Verlauf des Erdbachs gefunden

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Wie der Bach unterirdisch fließt, das war bisher ein Geheimnis. Noch im Jahr 2000 fragte der Naturforscher Christian Grubert: "Wer wird uns den Zauberberg einmal aufschließen?" Heute kann Gruberts Frage beantwortet werden. Ein siebenköpfiges Team der Breitscheider Forschergruppe machte vor knapp zwei Wochen eine Entdeckung, die alle Erwartungen übertraf:  "Wir dachten nicht, dass wir so bald auf den unterirdischen Bachgang des Erdbachs stoßen würden", sagt Forscherin Annette Dorsten, immer noch überwältigt von der Entdeckung. Dass das Wasser, das in Erdbach aus dem Erdreich tritt, zweifelsfrei das ist, das in der Erdbachschwinde am Breitscheider Ortsrand versickert, wurde bereits vor Jahrzehnten mittels Farbversuchen nachgewiesen.

Erdbach bringt Müll wie Bonbonpapier und Plastik mit unter die Erde

"Was jedoch unterirdisch passiert, das war uns bislang ein Rätsel“, sagt Ingo Dorsten. 1,3 Kilometer Luftlinie entfernt und 112 Meter tiefer als bei der Breitscheider Bachschwinde, kommt der Erdbach im gleichnamigen Breitscheider Ortsteil wieder an die Oberfläche.

Sein unterirdischer Weg ist dabei zunächst das seit 1965 bekannte Erdbachhöhlensystem. Versuche, einen Zugang zu dem vermuteten unterirdischen Bachlauf unter dem „Faulfeld“ zu schaffen, hatte es bereits viele gegeben. Immer waren sie gescheitert. Von der Erdbachschwinde aus wagte man 1992 und 2011 Tauchversuche: Doch weil ein Höhlenstück, ein so genanntes "Siphon", sehr niedrig und überflutet war, ist man auf konventionellem Weg nicht weiter gekommen.

So waren auch jene Tauchgänge nicht von Erfolg gekrönt und mussten abgebrochen werden. Im vergangenen Oktober stieß die Gruppe bei ihren Forschungen in der Höhle "Herbstlabyrinth" auf  einen unterirdischen Zulauf des Erdbachs von der Fischweiherdoline am Ortsrand, die so genannte Nordwestpassage. Über diesen im unteren Abschnitt sehr schmalen Bachgang gelang den Höhlenforschern, nach der Überwindung einer Engstelle, die sensationelle Neuentdeckung.

"Wir wissen jetzt, wo der Erdbach fließt. Wir sind dem unterirdischen Bachlauf rund 1,3 Kilometer gefolgt", sagt Annette Dorsten. 300 Meter sei man nach Osten, Richtung Erdbach gegangen; rund einen Kilometer nach Westen, Richtung Breitscheid. Und "gegangen" ist wörtlich zu nehmen.

"Wir waren total überrascht von dem Verlauf", ergänzt sie. Der Gang sei durchschnittlich rund fünf Meter breit und zehn Meter hoch. "Wir hatten erwartet, dass der Erdbach in sehr engen Spalten fließt", führt der Höhlenforscher aus.
"Letztlich war es dann aber ein regelrechter Erdbach-Spaziergang", sagt seine Frau lachend. Jedoch auf die von der Bevölkerung erwarteten großen unterirdischen Seen sei man nicht gestoßen.

Allerdings ist der Weg bis zu dem unterirdischen Bachgang umso beschwerlicher. Von ihrem Einstiegspunkt in der Schauhöhle "Herbstlabyrinth" brauchen die Forscher gut zwei Stunden, bis sie in das neue System kommen.

"Das ist ein sehr kräftezerrender Weg", beschreibt Ingo: "Klettern, absteigen, durch den Lehm kriechen, da ist man wirklich gefordert."

Insgesamt benötigt ein Team, das meistens zu dritt oder zu viert unterwegs ist, mindestens zehn Stunden, inklusive Erforschung des neuen "Erdbachtunnels".
Vorbei kommen sie dabei auch an jener Stelle, an der vor vier Jahren ein Mitglied der Forschergruppe mehrere Stunden lang eingeklemmt war. Nach dem Unfall wurde die Stelle aufwendig gesichert. Noch sind die Höhlenforscher nicht den kompletten unterirdischen Verlauf des Erdbachs abgelaufen.

"Wir können jedoch zweifelsfrei sagen, dass das, was da etwa knietief am Boden fließt, der in Breitscheid verschwindende Erdbach ist", erklärt Annette Dorsten.
Eine Auffälligkeit sei der Müll, der sich in dem System findet: Bonbonpapier, vom Wasser rund geschliffene Tonscherben, Plastikmüll, eine Flasche Glasreiniger.
"All das, was die Zivilisation oben in den Erdbach reinschmeißt, kommt jetzt wieder zum Vorschein", sagt Ingo Dorsten.

Der derzeit so leicht begehbare Bachgang scheint nicht zu jeder Jahreszeit so ruhig und friedlich zu sein. "Wir gehen davon aus, dass der bis zu zehn Meter hohe Gang teilweise komplett überschwemmt ist", beschreibt er. Müll, der an Tropfsteinen an der Decke hängt, sei ein Indikator dafür. Wenn viel Sickerwasser im Erdreich ist, sei der Gang nicht zu erreichen.

"Der Zugang vom ‚Herbstlabyrinth’ aus ist im Winter in einem kurzen Abschnitt ebenfalls  überschwemmt." Genau könne man das nicht vorhersagen, die Forscher gehen jedoch davon aus, dass man den „Erdbach-Tunnel“ noch bis November erforschen kann.

Ihr Wunsch: Ein Forschungszugang, der den Einstieg in die neuen Höhlenteile ohne den "Umweg" über das "Herbstlabyrinth" ermöglicht. Auch ein Wasserstandsmesser soll in Kooperation mit dem Kalkwerk angebracht werden. Doch das ist Zukunftsmusik. Zunächst steht das genaue Kartographieren und Ausmessen des Systems an.

Ausgerüstet mit speziell entwickelten Vermessungsgeräten, schwerem Kameraequipment, Erste-Hilfe-Materialien und genügend Verpflegung in Form von Schokoriegeln werden Annette und Ingo Dorsten bald schon wieder in den noch unbenannten Bachgang hinabsteigen.

In 90 bis 100 Meter Tiefe gibt es für die Höhlenforscher noch viel zu entdecken – auch wenn das größte Geheimnis des "Zauberbergs" nun entschlüsselt ist.


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Kommentare (1)
Sehr schöne Bilder und eine tolle Entdeckung.

Leider ist der Artikel etwas kurz geraten. Wird es noch einen ausführlicheren Bericht geben oder gibt es bei der SAH weitere Informationen?
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