
Die Vorgeschichte der Ausfahrt mit den 50-Kubik-Maschinchen, von den Fahrern großer Motorräder früher als "Schnapsglasklasse" belächelt, ist ein bisschen verrückt, aber vor allem lustig. Sie begann bei ein paar Flaschen Bier, irgendwann während einer Geburtstagsfeier "aufm Roth", erinnert sich Marc Theiss, der eine blaue Simson aus DDR-Produktion bewegt. Da trafen sich ein paar Mopedfahrer und kamen ins Fachsimpeln. "Wir haben uns gedacht: Wir könnten dochmal gemeinsam eine Tour machen."

13 Kradfahrer kamen 2008 zusammen, schnallten Schlafsäcke auf die Gepäckträger und knatterten los. Ziel: Das Albert-Schweitzer-Feriendorf am Südufer des Edersees. 65 Kilometer Strecke mit drei bis fünf PS unterm Hinterm. Und dann war da besagte Wette mit den Simmersbacher Rennradfahrern. Die "Kolbenfressertour"-Piloten müssen heute noch drüber schmunzeln. Auf drei ging‘s los, am Abzweig zur Sackpfeife an der B 253. Die 50-Kubik-Kradfahrer knatterten bergab Richtung Waldeck-Frankenberg, die Simmersbacher bretterten per Pedale in die andere Richtung, um zuhause schnell aufs Motorrad umzusteigen. Als sie in Asel-Süd am Edersee ankamen, saßen die Rother dort schon gemütlich zusammen.

Schneller am Edersee als die anderen mit Renn- und Motorrad

Warum man das macht, mit einem Durchschnittstempo von 30 im Rudel auf Fernfahrt gehen? Der Spaßfaktor sei riesig, da sind sich die Rother Freunde einig.
"Früher gab‘s doch hier in jedem zweiten Haus ein Moped", erinnert sich Marc Theiss. Früher, das waren die Zeiten, in denen die Namen Kreidler, Zündapp oder Hercules bei den Jungs an den Bushaltestellen die Augen leuchten ließen. Rüdiger Meister fährt so einen Jugendtraum: Kreidler Florett, giftgrün, blitzender Chromtank. Was heute anders ist als früher: Eine Menge kleiner "Fünfziger" aus DDR-Produktion fahren mit. Westjugend fährt Ostmopeds, einst hergestellt beim VEB Ernst Thälmann Suhl. Das Reizvolle: Die kleinen Ostkräder waren und sind ganz legal 60 km/h schnell. Die aus dem Westen nur 45 – zumindest offiziell.
"Mit diesen Simsons, das ist ja fast schon wie eine Religion", wundert sich Gerhard Maschuw. Mit 67 Jahren ist er der Älteste der Tour. Sein Moped, eine fast 50 Jahre alte Zündapp Combinette, hat er in einer Scheune unterm Stroh gefunden. Ein neuer Tank musste drauf. Sonst brauchte der Motor nur einen Schluck frischen Sprit und Öl, dann lief er.
David Korn und Sandro Geil sind mit 20 Jahren die Jüngsten. Andere ihrer Altersgenossen fahren Motorroller. Sie nicht. "Plastikschleudern", sagt David verächtlich. "Die machen doch keinen Spaß. Kann man auch nicht dran schrauben."
Apropos schrauben. Pannen fürchten die Rother Renner nicht. Während ihrer ersten Tour vor vier Jahren musste einer von ihnen nur mal kurz am Vergaser drehen, damit sein Maschinchen richtig Gas annahm. Sonst blieb eine unvorsichtige Taube, die bei einem Moped zwischen die Räder flatterte, der einzige Zwischenfall.
Wenn die neue "Kolbenfressertour" am kommenden Samstag Richtung Koblenz startet, fährt als Begleitfahrzeug noch ein Kleinbus hinterher. Schließlich müssen diesmal Zelte mit, weil die knapp 20 Kradpiloten nicht weit vom Deutschen Eck campen wollen. 167 Kilometer haben die Mopedfahrer vor sich, durchs Aar- und Lahntal geht es Richtung Limburg, dann weiter an den Rhein. Bei jedem Wetter. In Weilburg wird gefrühstückt. Wie lange sie brauchen? "Nicht so wichtig", sagt Oliver Lohmann und lacht. "Wenn‘s acht Stunden werden, ist‘s auch egal."
Publikum ist den Rothern gewiss. In Koblenz steigt am kommenden Wochenende ein Weinfest. Dass sie mit ihren alten Fünfzigern stilsicher vorfahren können, haben die "Kolbenfressertour"-Piloten schon vor vier Jahren am Edersee gezeigt. Am Schloss Waldeck parkten sie selbstbewusst neben den Bikern mit den "dicken Maschinen". "Die fanden das richtig Klasse."
Abfahrt der "Kolbenfresser-Tour" ist am kommenden Samstag (15. September) spätestens gegen 9 Uhr in der Rother Ortsmitte. Wer selbst ein altes Moped und spontan Interesse zum Mitfahren hat, kann sich bei Oliver Lohmann aus Steinbrücken melden, ✆ (0151) 20767543.







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