Denn dank einer Kooperation von Historischem Archiv und städtischen Museen ist es der Stadt Wetzlar gelungen, dieses einmalige Dokument von großer literaturhistorischer und stadtgeschichtlicher Bedeutung bei einer Auktion in der Schweiz zu erwerben. 6000 Franken hat der Brief gekostet, den Oberbürgermeister Wolfram Dette, Museumsdezernentin Sigrid Kornmann, Stadtarchivarin Dr. Irene Jung und die Leiterin der Wetzlarer Museen Dr. Anja Eichler gestern im Jerusalemhaus erstmals der Öffentlichkeit präsentierten.
Goethes Inspiration für "Die Leiden des jungen Werthers" wird zugänglich
Was an dem vierseitigen Schreiben so besonders ist? Die Antwort führt zurück in die 1770er Jahre. Genauer gesagt ins Jahr 1772, als sich Jerusalem in der Nacht vom 29. auf den 30. Oktober mit einem Pistolenschuss das Leben nahm. Enttäuschte Liebe und der Druck seines Vorgesetzten, Hofrat Johann Jakob Höfler, sollen der Grund für die Selbsttötung gewesen sein.
Der junge Mann war 1771 aus Braunschweig im Rahmen der großen Visitation zur Überprüfung des Reichskammergerichts nach Wetzlar gekommen. Johann Wolfgang Goethe - persönlich bekannt mit Jerusalem - nutzte die Tragödie des Legationssekretärs als eine Vorlage für seinen 1774 erschienen Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers".
Genau das macht den in Wetzlar geschriebenen Brief so bedeutsam, denn er ist eine authentische literaturhistorische Quelle für die Leiden des jungen Braunschweigers, der sich in dem Schreiben über die Gängeleien seines Chefs beklagt.
Goethes Inspiration wird sehr direkt zugänglich, doch das empfindliche Schriftstück ist nicht nur authentische Literaturgeschichte. Es habe auch für die Stadtgeschichte große Bedeutung, erklärte Jung.
Denn in dem Brief ließen sich neben den Ursachen des Selbstmords auch Arbeitsweisen des Reichskammergerichts ablesen, die Jerusalem beschreibt. Die Stadtarchivarin hat den Brief zwei Tage vor der Auktion entdeckt. Zunächst sei sie auf einen ebenfalls angebotenen Goethe-Brief aufmerksam geworden, um wenig später auf die Schrift des Braunschweigers zu stoßen.
Man habe eine kurzfristige Entscheidung getroffen und die 6000 Schweizer Franken bereitgestellt, sagte Dette. "Wir haben mehrere Umschichtungen vorgenommen und andere Dinge zurückgestellt", so der Oberbürgermeister, der darauf hinweist, dass das Geld für die Auktion ursprünglich nicht im Haushalt vorgesehen war.
Lobende Worte fand Dette für die gute Recherchearbeit von Historischem Archiv und städtischen Museen, die das Stück noch in den kommenden zwei bis drei Wochen im Original im Jerusalemhaus zeigen, bevor es ins Magazin gegeben und durch ein Faksimile ersetzt wird. Da der Brief extrem lichtempfindlich ist, besteht die Gefahr der Zerstörung.
Dette verspricht sich von dem Kauf, dass zusätzliches Besucherinteresse für das Thema Wetzlar und Werther geweckt wird, und Sigrid Kornmann sprach von einem "touristischen Highlight".
Übrigens: Der Goethe-Brief ist für 18 000 Schweizer Franken unter den Auktionshammer gekommen.
















