Hartes Brot als Beschäftigungstherapie

INTERVIEW Zwei heimische Rassegeflügelzüchter über die Vogelgrippe und deren Folgen für Mensch und Tier

Hinter Gittern: Seit rund drei Monaten gilt auch bei uns die Stallpflicht für Geflügel. (Archivfoto: Carsten Rehder/dpa)

Die beiden Geflügelzüchter Jörg Philipps (l.) und Thomas Läufer mit ein paar frisch geschlüpften Barnevelder-Küken von Philipps. Läufer hat derzeit sechs Gänse, elf Enten, 40 Hühner und zirka 100 Zwerghühner im Bestand. Philipps hält derzeit zwei Gänse und 40 Hühner. (Foto: Paeschke)

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Interviewpartner waren Jörg Philipps (Sinn), Vorsitzender des Kleintierzuchtvereins Sinn und Chef des Kreisverbands der Rassegeflügelzüchter Dill, sowie Thomas Läufer, Schriftführer im Rassegeflügelzuchtverein 1895 Herborn und Geschäftsführer des bundesweit agierenden Verbands der Zwerghuhnzüchtervereine. Dieser Verband betreut rund 8000 Mitglieder in 91 Mitgliedsvereinen.

Wie viele Geflügelzüchter gibt es im Dillkreis? Wie viele Tiere haben diese?

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Thomas Läufer: Im Kreisverband haben wir zehn Ortsvereine mit 306 Mitgliedern.

Jörg Philipps: Über die Zahl der Tiere können wir keine genauen Angaben machen. Das schwankt ja ständig.

Was bedeutet die Stallpflicht für die Tiere, und was bedeutet sie für die Halter?

Philipps: Das Eingesperrtsein ist für die Tiere ein unheimlich hoher Stressfaktor. Manche Hähne werden aggressiv. Andere Tiere fangen an, sich zu langweilen und picken die Wände im Stall an. Ich füttere schon hartes Brot als Beschäftigungstherapie. Durch die Enge im Stall entsteht zudem ein hoher Infektionsdruck für andere Parasiten.

Läufer: Es bedeutet vor allem viel mehr Arbeit, alleine durch das häufige Saubermachen der Ställe. 

Stichwort Saubermachen: Die Landwirtschaftsministerien der Länder empfehlen zum Schutz vor dem Virus Hygienevorkehrungen wie Schleusen, Desinfektionsmatten, Handwaschbecken und Schutzkleidung? Wo gibt es so etwas zu kaufen, und wie teuer ist so eine Aufrüstung?

Philipps: Weiße Schutzoveralls, Einweghandschuhe und Desinfektionsmatten sind nicht schwer zu bekommen und auch nicht so teuer. Das Problem liegt vielmehr darin, dass viele Züchter ihre Ställe außerhalb haben. Da ist häufig kein Strom vorhanden, und warmes Wasser muss von Zuhause mitgenommen werden. Alle Gefäße zum Füttern müssen ja regelmäßig gereinigt und desinfiziert werden.

Läufer: Dazu kommt der Schreibaufwand. Wir müssen jeden Tag dokumentieren, wie viele Eier gelegt wurden und wie viele Tiere gestorben sind. Das gehört zu den Auflagen.

Apropos Auflagen – wie und durch wen wird die Einhaltung kontrolliert? Was droht den Haltern, wenn bestimmte Anforderungen nicht erfüllt werden?

Läufer: Das wird durch das Veterinäramt kontrolliert. Wenn die Auflagen nicht eingehalten werden, drohen Bußgelder. Wenn jetzt jemand zur Kontrolle käme und ich hätte ein Tier draußen, wären sofort circa 50 Euro fällig.

Dürfen Fremdpersonen überhaupt noch in Hühnerställe? Sie könnten ja theoretisch Erreger an den Schuhen hereinschleppen?

Läufer: Nein.

Philipps: Wir betreten auch die Ställe der anderen Züchter aus Sicherheitsgründen nicht mehr. Aber auch Wiesel, Marder, Mäuse und Ratten können den Erreger mit in den Stall bringen. Und die laufen nicht über Desinfektionsmatten.

Läufer: Genau. Zu den Auflagen zählt auch, die Schadnagerbekämpfung zu intensivieren.

Woran erkennt man, dass ein Tier an der Vogelgrippe erkrankt ist? Was passiert mit den anderen Tieren im Bestand?

Philipps: Zunächst ist ein massives Nachlassen der Legeleistung zu bemerken. Innerhalb von ein bis zwei Tagen verendet das Tier.

Läufer: Man sieht es dem Tier nicht an. Aber wenn das Virus nachgewiesen wird, müssen alle Tiere eines Bestandes gekeult werden.

Gab es im Dillkreis schon Todesfälle durch die aktuelle Vogelgrippe vom Typ H5N8? Mussten schon Tiere getötet werden?

Philipps: Über eine Infektion ist uns im ehemaligen Dillkreis nichts bekannt.

Läufer: Aber es sind schon Tiere aus Platzmangel geschlachtet worden.

Philipps: Zudem kam die Stallpflicht im November ja mitten in der Ausstellungssaison. Normalerweise werden viele Tiere danach verkauft. Das war nicht mehr möglich. Dadurch sind viele Tiere im Suppentopf gelandet.

Gibt es Rassen, für die die Innenhaltung besonders problematisch ist?

Läufer: Ja, speziell Ziergeflügel wie Fasane, Rebhühner und Schwanenarten.

Philipps: Auch Gänse. Ich habe ein Zuchtpaar, und die drehen langsam am Rad.

Was können die Züchter solcher Rassen dagegen machen?

Philipps: Es gibt Ausnahmegenehmigungen. Die wurden vor allem vor Weihnachten von Puten- und Gänsehaltern beantragt, die die Tiere speziell für die Feiertage gezüchtet hatten und so viele Tiere gar nicht einstallen konnten. Aber wer eine Ausnahmegenehmigung hat, wird auch schärfer kontrolliert. Da sind zum Beispiel Proben, die im Abstand von drei Wochen genommen werden, fällig, und die muss der Halter bezahlen.

Freilandeier dürfen nicht mehr als solche deklariert werden, wenn die Tiere wegen der Stallpflicht eingesperrt bleiben müssen. Welche wirtschaftlichen Folgen hat das für die heimischen Direktvermarkter konkret?

Philipps: Nach zwölf Wochen Stallpflicht können die Eier nicht mehr als Freilandeier deklariert werden. Da kommen wir jetzt an die Grenze. Aber unabhängig davon müssten die Eier jetzt eigentlich teurer werden. Die Züchter und Halter müssen ja viel mehr Einstreu und Futter kaufen und viel öfter sauber machen. Das müsste sich auf den Preis niederschlagen.

Die Stallpflicht betrifft auch ganz kleine Betriebe und Hobbyhalter. Wie können diese den Auflagen nachkommen?

Philipps: Es gibt Hobbyhalter, die wollen das einfach nicht mitmachen. Die schlachten ihre Tiere und fertig.

Läufer: Auch viele Zuchtfreunde können sich mit den Auflagen nicht anfreunden. Die hören auf und kommen nicht wieder.

Philipps: Und das ist bedenklich. Denn die Rassegeflügelzucht bildet die genetische Grundlage für die Wirtschaftsgeflügelzucht und sichert deren Überleben. Nur wenn zwei reinrassige Tiere verpaart werden, kommen leistungsfähige Legehennen heraus.

Stichwort Verpaarung: Jetzt beginnt doch die Zuchtsaison ...

Philipps: Ja, und die Stallpflicht hemmt bei den Tieren auch den Fortpflanzungstrieb. Ich habe von etlichen Züchtern gehört, dass es bei der Befruchtung schlecht läuft.

Wie kommen Sie als organisierte Züchter Ihrer Informationspflicht nach? Wer informiert Tierhalter, die vielleicht zwei Hühner im Garten haben und keinem Verband angeschlossen sind?

Philipps: Wir stehen mit den Ortsvereinsvorsitzenden in Verbindung. Wer nicht organisiert ist, fällt natürlich dabei durchs Raster. Die Zusammenarbeit mit dem heimischen Veterinäramt ist was den Informationsfluss anbelangt und auch in den anderen Belangen gut.

Wie lange kann so eine Vogelgrippe dauern?

Läufer: Im Jahr 2006 hat es von Januar bis Mai gedauert ...

Philipps: Man sagt, dass es das Virus nicht mag, wenn die Temperaturen hochgehen. Insofern hoffen wir, dass die Stallpflicht aufgehoben wird, wenn es wärmer wird.

Wie sieht es mit der Entwicklung eines Impfstoffes gegen die jetzige Variante der Vogelgrippe aus?

Läufer: Es gibt ihn, aber soweit uns bekannt ist, ist er auf zoologische Gärten beschränkt.

Philipps: Das Problem ist, dass die Antikörper bei geimpften und infizierten Tieren gleich sind. Insofern ist nicht unterscheidbar, welches Tier geimpft und welches krank ist. Zudem gibt es wirtschaftliche und rechtliche Gründe: Der Impfstoff müsste in ungeheuren Mengen produziert werden, und es müsste eine Verordnung der EU kommen, dass geimpft wird. Für uns ist das die einzige Alternative für die Zukunft.

Im Herbst beginnt bei den heimischen Geflügelzüchtern die Ausstellungssaison? Wagen Sie eine Prognose, selbst wenn die Stallpflicht im Frühjahr aufgehoben wird?

Philipps: Ich denke, es wird kleinere Schauen geben, weil es weniger Tiere gibt. Bis zum heutigen Tag sind erst 20 000 Bundesringe zum Beringen der Tiere beim Landesverband abgerufen. Im selben Zeitraum letzten Jahres lagen wir bei 80 000.

Läufer: Die Vereine werden vorsichtig sein. Der große Verein in Leipzig hatte im vergangenen Jahr die Messehalle für die Bundessiegerschau gemietet. Dann wurde die Ausstellung wegen der Vogelgrippe abgesagt. Da muss dann trotzdem die gemietete Halle bezahlt werden. Auch die mehreren Hundert Leistungsbänder, die für eine große Schau benötigt werden und von denen eines durchschnittlich 30 Euro kostet, werden ja schon im Voraus angefertigt. Das kann einen Verein in die Insolvenz bringen.

Ist denn in Ihren Augen der Aufwand rund um die Vogelgrippe gerechtfertigt?

Philipps: Die Vogelgrippe gibt es seit Jahrzehnten. Die meisten Krankheitsausbrüche gab es in der Vergangenheit bei den Wildvögeln und beim Wirtschaftsgeflügel, nicht beim Rassegeflügel. Wenn heute ein toter Vogel herumliegt, wird die Maschinerie angeworfen. Es ist schon auch Panikmache.

Läufer: Man hat den Eindruck, als ob die Vögel massenweise tot vom Himmel fallen würden ...

Was ist Ihr persönliches Resümee nach drei Monaten mit H5N8?

Philipps: Ich ärgere mich über die Lippenbekenntnisse mancher Politiker. Wenn diese unsere Ausstellungen besuchen, heben sie die Bedeutung der Rassegeflügelzucht hervor. Aber jetzt, wenn man sie braucht, sind sie nicht da. Wir fühlen uns schon ziemlich alleingelassen. Uns fehlt die Lobby.


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