Psychiater sieht verminderte Schuldfähigkeit

PROZESS Schwurgericht rekonstruiert Einzelheiten des Tathergangs nach Schüssen in Bahnhofsgaststätte

Im Prozess gegen einen 63-Jährigen aus Herborn, der am 8. Oktober 2012 in Herborns Bahnhofsgaststätte zwei Schüsse auf einen 70-jährigen Gast abgab, hat das Limburger Schwurgericht versucht, Details zu klären.

Als sich die Beteiligten am Dienstag im Gerichtssaal die damals sichergestellte Bekleidung des Opfers mit den Einschusslöchern betrachteten, ging das dem heute 71-Jährigen sichtlich an die Nieren. "Mein ganzer Körper hat gezittert. Was meinen Sie, was das mit mir macht", sagte der Betroffene an die Adresse der beiden Verteidiger, die ihn ins Kreuzverhör nahmen.

Jetzt erinnerte sich der 71-Jährige, der als Nebenkläger auftritt, dass es bereits am Tag vor der Tat, einem Sonntagmorgen, zwischen ihm und dem Angeklagten in derselben Gaststätte zu einem Streit gekommen sei. Weil der Ältere bereits Tage zuvor die Freundin des Jüngeren als "alte Muck" bezeichnet haben soll, "die es mit jedem treibt", soll der 63-Jährige dem Beleidiger am Sonntagmorgen mit den Worten gedroht haben: "Mit dir bin ich fertig. Ich mach' dich tot!" Der 71-Jährige im Gerichtssaal: "Dann habe ich meine Jacke ausgezogen, ging zu ihm hin und hab' gesagt: ‚Komm her, probier's grad!'" Dann fügte er hinzu: "Das hat er nicht gekonnt, weil er keine Waffe dabei hatte."

"Drohung nicht ernst genommen"

"Ich habe die Drohung nicht ernst genommen. Der hat schon öfter 'was zu mir gesagt und sich am nächsten Tag entschuldigt", sagte der 71-Jährige auf Nachfrage der Verteidigung. Doch der Streit zwischen beiden Männern muss sich hochgeschaukelt haben. Als der 63-Jährige den Älteren am folgenden Montag in dem Lokal wiedersah, ließ er sich nach bisherigen Erkenntnissen von einem Taxi nach Hause fahren, um sich dort mit zwei Pistolen und einem Schussapparat der "Marke Eigenbau" zu bewaffnen. Anschließend ließ er sich wieder in die Gaststätte zurückchauffieren.

Als der damals 70-Jährige von der Toilette in den Gastraum kam, soll der 63-jährige ehemalige Jäger zweimal auf ihn geschossen haben. Nach den Ausführungen der Gerichtsmedizinerin hatte der betrunkene 63-Jährige ihm eine Waffe in etwa 40 Zentimeter Entfernung an den Kopf gehalten und den Abzug betätigt. Durch eine reflexartige Armbewegung soll der Angegriffene die Hand des Angreifers zur Seite geschlagen haben, wodurch eine Verletzung an der Wange und eine Schmauchspur im Gesicht entstanden seien. Das Projektil blieb in der rechten Schulter stecken.

Ein zweiter Schuss traf das Opfer in die linke Schulter, zerstörte das Schlüsselbein und verletzte die Lunge. Es war ein Steckschuss in den Oberkörper. Danach sei der Schütze von zwei Männern im Schankraum überwältigt und bis zum Eintreffen der Polizei fixiert worden.

Der Angreifer soll zur Tatzeit erheblich unter Alkoholeinwirkung (möglicherweise 2,6 Promille) gestanden haben.

Der psychiatrische Sachverständige hält den Angeklagten für vermindert schuldfähig. Er habe ein Alkoholproblem. Immer wenn er getrunken habe, sei er aggressiv geworden, was Lebensgefährtinnen des geschiedenen Mannes im Zeugenstand bestätigt hatten. Eine der Frauen, die sich 2004 von ihm trennte, hatte er im angetrunkenen Zustand in einem heftigen Streit auf die Lippe geschlagen, sodass sie heute noch durch eine Narbe gezeichnet ist.

Ein ehemaliger Arbeitskollege, der lange mit dem Angeklagten befreundet war, hatte diesen vor einigen Jahren im psychiatrischen Krankenhaus abgeholt, wo der 63-Jährige wegen seiner Probleme behandelt wurde, die sich in Aggressionen und Drohungen gegen seine Eltern ausgedrückt haben sollen.

Zur Behandlung des Alkoholproblems hat der psychiatrische Sachverständige die Unterbringung des 63-Jährigen in einer Entziehungsanstalt befürwortet. Der Prozess wird am 14. Mai fortgesetzt.


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