"Wir wollten die DDR reformieren"

ZEITZEUGIN Ingrid Miethe berichtet vom Jugend-Protest gegen das Regime

Zeitzeugin Ingrid Miethe.

Foto: Röder

Akteneinsicht: Unter anderem notierte die Stasi in Ingried Miethes Akte, sie trete ein für die „konterrevolutionäre Entwicklung“ in Polen.

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"Begründeter Verdacht der Feindaktivität", "politische Motive", "Organisation alternativer Aktivitäten", notierten einst Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit über Ingrid Miethe. Das Bild, welches die Professorin der Erziehungswissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen den Schülern der Wilhelm-von-Oranien-Schule (WvO) vergangenen Montagabend in der voll besetzten Bibliothek von sich vermittelte, war jedoch ein ganz anderes: Es war das einer Frau, die sich auch von den widrigsten äußeren Umständen einer Diktatur nicht ihre Jugend stehlen ließ.

Im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung "Jugend-Opposition in der DDR", die der WvO von der Robert-Havemann-Gesellschaft zur Verfügung gestellt wurde und die auf diversen Plakatwänden das Schicksal von 20 Oppositionellen schildert, war Ingrid Miethe zum Zeitzeugengespräch geladen.

1962 wurde Miethe in Plauen, damals im Bezirk Karl-Marx-Stadt, geboren. "Plauen war zwar ein Kaff, hatte aber eine recht starke oppositionelle Szene und galt als ‚grenznah', weswegen die Stasi dort schon verstärkt operierte", berichtete sie den rund 50 Gymnasiasten. "Mein Vater Gerhard identifizierte sich sehr positiv mit der DDR. Er war vorher Gärtner gewesen und kletterte nach 1949 als so genannter Neulehrer die Karriereleiter fix nach oben." Seine Treue zum Arbeiter- und Bauernstaat ging soweit, dass der "Rote Miethe", wie er aufgrund seiner Gesinnung genannt worden sei, nachts die Fernsehantennen, die nach Westen ausgerichtet waren, absägte.

"Ich habe als Kind für den Sozialismus gebrannt", erzählte Ingrid Miethe. Sie hätte einen leichten Weg wählen können, doch sie wählte etwas Anderes. "Mir standen vom Elternhaus her alle Türen der DDR offen. Ich habe sie aber alle zugeschlagen", sagte sie. Dabei war es keine bewusste Entscheidung für die Opposition, welche schließlich sogar im Widerstand gipfelte.

Kirche in der DDR - das war ein Treffpunkt für alle, die anders dachten

"Mit 12 Jahren habe ich angefangen zu zweifeln", erzählte sie weiter. Da habe sie kritische Gedichte geschrieben, die sie anschließend jedoch aus Angst überklebte, irgendwann einfach mal so in die Kirche gegangen. "Kirche in der DDR war Treffpunkt für alle Andersdenkenden, für die Opposition", erklärte Miethe.

Zoff mit dem roten Vater war da freilich vorprogrammiert. "Generell vertrat er zwar die Ansicht, dass man die Argumente seiner Feinde kennen müsse, er hätte jedoch nie gedacht, dass mich die Argumente der ‚Feinde' überzeugen würden", sagte Miethe.

1982 schloss sie sich einer freien Friedensbewegung an. Den Ausschlag hatten die Proteste gegen den Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung von Pershing-II-Raketen in Westdeutschland gegeben, der auch in der DDR entbrannte. Miethe berichtete, mit welchem Erfindungsreichtum die Jugendlichen vorgegangen seien, um ihre Symbole und ihren Wahlspruch "Schwerter zu Pflugscharen" trotz Verbots zur Schau zu stellen. Es sei immer eine Gratwanderung zwischen bloßem Anecken und der Verhaftung gewesen, erzählte sie.

Der Club "Malzhaus" in Plauen war Treffpunkt der örtlichen oppositionellen Jugend, die sich vor allem in Folklore-Gruppen manifestierte. Ebenfalls 1982 wurde das "Malzhaus" geschlossen. "Als offizieller Grund wurden Renovierungsarbeiten angegeben, die jedoch nie stattgefunden haben", sagte Miethe. Die Folge: "Ich habe fast meinen kompletten Freundeskreis verloren", die meisten seien in den Westen geflüchtet.

Für Miethe das Entscheidende: "Wir sind nicht bewusst in die Opposition gegangen. Man lebte einfach eine Jugendkultur. Diese wurde dann von den Machthabern kriminalisiert." Der Widerstand - Miethe scheute dieses Wort - fand dann auch im ganz kleinen, in alltäglichen Dingen statt. Es gab Partys oder Weihnachtsfeiern, zu denen nur Oppositionelle kamen. "Die normalsten Dinge haben die Stasi auf den Plan gerufen", sagte Miethe. Später erfuhr sie dann, dass der Hausmeister einer Augenklinik, wo sie beschäftigt war, sie jahrelang ausspioniert hatte.

Richtig politisiert worden sei sie erst im Wendejahr 1989. "Da haben wir bewusst Flugblätter gedruckt und verteilt." Wohl auch, weil die Jugendlichen merkten, dass sie in der DDR keine Zukunft hatten. Miethe erzählte: "Unter meinem Abiturzeugnis stand: ‚Ihre sehr guten Kenntnisse im Marxismus stehen im Gegensatz zu ihrer Weltanschauung.' Das sei das Aus für ein Studium gewesen. Erst nach der Wende wurde es möglich.

"Mit dem Fall der Mauer begann mein neues Leben", sagte Miethe abschließend: "Diese DDR-Gesellschaft voller Betonköpfe war zum Kotzen. Ich habe meine Seele gerettet, indem ich unabhängig und frei geblieben bin." Trotzdem stellte Miethe fest: "Als Jugendliche wollten wir die DDR nicht zerstören, wir wollten sie reformieren."

Rund eineinhalb Stunden klebten die Schülerinnen und Schüler der WvO förmlich an den Lippen der Zeitzeugin. Wer sich anschließend noch weiter informieren wollte, konnte und kann dies in der Ausstellung "Jugendopposition in der DDR" im Foyer des Dillenburger Gymnasiums noch bis zum 30. November tun.


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