Auf vier Rädern durch die Residenz

SELBSTVERSUCH  Mit dem Rollstuhl durch Weilburg / Viele Stufen blockieren Weg
Im Rollstuhl durch Weilburg

Unsere Fahrt beginnt am Bahnhof. Meine Begleiter sind Lilo Witzke, Vorsitzende des Senioren- und Behindertenbeirats, Monika Falk, Margit Eisenträger, beide Mitglieder im Senioren- und Behindertenbeirat, und Ortsvorsteher Andreas Tiefensee (CDU), der mich zwei Stunden lang durch die Innenstadt schieben wird. Zum Glück bin ich nicht alleine unterwegs, sonst hätte der Ausflug am Parkhaus geendet. Bis dahin kann ich fast alleine rollen, schaue aber besorgt die Beschaffenheit des Bodenbelages an und als ungeübter Rollstuhlfahrer kann ich keinen Bordstein alleine bewältigen. Die Tür zum Treppenhaus des Parkhauses geht sehr schwer auf. Nur mit viel Anstrengung schaffe ich es, die Tür zu öffnen. Dafür ist die Tür des Aufzugs bereits offen.

Der Aufzug
des Parkhauses
scheint defekt
 zu sein oder 
zu hängen

Ich rolle hinein und drücke die Taste, die mich zum König-Konrad-Platz bringen soll. Nichts passiert. Ich drücke die Taste erneut, doch schnell ist klar, der Aufzug scheint defekt zu sein oder irgendwo zu hängen. Für einen Rollstuhlfahrer oder auch für Menschen mit Kinderwagen ist somit ein Erreichen der Innenstadt nur mit großem Umweg möglich. An der Frankfurter Straße gibt es erst weiter oben eine Ampel, die auf die andere Seite führt, über die „Ritsche“ wäre es bedingt möglich, jedoch nur mit enormem Kraftaufwand. Es bleiben die Treppen auf der Straßenseite gegenüber des Lahntors. Wäre ich alleine gewesen oder auf den Rollstuhl angewiesen, hätte hier mein Weg geendet. So steige ich kurzerhand aus dem Rollstuhl aus und mit vereinten Kräften tragen wir ihn die Treppen hoch.

Die Fahrt geht weiter Richtung Innenstadt. Wir überqueren den Zebrastreifen, der hier, wie überall in Weilburg durch Markierungen Orientierung für Sehbehinderte bietet.

Der Versuch, die Marktstraße hochzufahren, scheitert. Viel zu steil und zu gefährlich. Also weiter Richtung Rathaus. Die Füße habe ich inzwischen aus den Schlaufen der Fußtritte des Rollstuhls genommen, das schränkt mich noch mehr ein. Wenn ich selbst rolle, kommt es mir so vor, als ob sich der Rollstuhl leicht vorne anhebt und es ist auch ein mulmiges Gefühl, sich in sitzender Position über die Straßen zu bewegen.

Neben dem Weltladen ist eine behindertengerechte Toilette. Doch die Tür ist verschlossen. Im Weltladen erfahren wir, dass Rollstuhlfahrer beim Club Behinderter und ihrer Freunde (CBF) in Darmstadt einen Euroschlüssel für öffentliche Behindertentoiletten bestellen können. Dieser Euroschlüssel passt an Autobahntoiletten, an Toiletten vieler Städte in Deutschland, Österreich, der Schweiz und einigen weiteren europäischen Ländern.

„Wunderschön
gemacht ist
 der Zugang
zur 
Buchhandlung“

Weiter geht es Richtung Rathaus. Vor der Treppe, die zum Rathaus hoch führt, ist an der Hauswand eine Klingel für Rollstuhlfahrer angebracht (momentan ausgebaut). Die ist jedoch so unscheinbar, dass wir sie übersehen. „Ein Fremder würde diese Klingel niemals finden“, sagt Lilo Witzke. „Es gehört eine Tafel hin, auf der steht, wie man mit dem Rollstuhl ins Rathaus und zum Aufzug gelangt.“

Ich möchte ins Rathaus und rolle über den Aufgang zum Büro des Fremdenverkehrsmarketings zum Nebeneingang hoch. Die Tür lässt sich zwar öffnen, doch um mit einem Rollstuhl durchzukommen, muss die zweite Flügeltür ebenfalls geöffnet sein. Auf den ersten Blick ist es nicht ersichtlich, wie diese Tür aufgemacht werden kann. Bis Andreas Tiefensee hinter der Tür einen Haken entdeckt und die Tür öffnet. Als Rollstuhlfahrer ist es alleine kaum möglich diese zweite Flügeltür zu öffnen. Im Rathaus befindet sich ebenfalls eine behindertengerechte Toilette, das zeigt ein Aufkleber an der Scheibe.

Der Komödienbau und die untere Orangerie sind bis jetzt für Rollstuhlfahrer unzugänglich, sollen demnächst aber mit einem Aufzug erreichbar sein. Gut gelöst ist der Eingang im Hinterbereich der Stadtbücherei. Dort klopft man einfach an die Scheibe und ein Mitarbeiter öffnet die Tür.

Wir überqueren beim „Tommys“ den Gehweg, und ich rolle in die Neugasse. Das Reisecenter auf der linken Seite ist barrierefrei. Das Foto-Studio nebenan hat zwar eine Rampe, aber die ist weder für einen Rollstuhl noch für einen Kinderwagen gedacht, da sie zu steil ist. Ein junger Mann kommt vor die Tür und fragt, ob er uns helfen kann. Er sagt, wenn ein Rollstuhlfahrer ins Geschäft möchte, dann helfen ihm zwei Personen dabei.

Hätte ich mein Konto bei der Sparkasse und wollte in der kleinen Filiale Geld holen, würde ich mit leeren Händen dastehen, denn drei Stufen trennen einen Rollstuhlfahrer dort vom Geldautomaten. Auch die Parfümerie, die Pizzeria und die Metzgerei sind nicht barrierefrei.

Das Schuhgeschäft dagegen ist für Rollstuhlfahrer geeignet. „Wunderschön gemacht ist der Zugang zur Buchhandlung. Hier hat man sich etwas dabei gedacht“, sagt Lilo Witzke. Ein Weg, abgesetzt mit roten Steinen, weist in die Buchhandlung, die ein Rollstuhlfahrer problemlos erreichen kann. Von der Neugasse rolle ich mit Hilfe von Andreas Tiefensee in die Niedergasse. Auch hier haben alle Geschäfte geschichtsbedingt Stufen. Bei einem Haus ohne Stufen, in dem mehrere Ärzte und eine Krankenkasse ihren Sitz haben, wage ich einen Versuch. Die hydraulische Tür ist ein Knackpunkt. Da helfen nur viel Kraft, Tricks und Überlegungen, um sich ohne Hilfe Zutritt zu verschaffen. Ist man drin, kommt man aber nicht mehr raus. Denn ein Rollstuhlfahrer kann die Tür von innen nicht mehr alleine öffnen.

Weiter geht es zum Marktplatz. So schön dieser ist, es gibt jedoch kein einziges Geschäft oder Café, das für einen Rollstuhlfahrer geeignet ist. Die Amtsapotheke hat vor ihrem imposanten Treppenaufgang eine Klingel für Rollstuhlfahrer angebracht. Ich rolle weiter zur Schlosskirche. Beim Haupteingang versuchen wir es gar nicht, denn von dort führen Treppen nach oben und in der Kirche wieder nach unten. Wir versuchen es über den Hintereingang vom Schlossgarten aus. Andreas Tiefensee zieht von hinten und Monika Falk hebt vorne den Rollstuhl die Treppen hoch. Das kostet die beiden viel Anstrengung und mich viel Vertrauen in die Kräfte meiner Begleiter. Aber der Versuch scheitert. Zu schwer ist das Gefährt und zu steil sind die Treppen.

Die Schlosskirche war auch Thema beim Senioren- und Behindertenbeirat, der zu einer Begehung in die denkmalgeschützte Schlosskirche geladen hatte. Ziel des Treffens war es, einen akzeptablen Weg zu finden, den Zugang zur Kirche barrierefrei zu gestalten. „Die Schlosskirche ist ein bedeutendes Bauwerk und muss in ihrem Bestand geschützt werden“, sagte Andreas Tiefensee. Sie müsse aber auch von allen Menschen erreicht werden können.

Bei der Begehung sagte Bürgermeister Hans-Peter Schick (parteilos), dass es notwendig sei, dass die evangelische Kirchengemeinde, die Landeskirche sowie die Verwaltung der Schlösser und Gärten Hessen und auch die Stadt Weilburg zusammenwirken und eine Lösung erarbeiten sollten.


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