Nach Afghanistan in Hartz IV

SOZIALGERICHT Soldat klagt nach Auslandseinsatz auf Anerkennung von Spätfolgen

Den Einsatz in Afghanistan hat Zeitsoldat Thomas S. nicht verkraftet. Doch zivile Gutachter wollen seine posttraumatische Belastungsstörung nicht anerkennen. Er klagt. (Foto: Kneffel/dpa)

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Thomas S musste die Sachen durchsuchen, die dieser dabeihatte. "Ich dachte erst, ich habe Kohle vor mir", erzählt er. Aber es waren zwei Säuglingsleichen. Erschlagen und dann verbrannt, einfach weil es "nur" Mädchen waren und eben keine Jungen, wie sich später herausgestellt habe.

Bei dem damals 25-jährigen Heeres-Stabsunteroffizier, der selbst eben erst frischgebackener Vater geworden war, brachte das offenbar ein Fass zum Überlaufen: "Es hat sich eingebrannt." Aber er hat es erst mal nicht gemerkt. Die Reizschwelle liegt hoch. Dass in der Nähe mal ein Sprengsatz hochgeht oder dass man beschossen wird, ist durchaus nicht ungewöhnlich für Soldaten im Afghanistan-Einsatz, wenn sie wie Thomas S. nicht dauerhaft in einer Funktion im Feldlager sind, sondern rumkommen.

Der Mann aus einer Gemeinde im Westen des Landkreises Gießen gehörte zu den Versorgern, bediente Kräne und fuhr Transporte. Er kehrte nach Deutschland zurück und hatte bald wieder einen Auslandseinsatz, der ihn von sich selbst und seinen Problemen ablenkte: im Kosovo. "Kindergeburtstag" nennt er das im Vergleich zum Alltag in Afghanistan, wo die Bundeswehr ihre Einsatztruppen jetzt gerade abgezogen hat.

Zum Ende seiner Dienstzeit ging es Thomas S. immer schlechter. Jemand, "dem ich blind vertraute", machte ihn darauf aufmerksam. Als sich dann auch noch bei einer privaten Wiedersehensfeier ein Kamerad wegen solcher Probleme erschoss, war das Maß voll. Thomas S. berichtet: "Da habe ich mir gesagt: Ich brauche Hilfe."

Nach anfänglicher medikamentöser Therapie hat er kurz vor Ende seiner Dienstzeit einen Platz im Bundeswehr-Krankenhaus Koblenz bekommen, wo man diese psychischen Probleme längst kannte: posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) ist der Fachausdruck dafür.

Thomas S. wurde als dienstunfähig entlassen. Er hat inzwischen gut 20 Krankenhausaufenthalte hinter sich. Mit dem Ausscheiden aus der Bundeswehr änderte sich für den Zeitsoldaten aber die Zuständigkeit.

Eigentlich hätte er jetzt auf Bundeswehrkosten eine Schule besuchen und später ganz normal zivil arbeiten sollen. Aber das ging zumindest zunächst nicht. Er bezog Versorgungskrankengeld vom Versorgungsamt. Gleich war ein ziviler Gutachter zugezogen worden, der die Diagnose der Bundeswehrexperten in Koblenz nach kurzer in Augenscheinnahme aber nicht bestätigt habe.

Mit dem Ergebnis, dass Thomas S. immer noch keine PTBS als Wehrdienstbeschädigung anerkannt bekommen hat. Längst ist Klage vor dem Sozialgericht eingereicht. Die Sache brauchte schon bisher viel mehr Zeit, als Thomas S. Übergangsgeld hatte. Er musste Hartz-IV-Leistungen beantragen. Und von anderen Betroffenen aus Krankenhausaufenthalten weiß er, dass er das Problem mit der PTBS-Anerkennung nicht allein hat.

In Dutenhofen in Behandlung: Folkerts spricht von weiteren ähnlichen Fällen

In Behandlung ist Thomas S. auch in Dutenhofen bei Heilpraktiker Psychotherapie Hans-Jürgen Folkerts, dem ehemaligen Kommandeur des Gießener Verteidigungsbezirkskommandos 47, der als früherer Oberst Einsatzsituationen gut kennt. Und allein in dessen Praxis gibt es drei Fälle von ausgeschiedenen Zeitsoldaten, denen Bundeswehrärzte PTBS bescheinigt haben, ohne dass zivile Gutachter dem gefolgt seien, wenn es um die Anerkennung als Wehrdienstbeschädigung geht.

Der Fall von Thomas S. liegt seit August vergangenen Jahres auch beim Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages.


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