
Mehr Glück hatte ich ein paar Monate später bei der Konkurrenz, im „Capitol“-Kino in der Moritzstraße, wo „Winnetou I“ über die Leinwand ritt. Der Film war zwar auch ab zwölf, ich nicht wesentlich älter, aber vielleicht nicht mehr ganz so ehrlich.
Wahrscheinlicher aber ist, dass mein Vater, den ich mit meiner kindlichen Karl-May-Begeisterung längst angesteckt hatte, die Karten als Belohnung für irgendeine gute Note besorgt hatte, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls hatte ich bei der Sonntagnachmittagsvorstellung sogar Polizeischutz, weil die Käuferschlange von der Kinokasse bis zur nächsten Straßenecke reichte und der Bürgersteig mit Seilen (Lassos?) abgesperrt war. Die Programmhefte übrigens, die es damals zu fast jedem Film gab, sind noch heute kleine Heiligtümer.
Die nächste „Gloria“-Erinnerung, die in die frühen Siebziger zurückreicht, hat mit den Auslesetagen zu tun, an denen dort einmal wöchentlich Klassiker und internationale Filmkunst auf dem Programm stand. Gemeinsam war jenen Filmen, dass es sie bundesweit oft nur in wenigen Kopien gab und diese durch den häufigen Einsatz schon ziemlich ramponiert waren.So bekommt
man Geld zurückUnd ein einziges Mal, bei „Fellinis Satyricon“, habe ich es da erlebt, dass die Vorführung fast doppelt so lange gedauert hat wie der ohnehin schon über zweistündige Film. Der Vorführer muss an diesem Tag der bedauernswerteste Mensch in ganz Dillenburg gewesen sein, weil alle naslang der Film riss und er bestimmt ein Dutzend Mal zum Klebebesteck greifen musste. Nach überstandener Tortur bekamen wir, wenn ich mich recht erinnere, unser Eintrittsgeld zurück. Heutzutage, da im Gloria, wie in vielen anderen Kinos, die dem Trend der Zeit folgen, der Film per Chip digital auf der Leinwand landet, muss man sich um Filmrisse keine Sorgen mehr machen.
Die dritte Episode ist eine dienstliche, die mich aber auch hat verzweifeln lassen. Mitte der Siebziger spielte Lina Carstens in Bernhard Sinkels Komödie „Lina Braake oder Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat“ eine aufmüpfige Seniorin, die sich nicht alles gefallen lässt und zusammen mit einem ihrer Bekannten im Greisenalter eine Bank erfolgreich übers Ohr haut.
Es war einer der ersten Streifen im neu eröffneten „Gloria-Jet“, den ich zum Anlass nehmen wollte, mit einem Bericht auf der Basis von Gesprächen mit älteren Zuschauern auf den Film wie auch auf das neue „Jet“ aufmerksam zu machen. Lange musste ich nachmittags im Foyer warten, bis überhaupt jemand im entsprechenden Alter, einen Enkel an der Hand, das Kino betrat.
„Freuen Sie sich nicht zu früh“, warnte mich Kinochef Klaus Fuchs, der damals, wie meistens, an der Kasse saß. Er sollte Recht behalten, die Dame und ihr Anhang wollten „Der weiße Hai“ sehen, der ein Stockwerk höher die Massen anlockte und meine Geschichte zunichte machte.
Natürlich, es gibt durch die Jahrzehnte auch jede Menge positiver Erinnerungen ans „Gloria“, etwa an die langen Themennächte mit Western, Komödien, Gruselfilmen und anderen Genreklassikern, die in den späten Siebzigern, frühen Achtzigern zweimal jährlich auf dem Programm standen, aus fünf Filmen nonstop bestanden und erst endeten, wenn die anderen schon längst wieder auf dem Weg zur Arbeit waren. Aber wie so oft sind es doch eher die persönlichen Niederlagen, die im Gedächtnis haften bleiben.
Kollegen übrigens, auf ihre frühen Filmerfahrungen angesprochen, erinnerten sich auffällig häufiger an ihre jeweilige Begleitung als an den gesehenen Film. Das bestätigt meine alte Theorie, dass sich Lichtspieltheaterbesucher grob in zwei Gruppen einteilen lassen, in Menschen nämlich, die ins Kino gehen, und in solche, die einen Film sehen wollen.







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