt.
„Ich fühle mich als Hesse“, sagt Ramge, obwohl er in Berlin
geboren wurde. „Das war ein Zufall, weil mein Vater damals dort
arbeitete. Aufgewachsen und zur Schule gegangen bin ich in Worms.“
Was bedeutet Ramge?
Die Familie Ramge stammt aus dem Odenwald – und natürlich hat der
Forscher längst herausgefunden, was ihr Name bedeutet: Darin steckten der
Personenname „Reimo“ und die Verkleinerungsform „-chen“, schreibt
der Germanist. „Reimo“ wiederum geht auf den alten zweigliedrigen
Namen „Raginboto“ zurück. Dessen erster Teil hat die Bedeutung
„Rat, Ratschlag, Ratschluss“. So lässt sich als Namenbedeutung
„kleiner Rat“ erschließen. Erst 2007 hat Ramge die Namengeschichte
zum Gegenstand eines spannenden Büchleins gemacht, das nicht nur den
sprachlichen Zusammenhängen auf den Grund geht, sondern auch über die
Familien dieses Namens, ihre Herkunft und heute weltweite Verbreitung
informiert.
Sein Studium hatte Ramge in Mainz mit einer Doktorarbeit über
Siedlungs- und Flurnamen abgeschlossen, anschließend war er fünf Jahre
Lehrer für Deutsch, Geschichte und Philosophie. Mit einer Stelle an der
Uni Gießen begann seine wissenschaftliche Karriere, die über einige
Jahre in Saarbrücken wieder nach Gießen führte. Dort baute er seit 1980
das Hessische Flurnamenarchiv auf, das zunächst von der Stiftung
Volkswagenwerk und dann der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis 2002 gefördert
wurde. Als sein „Lebenswerk“ mag Ramge das Hessische Flurnamenarchiv
nicht bezeichnen – aber immerhin stehe Hessen mit den dort entstandenen
beiden großen Veröffentlichungen zu den Flurnamen „bundesweit und wohl
auch international an der Spitze der Forschung“. Außer den Forschungen
zur hessischen Sprachgeschichte hat der Professor unter anderem Bücher über
Kindersprache und Alltagsgespräche, die Unterrichtssprache und
Zeitungskommentare veröffentlicht.
Auf der Seite Namens- und Artikelübersicht
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