Niederschelder berichtet aus Brüssel vom Alltag mit "höchster Alarmstufe"

TERRORGEFAHR "Fühle mich hier nicht bedroht"

David Moreno (links) aus Niederscheld lebt seit vier Jahren in Brüssel lebt. Das Foto entstand 2013 im Justus-Lipsius-Gebäude, dem Sitz des Rats der Europäischen Union und Tagungsort der Gipfeltreffen mit Merkel und ihren Kollegen. Moreno war damals als Reporter unterwegs. Auf dem Bild posiert er mit Alvaro Goikoetxea, der damals für den spanischen Fernsehsender TVE arbeitete. (Foto: privat)

Herr Moreno, wie würden Sie die Stimmung in Brüssel beschreiben?

David Moreno: Die Menschen gehen sehr geduldig und entspannt mit der Situation um. Am Sonntag war ich zuletzt in der Innenstadt, in der Terrorwarnstufe vier herrscht. Ich habe mich nicht bedroht gefühlt. Auch dort waren Menschen auf der Straße. Einige Touristen haben sogar "Selfies" (dt: Selbstporträtfotos per Smartphone, Anm. d. Red.) vor den am "Grand Place" stehenden Panzern gemacht und wollten auch Fotos mit den Soldaten machen. Das haben die natürlich nicht erlaubt.

Einige Cafés und Restaurants hatten zu, andere waren offen. Es war nicht so viel los, aber das Wetter war auch nicht gut. Es ist meiner Ansicht nach nicht so dramatisch, wie es einige Medien schildern. Ich denke, ein paar Tage ertragen alle hier so einen Zustand, aber dann reicht es auch. Das Leben muss weitergehen. Eine Terrorgefahr in Europa wird es nun immer geben.

Wie sieht es in Ihrer Wohngegend aus?

Moreno: Ich wohne im Stadtteil Schaarbeek nahe des Nordbahnhofs. Das ist ein Stadtteil mit hohem Migrantenanteil - zu dem ich mich ja auch zähle. Hier haben die Restaurants auf, und alles ist friedlich. Auch hier hat es eine Razzia gegeben, aber davon habe ich auch erst aus den Nachrichten erfahren. Offenbar sind alle Personen auch wieder freigelassen worden.

Und wie sieht es mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus?

Moreno: Ich kann zur Arbeit normal mit der Tram fahren, denn hier herrscht nur "Level 3". Die Metro fährt nicht, die Tram nur auf Linien, in denen keine Tunnel sind. Die Schulen wurden geschlossen, die Kitas konnten es selbst entscheiden. Das sind Aktionen, die die Bevölkerung nicht versteht. Die Busfahrer fragen sich, warum sie offenbar weniger gefährdet sein sollen als Metrofahrer.

Also mangelt es an Information?

Moreno: Ja. Die Regelungen sind nicht nachvollziehbar und nicht logisch. Mir ist klar, dass die Regierung aus taktischen Gründen nicht alles sagen kann. Oder wie hieß es noch? "Dass ein Teil ihrer Antwort die Bevölkerung verunsichern würde!" Ich schaue ja auch deutsches Fernsehen. (Anspielung auf ein Zitat von Bundesinnenminister Thomas de Maizière nach dem abgesagten Fußball-Länderspiel in Hannover, Anm. d. Red.) Nein, aber im Ernst. Viele kritisieren, dass erst diese Regelungen die Menschen verunsichern, nicht die Gefahr oder die Angst vor einem Anschlag. Und außerdem: Wie soll es erst werden, wenn nächste Woche die Weihnachtsmärkte aufmachen?

Was würden Sie Menschen empfehlen, die jetzt nach Brüssel reisen wollen?

Moreno: Ich finde, man sollte keine Angst haben und sich normal bewegen. Ich kann es verstehen, dass Schülergruppen, die ohne Eltern reisen, ihre Besuche verschieben. Mein Bruder, der in Spanien lebt, will mich am Wochenende besuchen kommen, und das sagen wir auch nicht ab. Ich finde als Einzelperson oder Paar kann man Brüssel schon besuchen. Man kann bummeln und muss auch nicht verhungern! Wenngleich es ein bisschen "Brüssel light" sein wird.

Weil bestimmte Attraktionen nicht besucht werden können?

Moreno: Ja, das Atomium zum Beispiel ist geschlossen, obwohl es außerhalb des Stadtkerns liegt. Manche Museen und auch an meinem ehemaligen Arbeitsplatz, am Besucherzentrum des EU-Parlaments, sind die Türen seit Sonntag zu.

Sie haben 2001 zeitweise in den USA gelebt, ist die Situation vergleichbar?

Moreno: Ich war nicht dort. Ich hätte am 11. September 2001 im Bundesstaat New York sein sollen, musste jedoch meinen Aufenthalt aus privaten Gründen verkürzen und war deshalb an dem Tag in Niederscheld. Ein paar Tage nach den Anschlägen habe ich einen Flug für meine Rückreise in die USA gebucht. Die Reisebüromitarbeiter haben nicht verstanden, wie ich jetzt dorthin fahren kann.

 

ZUR PERSON: DAVID MORENO

David Moreno (34) hat sein Abitur an der Wilhelm-von-Oranien-Schule in Dillenburg gemacht und danach anderthalb Jahre in den USA verbracht sowie in England und der Provence gelebt und studiert.  Danach war er in Bonn als Sportjournalist bei der Deutschen Welle beschäftigt. Seit vier Jahren lebt er in Brüssel, hat dort zunächst im Besucherzentrum des EU-Parlaments internationale Gruppen geführt. Derzeit arbeitet er in der Kundenbetreuung bei HP. Er ist in Niederscheld aufgewachsen, dort leben auch noch Familienangehörige. (wes)


Die ganze Zeitung auf Smartphone oder Tablet: Testen Sie jetzt gratis unsere E-Paper-App.
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2015
Kommentare (0)
Mehr aus Region Dillenburg