Frau Radinger, Yorkshireterrier und Wolf - Haben so unterschiedliche Tiere etwas gemeinsam?
Elli Radinger: Ja, natürlich! Laut DNA-Analysen sind alle Hunderassen, auch der Yorki, näher mit dem Wolf verwandt als beispielsweise der Wolf mit dem Kojoten oder Schakal.
Gilt das Gemeinsame auch für das Verhalten?
Radinger: Alle Hunde sind wie der Wolf grundsätzlich sozial, verteidigen ihr Revier, kommunizieren miteinander, jagen Beute. Der eine mehr, der andere weniger. Unabhängig von der Rasse kann man Hunde sehr gut mit jugendlichen Wölfen vergleichen: Die gleiche Spontanität, Verspieltheit, Naivität, Erkundungs-freude. Einige "unerwünschte" Wolfseigenschaften haben wir versucht, im Laufe der Jahrhunderte herauszuzüchten oder zu unterdrücken.
Als da wären?
Radinger: Beispielsweise der Jagdtrieb - was uns aber kaum gelungen ist. Jeder Hundebesitzer kann ein Liedchen davon singen, wenn sein Hund hinter einem Hasen herhetzt, nach dem Motto: "Das hat er doch noch nie gemacht!"
Rassespezifisch kann das Verhalten mehr oder weniger ausgeprägt sein, zum Beispiel bei Windhunden oder Jagdhunderassen. Hier können wir als Hundehalter uns nur darum bemühen, das Verhalten zu kontrollieren.
Warum sollten Hundebesitzer überhaupt Wölfisch verstehen?
Radinger: Da Wolf und Hund viele gemeinsame Eigenschaften haben, hilft es uns beim Zusammenleben mit unserem Hund, wenn wir wissen, wie er "tickt". Im Buch geben wir dem Hundehalter die Möglichkeit, sich intensiv mit den Eigenschaften und Verhaltensweisen von wilden Wölfen zu befassen und das auf den Alltag mit dem Hund zu übertragen.
Was ist der häufigste Fehler, den ein Mensch beim Hund macht?
Radinger: Man kann hier nicht verallgemeinern, Menschen und Hunde sind Individuen. Da gibt es nicht den Fehler. Das Problem ist, dass sich heutzutage immer mehr Menschen die falschen Hunde anschaffen (etwa weil sie so schöne blaue Augen haben), statt sich vorher über die Bedürfnisse eines Tieres zu informieren und darüber, ob es zu ihnen und ihrem Lebensstil passt.
Bei Schwierigkeiten werden so genannte Experten aufgesucht (der Markt boomt), deren Ratschläge kritiklos übernommen werden in der Hoffnung, dass das Tier schnell wieder funktioniert. Wir vergessen dabei völlig, auch einmal auf unseren Bauch zu hören. Manche Ratschläge sind so katastrophal, dass wir uns immer wieder wundern, warum ein Hundehalter da nicht sagt: "Stopp, das mache ich nicht mit!Auf der anderen Seite werden Hunde rund um die Uhr voll beschäftigt, damit sie "ausgelastet" sind: Agility, Obedience, Flyball ... Mein Tipp für alle Hundebesitzer: Lassen Sie ihren Hund einfach mal Hund sein und genießen Sie die Zeit mit ihm auf der Couch.
Sie wollen mit populären Irrtümern aufräumen. Zum Beispiel?
Radinger: Der bekannteste Irrtum ist der alles bestimmende "Alphawolf", der alle anderen Wölfe im "Rudel" dominiert und niedermacht. Fakt jedoch ist, dass es in Wolfsfamilien keinen alleinigen "Führer" gibt. Leitweibchen sind oft diejenigen, die Entscheidungen treffen. Wölfe leben in einem liebevollen Familienverband, bei denen die Eltern erfahrene und vorausschauende Idole für den Nachwuchs sind. Sie zeigen viel Interesse am sozialen Miteinander und vermitteln Schutz und Geborgenheit.
Der Wolf ist zurück in Deutschland, nicht nur im Osten, sondern auch in Bayern. Birgt das Gefahren?
Radinger: Für den Wolf in Bayern ja, fürchte ich. Es könnte ihm gehen wie Bär Bruno. Für die Menschen besteht überhaupt keine Gefahr. Im Osten, vor allem in der Lausitz, gibt es rund 60 frei lebende Wölfe, die mit dem Menschen keine Probleme haben. Da läuft auch ein Wolf mal nachts allein durch ein Dorf, ohne dass es jemand merkt. Die deutschen Wölfe sind extrem scheu, wir können von Glück reden, wenn wir einen zu Gesicht bekommen.
Sind ein Wolfsrudel und ein Mensch-Hund-Rudel vergleichbar?
Radinger: Wir verwenden heutzutage nicht mehr den Begriff "Wolfsrudel", sondern sprechen von "Wolfsfamilie". Der Begriff Rudel stammt aus der Gehegeforschung. Gefangene Wölfe zeigen in vielen Bereichen ein anderes Verhalten als die wilden Wölfe.
Und welches?
Radinger: Frei lebende Wölfe brauchen viel Zeit für Nahrungssuche und beim Umherwandern im Revier, Gehegewölfe nicht. Frei lebende Wölfe haben eine Familienkultur des Jagens, Gehegewölfe werden gefüttert. Bei Gehegewölfen herrscht oft aggressive Stimmung, besonders in der Paarungszeit, während sich frei lebende Wölfe aus dem Weg gehen oder abwandern können.
Zurück zur Frage der Vergleichbarkeit.
Radinger: Ich beobachte seit fast 20 Jahren das Verhalten von wilden Wölfen im Yellowstone-Nationalpark und stelle immer wieder fest, dass sie uns in vielem sehr ähnlich sind: liebevolle Familienmitglieder, autoritäre aber gerechte Leittiere, mitfühlende Helfer, durchgeknallte Teenager und alberne Spaßvögel. Ich wünschte mir manchmal, dass menschliche Familien mehr wie Wolfsfamilien wären.
Bloch/Radinger, "Wölfisch für Hundehalter", Kosmos Verlag, 192 S., viele Bilder, 19.95 Euro, ISBN 987-3-440-12264-8. Info: www.elli-radinger.de






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