Frech und leidenschaftlich

SUCHTPOTENZIAL Fürs Altersheim zu laut und zu versaut für den Kindergarten

Die grandiosen Lästerschwestern Ariane Müller und Julia Gámez Martin, alias Suchtpotenzial, sorgten mit ihrem süchtig machenden Gala-Programm für beste Unterhaltung im Heimhof-Theater. (Foto: Helmut Blecher)

Die Ulmer Pianistin Ariane Müller und die Berliner Sängerin Julia Gámez Martin waren mit ihrem "Alko-Pop"- Gebräu aus Chanson, Pop, Rock, Hip-Hop und Jazz eine ganz große Nummer, die beim Publikum Beifallstürme auslöste.

Schwäbische Gründlichkeit gepaart mit Berliner Schnauze

Fürs Kabarett zu hart und zu wenig Chanson für einen Chanson-Preis, wie es ihnen Katja Ebstein bescheinigte, tanzte das wahrhaft süchtig machende Duo zwischen allen Kleinkunst-Disziplinen hin und her. "Musik von Betrunkenen für Betrunkene", so bezeichnete Julia Gámez Martin und Ariane Müller ihre Werkschau "100 Prozent Alko-Pop". Vor den Liedern von Suchtpotenzial - von Eifersucht über Drogensucht bis zur Sexsucht - gab es kein Entrinnen. "Ich bin deine Droge, dein Halluzinogen. Komm mit auf meinen Trip, ich werde dir den Kopf verdrehen", schmettert Julia ins Mikrofon, während Ariane mit flinken Fingern in die Pianotasten griff.

Mit schwäbischer Gründlichkeit und Berliner Schnauze spielte und sang sich das Duo in die Herzen der Zuhörer. Verstärkt wurde die Zuneigung noch durch ihr Bekenntnis, nicht nur fürs Leben in der Kleinstadt affin zu sein, sondern auch fürs Landleben überhaupt.

Auf der Suche nach dem richtigen Ort, weg von Berlin und all seinen Zwangsneurotikern, trällerten sie: "Ich will ‘nen Bauer, einen ganzen Kerl vom Land".

Zu laut fürs Altersheim und zu versaut für den Kindergarten. Dafür leidenschaftlich albern mit starkem Hang zum Rockstar-Dasein, lieferten Suchtpotenzial eine über zweistündige Show ab, die mit zum Besten gehörte, was man derzeit auf den Kleinkunstbühnen erleben kann. Mit Witz, Drive, Verve, Mimik und grandioser Komik, spielten die herzerfrischenden Ladies ihre unterschiedliche Herkunft, ihre unterschiedlichen Temperamente und ihre gemeinsam Sozialisation im Musical-Genre perfekt aus.

Man sinnierte mit bitterböser Ironie und Galligem über Currywurst mit Spätzle, und über die Vorzüge oder Nachteile von Blondinen gegenüber Brünetten, nur um sich schließlich darauf zu einigen, dass man Rothaarige hasst.

Das Duo Suchtpotenzial nahm in seinen Liedern kein Blatt vor dem Mund, stellte in seinen Auseinandersetzungen mit den großen und Dingen des Lebens die Welt auf den Kopf und wieder auf die Füße.

Dabei handelten Julia und Ariane so ganz nebenbei ihre sämtlichen Baustellen ab - vom Penisneid über das Gutmenschentum, die BH-Größen und die nie fündig werdende Suche nach dem Sinn des Lebens, sowie die Heilung von ihrem "Musical-Tourette-Syndrom".

Die wahrhaft süchtig machende Droge "Suchtpotenzial" verfehlte im Heimhof-Theater ihre Wirkung auf das Publikum nicht.

Das Duo lieferte mit seinen sinnlichen Liedern über Laster und Liederlichkeit die volle Dröhnung feinster Unterhaltung ab.

Man war hingerissen von den rappenden, rockenden, und röhrenden Mädels, die zwischen Klassik, Blues, Swing, Metal und Chanson nichts anbrennen ließen.

Auch nicht im finalen Liebeslied auf die belebende Wirkung durch den Kaffegenuss: "Du bist das, was zählt. Mein Kaffee!"


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