Christian Lauer - zwischen zwei Staaten

JUSTIZ Lahn-Dill-Kreis gewinnt vor Verwaltungsgericht Prozess gegen Herborner Sportschützen

Christian Lauer zeigt seinen deutschen Pass. Das Bild entstand im August 2013. In der Zwischenzeit musste er den Personalausweis abgeben, die Kreisverwaltung hatte festgestellt, er sei kein deutscher Staatsbürger mehr, sondern armenischer. (Archivfoto: Wingender)

Das Gericht gab damit der Kreisverwaltung des Lahn-Dill-Kreises recht. Kreis und Lauer streiten seit zweieinhalb Jahren um die Staatsbürgerschaft und das Aufenthaltsrecht des Schützen.

Christian Lauer ist 35 Jahre alt, er wurde im Krankenhaus in Ehringshausen geboren, hat deutsche Eltern, wuchs bei ihnen in Herborn auf. Er war Deutscher. Sein Lebensinhalt war und ist der Sport, das Schießen. Zu seinen Erfolgen zählt die Junioren-Europameisterschaft mit der Armbrust. Sein großes Ziel ist die Teilnahme an den Olympischen Spielen. Über den Schießsport lernte er auch seine jetzige Frau Irina kennen, eine Armenierin. Im Juni 2013 heirateten sie in der armenischen Hauptstadt Jerewan. Und er startet für Armenien bei internationalen Wettkämpfen.

Dann wurde die Kreisverwaltung in Wetzlar auf den Fall Lauer aufmerksam. Lauer vermutet neidische Konkurrenten im Sport, die Verwaltung erklärt, sie habe einen Hinweis von einer anderen Behörde bekommen. Jedenfalls steht infrage, ob Lauer inzwischen Armenier geworden ist, einen armenischen Pass hat und somit seine deutsche Staatsbürgerschaft erloschen ist. An dieser Frage hängt sein weiterer Aufenthalt in Deutschland.

Der 35-Jährige wohnt inzwischen mit seiner Frau in Herborn, beide treten auch für den Schützenverein (SV) Erdbach an, schießen für den Verein in der Zweiten Bundesliga.

Die Kreisverwaltung stellte aufgrund mehrerer Hinweise fest: Lauer sei seit August 2013 kein Deutscher mehr, sondern armenischer Staatsbürger; er musste seinen Personalausweis abgeben. Dagegen klagte Christian Lauer.

Der Verwaltungsdirektor des Lahn-Dill-Kreises, Reinhard Strack-Schmalor, erklärte am Donnerstag vor dem Gießener Verwaltungsgericht: "Er wollte Armenier werden." Er habe die Einbürgerung beantragt. Außerdem habe er gegenüber dem Schießsport-Weltverband ISSF schriftlich dokumentiert, dass er Armenier sei.

Rechtsanwalt Bernd Strieder verteidigt Lauer. Er sagte vor Gericht: Lauer sei Armenier. Da gebe es nichts zu bestreiten. Aber: "Es gibt keinen Einbürgerungsantrag, es liegt nichts vor." Die Staatsbürgerschaft sei ihm vom armenischen Staatspräsidenten verliehen worden. Strack-Schmalor: "In Armenien ist es der Regelfall, dass der Präsident die Staatsbürgerschaft per Dekret erteilt."

Richter Andreas Höfer spitzte den Streit zu: "Kern des Pudels ist: Liegt ein Antrag vor? Gibt es Indizien dafür? Wenn auf Antrag eine ausländische Staatsangehörigkeit erteilt wurde, führt das zum Verlust der deutschen. Aus meiner Sicht sind da die Vorgänge in Jerewan entscheidend." Das Verwaltungsgericht hat sich über das Auswärtige Amt an die armenische Botschaft gewandt und Unterlagen besorgt. Dazu zählt auch eine Quittung an Lauer vom Juli 2013. Darauf ist vermerkt "für Pass".

Letztlich entschied das Gericht gegen Lauer, es wies seine Klage ab. Damit ist er - wie von der Kreisverwaltung festgestellt - seit 2013 kein Deutscher mehr. Als er die armenische Staatsbürgerschaft angenommen habe, habe er nicht bedacht, dass somit die deutsche erlischt, sagte Gerichtssprecherin Evelyn Graul-Hofmann. Die Urteilsbegründung steht noch aus. Das Gericht will sie nachreichen.

Lauer hat noch die Möglichkeit, gegen das Urteil vorzugehen. Er kann in der nächsten Instanz, beim Verwaltungsgerichtshof in Kassel, die Zulassung einer Berufung beantragen.

"Ich verstehe den Kreis nicht. Warum sagt man nicht: ,Er ist unserer Bürger, wir versuchen ihm zu helfen?’"

Sollte das Urteil aus Gießen aber rechtskräftig werden, dann stellt sich die Frage, ob Lauer noch ein Aufenthaltsrecht in Deutschland hat. Er hat eine sogenannte Niederlassungserlaubnis für Deutschland beantragt. Sie setzt voraus, dass er seinen Wohnsitz in Deutschland hat und seinen Lebensunterhalt selbst bestreiten kann. Das ist fraglich. Vor Gericht erklärte sein Anwalt, dass er Hartz IV beziehe. Verwaltungsdirektor Strack-Schmalor stellt klar: "Ohne Aufenthaltserlaubnis müsste er ausreisen."

Der Vorsitzende des SV Erdbach, Heiko Thielmann, hat den Prozess in Gießen verfolgt. Er ist sauer auf den Lahn-Dill-Kreis beziehungsweise die Kreisverwaltung: "Ich verstehe den Kreis nicht. Warum sagt man nicht: ,Er ist einer unserer Bürger und wir versuchen ihm zu helfen?’ Der Lahn-Dill-Kreis ist doch für seine Bürger da und nicht gegen sie. Hier ist das Ziel des Kreises und seines Verwaltungsdirektors aber: ,Wie können wir dafür sorgen, dass er ausgebürgert wird?’"

Für Verwaltungsdirektor Strack-Schmalor steht hingegen mit dem Urteil fest, dass der Kreis - entgegen der Vorwürfe - "mitnichten willkürlich" gehandelt habe.

 

Was bedeutet das Urteil für den SV Erdbach?

Der Schützenverein (SV) Erdbach ist eines der sportlichen Aushängeschilder im Lahn-Dill-Kreis. Die Luftgewehrschützen schießen seit dieser Saison in der Zweiten Bundesliga, kürzlich haben sie den Klassenerhalt gesichert. Auch Christian Lauer schießt für den Verein in der Zweitliga-Mannschaft.

Was bedeutet das Urteil des Gießener Verwaltungsgerichts für den SV? Vereinsvorsitzender Heiko Thielmann sagt: „Es ist unfassbar. Ich bin entsetzt.“ Er habe gedacht, das Gericht entscheide zugunsten von Christian Lauer; der kriege seinen deutschen Pass wieder und könne dann unbeschränkt für den Verein starten. Der Schützenverein darf in den Wettkämpfen stets nur einen Ausländer einsetzen. Lauer gilt als Armenier und dessen Frau Irina ist gebürtige Armenierin. Der SV Erdbach kann also nicht beide Schützen im selben Wettkampf einsetzen.

Christian Lauer wurde nach Angaben des Vereinsvorsitzenden in fünf Zweitliga-Wettkämpfen eingesetzt, seine Frau Irina in zwei. Thielmann sagt: „Christian hat maßgeblich dazu beigetragen, uns den Klassenerhalt zu sichern.“ (jli)


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