Eine Show für Kopf und Bauch

KULTURSCHEUNE Florian Schroeder und die Optimierung des Gefühls von Freiheit

Florian Schroeder erwies sich auch in seinem neuen Programm als Meister seines Fachs. (Foto: Blecher/s)

Wie ein Popstar ließ er sich mit einem Video-Jingle auf die Bühne bitten, um sich zunächst für die Entscheidungsfreudigkeit seiner Zuhörer zu bedanken. Diese erlebten einen sportlich-flott wirkenden Florian Schroeder, der bekannte, selbst nicht besonders entscheidungsfreudig zu sein.

Doch der Kabarettist machte im Verlauf eines langen Abends alsbald klar, dass er sehr wohl wusste, für wen und für was er sich zu entscheiden hat. "Hat der Mensch einen freien Willen?", fragte er und forderte dazu auf, daran zu glauben. Schroeder wusste wo's langgeht, führte mit seiner Dialekt- und Parodiekunst vor, dass Zauderer auf verlorenem Posten stehen. Das kann der Kauf eines neuen Notebooks sein, der sich infolge der riesigen Auswahl schwierig gestaltet. Wie soll man bei 132 ähnlichen Produkten im Elektronikmarkt das Richtige finden?

"Nur wer alle Optionen kennt, kann optimale Entscheidungen treffen", verkündet Schroeder. Schnell fühle man sich überfordert angesichts der Auswahl von Hunderten Shampoos, die die tollste Wirkungen versprechen, wobei doch eine Botschaft reichen würde: "Macht Haare sauber!"

Mit großem Sprachwitz, vorgetragen in einem irrsinnigen Tempo, präsentiert Schroeder eine Show für Kopf und Bauch, die zum Entspannen, aber auch zum Nachdenken anregte. Die Art, wie er den "Zauderberg" - in der Titelrolle Angela Merkel - interpretiert oder Putins Memoiren mit "Ein bisschen Frieden überschreibt", garantierte ihm jede Menge Zustimmung.

Der in Berlin lebende Analytiker und Kritiker von Politik und Gesellschaft bezieht Stellung, wenn es darum geht, der Vorratsdatenspeicherung, der deutschen Großmannssucht, in Person von "Gröfaz" (Größter Finanzminister aller Zeiten) Wolfgang Schäuble und den Vorständen bei VW, Deutsche Bank oder der Lufthansa die Rote Karte zu zeigen.

"Wir haben Pizza, Spaghetti und Gyros bekommen, ohne die geschiedene Männer verhungern würden"

Gegen die Angst vor dem Fremden wettert Schroeder mit einem heftigen Bekenntnis zu mehr Toleranz: "Wir haben immer von Zuwanderung profitiert. Wir haben Pizza, Spaghetti und Gyros bekommen, ohne die geschiedene Männer verhungern würden." Und weiter geht er Tätern wie Sigmar Gabriel ("der Sargnagel der SPD") an den Kragen, der mit der Genehmigung von noch mehr Waffenexporten für noch mehr Flüchtlinge sorge.

Den Menschen, die im Optimierungswahn zerrieben werden, und die von ständigen Entscheidungen überfordert sind, empfiehlt Schroeder mehr Mut zum Scheitern - in einer Welt, die uns ständig Entscheidungen abverlangt: Vegan oder Rindersteak, Heiraten oder Trennung, rein oder raus? "Da muss man ja bekloppt werden", findet der Kabarettist.

Dabei ist für ihn alles pure Selbsttäuschung, wie bei den überbesorgten Vätern und Müttern, die kontrollierend zu jeder Zeit über ihren Kindern als "NSA-Eltern" schweben. Diese Elternart treibt einzig die Angst, dass ihre Kinder später nicht zu den Global Playern gehören könnten.

Mit Schmackes analysiert er die Entwicklung der Pärchengesellschaft. Die früher alles gemeinsam gestalteten, heute aber als "Assoziierungspärchen" auf getrennten Matratzen schlafen", sich gegenseitig die Freiheit lassen und doch eine Einheit bilden.

Florian Schroeder in all seinen erkenntnisreichen Statements und Facetten zu erleben, erfordert vom Publikum höchste Aufmerksamkeit. Aufgelockert wird seine Polit- und Gesellschaftsrevue durch seine Fähigkeit, Politiker perfekt zu imitieren und seiner Dialektkunst, wie bei dem norddeutschen Personalchef, der dem Kandidaten im Bewerbungsgespräch jede Aussage im Munde verdreht. Eine Talkrunde bei Günther Jauch, gerät mit Edmund Stoiber, Winfried Kretschmann und Karl Lauterbach zu einem Plädoyer gegen die Einfalt der Politikerkaste.

Virtuos bewegt sich Schroeder zwischen Kabarett und Comedy, zwischen Politik und Philosophie. Dabei plädiert er entschieden für die Freiheit und weist den Staat in seine Grenzen, der beispielsweise als "Sprachpolizei" die Verwendung politisch korrekter Begriffe überwacht. Am Ende war klar, dass man von den vielen Entscheidungen, die man täglich treffen muss, nur bekloppt wird, und lieber über die eigene Unfertigkeit lachen sollte. Bei Schroeders Show tat man es reichlich.


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