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13.09.2010, 16:33 Uhr

Wetzlar

Glatteis für den Übersetzer


Ursula Gräfe berichtet über ihre Arbeit am Roman Harukis


Wetzlar (bon). Zu einem entspannten Vortrag in Form einer Lesung mit anschließendem Literaturgespräch lud am Freitag die Phantastische Bibliothek Wetzlar. Im Rahmen der Tage der Phantastik, in denen es um japanische Phantastik ging, berichtete die Japanologin Ursula Gräfe von Freud und Leid der Übersetzertätigkeit am Beispiel von Murakami Harukis Romanmehrteiler "1Q84". Lisette Gebhardt, Professorin für Japanologie an der Goethe-Universität Frankfurt, moderierte das Literaturgespräch.






Ursula Gräfe (l.) und Lisette Gebhardt (rechts) unterhielten sich gutgelaunt über den Roman "1Q84? Harukis.
Foto: BonackerzoomUrsula Gräfe (l.) und Lisette Gebhardt (rechts) un... | mittelhessen.de
Haruki, spätestens seit der Veröffentlichung des Romans "Naokos Lächeln" auch im Westen als internationaler Kultautor anerkannt, legt mit "1Q84" (gesprochen: Quzehnvierundachtzig) eine grob an Orwells "1984" orientierte Romanreihe vor, die oberflächlich dem realistischen Genre zugehörig scheint, aber zunehmend von unerklärlichen Ereignissen und Beobachtungen durchdrungen wird.

Allein die beiden ersten Bände verkauften sich in Japan über zwei Millionen Mal, der dritte erscheint im Herbst.

In der Zwischenzeit buhlt der internationale Markt um die Übersetzungsrechte, kokettiert Murakami mit dem phänomenalen Verkaufserfolg der Harry-Potter-Bände, den er zu schlagen beabsichtigt, und warten die deutschen Fans begierig auf das Erscheinen von Band 1 (1024 Seiten), das für den 5. Oktober - pünktlich zur Buchmesse also - geplant ist.

Der Roman sei zwar sehr lang, aber ausgesprochen übersetzerfreundlich geschrieben, erzählte Gräfe den 80 Zuhörern. Schwierig sei gewesen, das Realistische vom Phantastischen zu unterscheiden.

Das Gelesene im Kopf wälzen

Der Autor beherrsche die Kunst, auch das Irrationale vollkommen glaubwürdig zu vermitteln und locke selbst die erfahrene Übersetzerin aufs Glatteis. Auf die Frage, wie man ein solches Werk überhaupt bewältigen könne, gab sie zu, sich vom Originaltext freimachen zu müssen. Sie lese zunächst, wälze das Gelesene im Kopf und versuche schließlich, den richtigen Tonfall zu finden, um die Szenerie zu visualisieren. Dabei helfen Anknüpfungspunkte aus ihrer Realität. Ein Bekannter ähnelt einer Romanfigur - also gibt sie ihr seine Art sich auszudrücken. Die Vorgehensweise scheint sich zu bewähren. Ursula Gräfe wurde mit dem Übersetzerpreis der Japan Foundation ausgezeichnet. Schnell ist sie außerdem - nur ein holländischer Übersetzer habe sie in ihrer Arbeit geschlagen, warf gutgelaunt ein Kollege aus dem Verlag ein, der augenzwinkernd erklärte, nur deshalb im Publikum zu sitzen, um zu überprüfen, ob sie nicht wesentliche Stellen des Romans verrate. Denn nicht nur sprachliches Können gehört zu den Aufgaben eines Übersetzers: Er muss auch absolut verschwiegen sein und die Geheimnisse der ihm anvertrauten Texte bis zum Erscheinungstermin bewahren. Nun, dieser naht ja nun zum Glück für alle Neugierigen.

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Dokument erstellt am 13.09.2010 um 16:36:09 Uhr
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