Anleitung zum Nachdenken

Hagen Rether in der "KuSch"
Bittere, tiefschwarze ...

Dabei ging es ihm weniger um tagespolitische Themen – die freilich angeschnitten werden, denn welcher Kabarettist lässt sich den Guttenberg und die Wulffs entgehen – sondern um gesamtgesellschaftliche Missstände. Und natürlich um das große Thema, die "Liebe" – so der Titel seines aktuellen Programms "und dem davor, und davor, und davor...". Das hieß schon so, da war Bill Clinton noch an der Macht", erklärte sich der Künstler.

Mit einem Blick auf die Uhr sagte Hagen Rether nach eineinhalb Stunden. "Was schon halb zehn? Kommt, wir fangen an." Der Kabarettist brachte in der ersten Hälfte seines Programms weniger die typischen Kalauer und den Klamauk, der einem in der deutschen Komiker- und Kabarettlandschaft immer wieder aufgetischt wird, sondern sprach Themen an, bei denen das Lachen im Hals stecken blieb.

Die zweite Hälfte, die ebenfalls mit brisanten sowie Rethers "Lieblingsthema" Religionen aufwartete, hatte einige Pointen mehr. Dennoch war Teil 1 keinesfalls langweilig. Rether wirkte nur dem entgegen, was er an unserer Gesellschaft so verachte.

"Wir leiden an einem Pointen- und Unterhaltungsüberschuss. Selbst die Tagesthemen sind mittlerweile lustig. Was denken Sie, warum ich oftmals Pornos gucke – die sind nicht witzig!"

"Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe – mehr brauchen wir nicht"

Man habe heutzutage eigentlich nur noch vor zwei Dingen Angst: Langeweile und Schmerz. "Ich möchte unserer Gesellschaft aus Wutbürgern für einen Tag die alltägliche Wut und Unterhaltung durch Langeweile und Schmerz austauschen und ihnen somit den Spiegel vorhalten", sagte Rether verbittert.

Wer da lachte konnte sich ein augenzwinkerndes "Hören sie mit der verdammten Lacherei auf. Es nervt", anhören.

Doch zu Lachen gab im Potpourri aus Weltenhass und Gesellschaftsüberdruss doch vieles. So erklärte der Kabarettist beispielsweise, warum er mittlerweile Bart trage. Der dichte Flaum im Gesicht sei für den Bananen-liebenden Künstler quasi ein Haustier-Ersatz. "Mein Hamster. Man kann ihn streicheln, füttern und er ist immer bei einem", erklärte er sein, im Vergleich zum vorangegangenen Besuch in Herborn, verändertes Aussehen.

Rether ging hart mit sich und der Gesellschaft ins Gericht: "Wir haben Sklaverei und Krieg ausgesourct – und sind auch stolz darauf", sagte er. Auch Fragen, "die so nahe liegend sind, dass sie weh tun, gestellt zu werden", sprach Rether aus. "Warum sitzen Waffenhändler im Gefängnis, aber die Waffenproduzenten sitzen mit den Ministern beim Abendessen?"

Überhaupt ein Menschenfreund scheint er nicht zu sein, dieser Rether: "Wulff war genau der Präsident, den wir verdient haben. Ein Kleinbürger und Schnäppchenjäger. Wir sind ein Haufen selbstgerechter Arschgeigen, die jeden, der ihnen das offen vorlebt am liebsten lynchen möchten", wettert der Künstler.

Noch lächerlicher als Neo-Nazis und Rassisten, ist für Rether Religion: "Allesamt ein feuchter Männertraum!" Einen absurden, dogmatischen Charakter von Religion, Fundamentalismus und Extremismus führt Rether ebenso vor, wie er seinen "Hamster" mit Bananen fütterte.

Zynisch geht es weiter: "Was bekommen denn Selbstmordattentäterinnen im Paradies? 72 Jungmänner? Na die werden sich bedanken." Für das Oberhaupt der katholischen Kirche, der ja bezüglich seiner Verhütungspolitik endlich im 17. Jahrhundert angekommen sei, meinte Rether. "Warum fährt der in einem Panzerwagen, dem Papamobil, durch die Gegend? Hat da jemand Angst vor seinen Schäfchen? Was soll er denn erst tun, wenn der Wolf kommt?" Dabei sei doch alles so einfach. "Demut vor der Schöpfung und Nächstenliebe – fertig. Mehr brauchen wir doch in dieser Welt überhaupt nicht." Da brauche man keinen Dalai Lama, der tausende von Flugmeilen zurücklege und damit den CO2-Ausstoß in die Höhe treibe.

Für diese Weisheiten gab es von den begeisterten Zuhörern stehende Ovationen. Das Piano, welches während der dreieinhalb Stunden von Rether blank poliert wurde, blieb fast unbespielt. Nur einige Töne entlockte der Essener dem Instrument während er aufgrund des brav sitzenden Publikums säuselte: "Herborn – die Leute hier haben Blasen aus Stahl!"

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Dokument erstellt am 15.09.2012 um 15:29:04 Uhr
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