Kommt die Energiewende mit der Seilbahn?

"ENERGIEBAHNHOF" Wie der Dillenburger Rüdiger Klein ein Kraftwerk erfand, das Energie speichert, also auf Abruf liefert

Die Fotomontage zeigt einen "Energiebahnhof" zwischen den Dillenburger Stadtteilen Nanzenbach und Frohnhausen.

"Wish it, dream it, do it - wünsch es, träum es, tu es": Ein Schild mit diesem Spruch steht im neuen Dillenburger Büro der beiden "Energiebahnhof"-Entwickler Rüdiger Klein (links) und Christof Schwedes.

Mögliches Pilotprojekt: Auf einer stillgelegten Stromtrasse zwischen den Dillenburger Stadtteilen Frohnhausen und Nanzenbach könnte der erste "Energiebahnhof" entstehen.

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"Eine Sonnenstunde bringt 6000 mal so viel Energie, wie wir nutzen können", sagt Klein. Aber dieser Überfluss könne nicht gespeichert werden.

Das beschäftigte den Mann aus dem Dillenburger Stadtteil. Klein ist eigentlich selbstständiger Handelsvertreter und wird von Unternehmen engagiert. In ihm steckt aber auch ein Daniel Düsentrieb. "Ich habe Erfindergeist", sagt er. So hatte er im Frühjahr immer wieder die Müllsammler an den Straßen gesehen und sich gefragt, ob das nicht einfacher geht. Und er erfand für die Haigerer Firma Hailo einen fahrbaren Müllsammler für Straßenränder - den Müll-Caddy.

Tonnenschwere Gewichte statt Wasser - "Die Idee lag auf der Hand"

Klein ist auch Christ und "Naturmensch". Er sagt: "Wir haben den Auftrag, die Schöpfung zu bewahren." Das Thema "Erneuerbare Energien" sei deshalb für ihn eine Herzensangelegenheit. In seinem Kopf geisterten immer wieder Bilder aus dem Südtirol-Urlaub herum, die vielen Pumpspeicherkraftwerke. Wasser, das durch Röhren den Berg hinauf gepumpt wird, wieder hinab fließt, dabei Turbinen antreibt und so Strom erzeugt.

Strom, der dann erzeugt wird, wenn er gebraucht wird, wenn der Bedarf groß ist: morgens, wenn die Menschen aus dem Bett aufstehen, das Licht anknipsen und die Kaffee-Maschinen anstellen, sowie abends, wenn sie von der Arbeit kommen, Licht und Fernsehgeräte anschalten. Für solche Spitzenbelastungen kann Energieversorger E.on zum Beispiel auf sein Pumpspeicherkraftwerk am Edersee zurückgreifen. Innerhalb von sieben Sekunden ist es bereit zur Stromproduktion. Ein etwas kleineres Pumpspeicherkraftwerk plant die Hermann-Hofmann-Gruppe aus Solms zurzeit in Leun.

Rüdiger Klein saß vor zweieinhalb Jahren abends daheim in seinem Büro, arbeitete am Computer, und dann kam ihm die Idee: ein Pumpspeicherkraftwerk ohne Wasser, stattdessen mit Gewichten. "Die Idee lag auf der Hand, es muss nicht Wasser sein, es geht um die Masse", sagt er. Und er erdachte sich ein Kraftwerk, dass die Energie aus Wind- und Solarparks speichert.

So funktioniert es: Wird Strom benötigt, wenn Flaute ist oder keine Sonne scheint, werden die Gewichte den Berg hinab gelassen. Sie hängen an einem Seil, das wiederum einen Generator antreibt. Und der Generator erzeugt den Strom, der über Leitungen ins Netz eingespeist wird. Zu einem Zeitpunkt, wenn Wind- oder Solarpark genügend Strom liefern, werden die Gewichte wieder per Seil nach oben transportiert. Dann treibt dieser Strom den Generator an, und der Generator funktioniert dabei wie ein Motor, der das Seil mit den Gewichten in Gang bringt.

Es sei wie ein Skilift, wie eine Seilbahn, sagt Klein. Er kritzelte seine Idee am nächsten Morgen mit einem Bleistift auf ein Blatt Papier. Zunächst zeichnet er noch Gewichte in einem Wagen, der auf Schienen den Hang hinauf gezogen wird und dann wieder hinab rollt. So kam er auf den Begriff "Energiebahnhof".

Kurze Zeit später traf er seinen Bekannten Christof Schwedes aus dem Dietzhölztaler Ortsteil Ewersbach. Schwedes ist Geschäftsführer der "7x7 energie GmbH" in Siegen, ein Unternehmen, das Photovoltaikanlagen betreibt. Klein berichtete ihm von seiner Idee. Schwedes: "Ich war sofort begeistert. Und als Maschinenbauingenieur habe ich dann erste Berechnungen angestellt. Es ist ja einfache Physik." Die Formel: Höhenunterschied mal Masse mal Erdbeschleunigung. Das Ergebnis: Energie.

Ein Kraftwerk mit Wasser, das einfach nur den Hang hinab fließe, sei zwar technisch einfacher zu händeln, als der Transport von mehreren Tonnen schweren Gewichten an Seilen, aber ein "Energiebahnhof" benötige nicht so viel Platz. Nur eine Fußballfeld große Fläche für den Talbahnhof sowie eine ebenso große Fläche für den Bergbahnhof.

Seit diesem Treffen arbeiten sie gemeinsam an der Verwirklichung des Projekts. Nur wenige Monate später, im Juni 2011, meldeten sie beim Patentamt in München das Patent auf den "Energiebahnhof" an. Anfang dieser Woche haben sie ein Büro in Dillenburg eröffnet.

Sie treiben ihr Projekt voran, führen Gespräche mit Energieversorgern, die irgendwann mal den gespeicherten Strom aus ihren "Energiebahnhöfen" abnehmen und dafür bezahlen sollen. Und sie stellen es Bürgermeistern im Lahn-Dill-Kreis vor und Hessen-Forst. "Wir brauchen ja Flächen für unsere Vorhaben", sagt Schwedes. Sie brauchen Flächen mit Gefälle, wie es sie im nördlichen Lahn-Dill-Kreis genügend gebe, auch stillgelegte Steinbrüche seien sehr gut geeignet. Ein Höhenunterschied von mindestens 100 Metern auf kurzer Strecke sei ideal.

Die Beiden haben ein Pilotprojekt anvisiert: auf einer stillgelegten Stromtrasse zwischen den Dillenburger Stadtteilen Nanzenbach und Frohnhausen. Nebenan baut die Hermann-Hofmann- derzeit einen Windpark mit sechs Windrädern - potenzielle Energie, die gespeichert werden könnte.

Zwei Tage lang Strom für ein Dorf mit 400 Einwohnern

Man könne mit der in einem "Energiebahnhof" gespeicherten Energie ein 400-Einwohner-Dorf wie Nanzenbach zwei Tage lang autark mit Strom versorgen, erklärt Christof Schwedes. Was allerdings nicht funktioniere: Energie schluckende Stahlfabriken, wie Outokumpu in Dillenburg, mit ausreichend Strom zu versorgen.

Wie geht es weiter mit dem "Energiebahnhof"? Rüdiger Klein: "Wir sind noch am Anfang. Aber wir stehen in Kontakt mit zwei Unternehmen, die in der Lage sind, so einen Energiebahnhof zu bauen. Die Finanzierung sei durch eigene Rücklagen und durch Investoren geplant.

Im Oktober sollen sie den "Energiebahnhof" in Wiesbaden vorstellen. Hessen-Forst hat den Kontakt zur hessischen Umweltministerin hergestellt.


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Kommentare (27)
Nehmen wir der Einfachheit einmal an, es würden würfelförmige Steinblöcke mit einer Kantenlänge von 1 m und einem spezifischen Gewicht von etwa 2,0 über eine Höhendifferenz von 200 m transportiert; das entspricht etwa mehr
dem Unterschied zwischen dem Parkplatz Stoppelberg und der Lahninsel.
Pro Steinblock ergäbe sich damit eine Energie von
2000 * 9,81 * 200 = ca. 4.000.000 Nm = 4.000.000 Ws
Umgerechnet ergibt das 4.000 kWs oder 1,36 kWh.
Der durchschnittliche Stromverbrauch einer 4-köpfigen Familie beträgt etwa 4500 kWh im Jahr (Quelle: Wikipedia). Dass ergibt 12 kWh pro Tag.
Um also einen Energiepuffer für einen sonnenlosen bzw. windlosen Tag zu schaffen, wäre der Transport von 12 /1,36 = 9 Felsblöcken pro Tag UND Haushalt nötig, für eine ganze Woche damit 7 * 9 = 63 Blöcke.. Es bleibt dem Leser überlassen, Szenarien für beliebig große Orte mit beliebig vielen Personen bzw. Haushalte zu erstellen.
Probleme habe ich etwas mit der Tatsache, dass solche Kolumbus-Eier nicht nur ganzseitig in unserer Tageszeitung erscheinen, sondern dass sich der Redakteur nicht die Mühe macht, obige Daten zu hinterfragen bzw. zu verifizieren. Dabei ist für solche Rechnereien keineswegs ein Doktortitel in Naturwissenschaften nötig, es genügt eigentlich, den Physik-Unterricht in der Mittelstufe nicht vollständig verschlafen zu haben.

Zum Thema Speicherung von Energie noch ein Auszug aus dem aktuellen SPIEGEL:
…. So droht sich die Energiewende selbst lahm zu legen. Wind und Sonne werden nahezu unbegrenzt ausgebaut, dafür fehlt der dringend benötigte Reservestrom. Bis zum Jahr 2050, so zeigt eine Studie, müssten in Deutschland Speicher für 20 bis 40 Milliarden Kilowattstunden gebaut werden. Bislang können aber können kaum mehr als 70 Millionen bereitgestellt werden. Und kaum jemand zeigt Interesse, die alten Anlagen zu erhalten…
@d.-debilo
Ihnen ist wirklich nicht mehr zu helfen. Sie merken noch nicht einmal, wie Ihnen diese EEG-Absahner einen Ring durch die Nase ziehen.
Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor mehr
allem ein Schaf sein. Albert Einstein.
Es ist eine Freude zu sehen, wie diese eigentlich keineswegs revolutionäre Idee des nanzenbacher Strombahnhofes ihre Beißreflexe entfacht und Sie sich ja so gar nicht mehr beruhigen können. Ich hoffe, Sie schlafen mehr
deshalb nicht wirklich schlecht.

Warten wir es doch ganz einfach mal ab, was die Zukunft bringt. Der Weg der Energiewende wird weitergehen. Die Abhängigkeit von Öl- Gas- und Uranimporten hat sich in der Vergangenheit immer wieder für Industriestaaten als Achillesferse erwiesen, weshalb ja auch die diversen Alternativleitungen gebaut wurden, Kriege geführt oder eben das EEG zum Umbau der Energiebereitstellung eingeführt wurde. Habe noch nicht gehört, dass weg