Wer ist ein Pflegebedürftiger?

SOZIALES Experten informieren in Kreis-Pflegekonferenz über Folgen eines neuen Gesetzes

Pflegewissenschaftlerin Prof. Dr. Sandra Bensch: "Es wird niemand schlechter gestellt." (Foto: Linker)

"Vieles wird sich ab 2017 ändern", sagte der Leiter des Kreis-Sozialamtes, Klaus Gerhard Schreiner. "Wird es auch besser? Welche Wirkung hat das Gesetz für Betroffene? Und für Pflegedienste? Wird es ein bürokratisches Monster?" Zumindest der Name des Gesetzes hört sich so an: Zweites Pflegestärkungsgesetz.

Professorin Dr. Sandra Bensch ist Pflegewissenschaftlerin an der Katholischen Hochschule in Mainz. Sie erklärte den etwa 250 Zuhörern in der Ehringshäuser Volkshalle, meist Pflegekräfte, die Änderungen.

Bisher werde die Pflegebedürftigkeit an körperlichen Erkrankungen und Behinderungen festgemacht. Künftig sei die entscheidende Frage: Wie selbstständig ist ein Mensch?

Dabei rücke auch die Krankheitsfolge in den Fokus, also beispielsweise die halbseitige Lähmung nach einem Schlaganfall. Und: Es gehe nicht mehr nur um körperliche Beeinträchtigungen, sondern auch um psychische und kognitive. Also fallen beispielsweise auch stark Depressive, Schizophrene und Demenzkranke unter den Begriff der Pflegebedürftigkeit. "Sie sind unselbstständig in der Bewältigung des Alltags", sagte die Wissenschaftlerin.

Kreis-Sozialdezernent Stehan Aurand (SPD) hatte in seinem Grußwort festgestellt: "Es ist wichtig, dass sich der Begriff Pflege auch für Menschen mit Demenz und seelischen Erkrankungen öffnet."

Künftig wird die entscheidende Frage lauten: Wie selbstständig ist ein Mensch?

Das neue Gesetz bringt aber noch mehr Veränderungen. Dr. Sandra Bensch informierte: Bisher gebe es drei Pflegestufen (plus Härtefall), künftig gebe es fünf Pflegegrade. Alle orientierten sich an der Beeinträchtigung der Selbstständigkeit eines Menschen: geringe, erhebliche, schwere, schwerste oder schwerste Beeinträchtigung mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung. Nach diesen Pflegegraden richte sich, welche Pflegeleistungen bezahlt werden.

Pflegebedürftige, die schon einer Pflegestufe zugeordnet sind, werden laut Bensch automatisch in einen Pflegegrad übergeleitet. Und sie sagte: "Es wird niemand schlechter gestellt."

Wo die Entscheidung über die Pflegebedürftigkeit erst ansteht, gilt ein neues Begutachtungssystem. Es ist Bestandteil des neuen Gesetzes und gilt ebenfalls ab nächstem Jahr. Die Gutachter entscheiden dann über die Pflegegrade nach festgelegten Kriterien:

- Mobilität (zum Beispiel: Kann die Person noch Treppen steigen?)

- kognitive und kommunikative Fähigkeiten (zum Beispiel: Ist das Gedächtnis noch vorhanden?)

- Verhaltensweisen und psychische Probleme (zum Beispiel: Hat die Person Ängste?)

- Selbstversorgung (zum Beispiel: Kann sich die Person selbstständig waschen, kann sie selbstständig trinken und essen?). Laut Professorin Bensch fließt dieser Punkt mit 40 Prozent in die Bewertung ein, hat also einen hohen Stellenwert. Und dabei habe wiederum die Frage nach dem selbstständigen Essen eine hohe Bedeutung.

- Umgang mit krankheits- und therapiebedingten Anforderungen (zum Beispiel: Wie häufig nimmt die Person Medikamente bzw. wie häufig muss sie in Therapie?)

- Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte (zum Beispiel: Kann sich die Person selbstständig beschäftigen?)

Ein Mitglied der Alzheimer-Gesellschaft Mittelhessen gab zu Bedenken: Demenzerkrankte seien in der mittleren Phase der Krankheit zwar teilweise noch selbstständig, bräuchten deshalb aber auch ständige Betreuung. Der Pflegeaufwand sei in diesem Stadium viel höher als in einer späteren Phase, wenn sie dann zwar unselbstständiger, aber auch ruhiger würden.

Bensch machte auch grundsätzliche Anmerkungen zur Pflege: Es sei nach wie vor politisch gewollt, dass zunächst Angehörige die Pflege übernehmen sollten und das Motto gelte: ambulante vor stationärer Pflege. "Die Krankenversicherung ist eine Vollkaskoversicherung, aber die Pflegeversicherung ist nur eine Teilkaskoversicherung", sagte sie.

Derzeit finde in Berlin der Deutsche Pflegetag statt. Dort werde das neue Begutachtungssystem von der Politik gefeiert werden.

Petra Brodowski von der Diakonie Hessen erläuterte die Folgen des neuen Gesetzes. Nach Angaben der Politik sollten alle pflegebedürftigen Menschen mehr Leistungen erhalten. Das treffe aber nicht ganz zu. "Wir stellen da eine Diskrepanz fest", sagte sie. In der ambulanten Pflege würden künftig mehr Menschen Leistungen erhalten und sie würden höhere Leistungen, also mehr Geld, erhalten. In der stationären Pflege würden dagegen bei Pflegebedürftigen nach Pflegegrad 2 und 3 Leistungen gesenkt.

Die Bundesregierung geht davon aus, dass mit dem neuen Gesetz eine halbe Million mehr Menschen Anspruch auf Pflegeleistungen haben werden. Da außerdem Pflegeleistungen erhöht werden, will die Regierung ab 2017 die Beiträge zur Pflegeversicherung anheben.

Weitere Infos

Weitere Informationen zum Thema Pflege gibt es bei den Pflegekassen oder beim Pflegestützpunkt des Lahn-Dill-Kreises, Karl-Kellner-Ring 51, 35576 Wetzlar; E-Mail: pflegestuetzpunkt(at)lahn-dill-kreis.de; Telefon (0 64 41) 40 77 14 15 und 4 07 14 16.


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