
Zu den Einrichtungen auf deutschem Boden, die auch heute noch mit dieser Spurensuche beschäftigt sind, gehören der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen, die Deutsche Dienststelle in Berlin und der Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München. Zwar müssen diese Dienste bei weitem nicht mehr so viel Arbeit wie in den ersten Nachkriegsjahren leisten, doch beschäftigt der Internationale Suchdienst in Bad Arolsen, die größte Einrichtung dieser Art, heute noch etwa 300 Mitarbeiter.
Mittels der Hilfe des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes in München konnte jetzt eine Spurensuche erfolgreich abgeschlossen werden. Es ging dabei um das Schicksal von Sofie Masur, einer aus Polen stammenden Ostarbeiterin. In ihrem Schicksal spiegelt sich ein Stück deutscher Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.
Sofie Masur wurde am 2. Januar 1921 in Warschau geboren. Im Jahre 1942 kam sie nach Deutschland und arbeitete zunächst auf einem Bauernhof in Laubuseschbach, und zwar vom 10. Dezember 1942 bis 6. August 1943. Das Arbeitsamt Limburg versetzte sie dann an das städtische Krankenhaus in Weilburg, hier arbeitete sie als Haushaltsgehilfin. Sie erhielt zunächst 18 Reichsmark (RM) brutto als monatliche Vergütung, bereits ab dem 1. Oktober 1943 wurde dieser Betrag auf 25 RM angehoben, denn das Krankenhaus war mit Sofies Arbeitsleistung sehr zufrieden.
Im Jahre 1944 wurde Sofie schwanger, und es sollte eine Ersatzkraft für sie eingestellt werden, was aber nie geschah. Im November 1944 wurde Sofie, vermutlich auf Anordnung des Gauarbeitsamtes Frankfurt, zur Entbindung in das berüchtigte Lager Pfaffenwald bei Bad Hersfeld verlegt.
Warum es zu dieser Anordnung kam, warum sie ihr Kind nicht in Weilburg zur Welt bringen durfte, ist unbekannt. Wollte man ihr vielleicht das Kind nach der Geburt wegnehmen? Niemand weiß es.
Am 22. November 1944 brachte Sofie im Lager Pfaffenwald einen Sohn zur Welt, mit dem sie schon einige Tage nach der Geburt wieder nach Weilburg zurückkehrte. Sie nahm ihre Arbeit im Krankenhaus wieder auf, sie durfte weiter im Krankenhaus wohnen und ihr Kind dort versorgen.
Der Vater ihres Sohnes arbeitet in der Grube Georg-Joseph in Gräveneck
Am 14. Dezember 1944 wurde der Neugeborene in der katholischen Kirche Weilburg von Pfarrer Josef Herr auf den Namen Stanislaw Krystow getauft. Der Name seiner Taufpatin lautete Bronislawa Caciuba (Weilburg), vermutlich auch eine Polin. Im Februar 1945 übersandte das Kreisjugendamt einen Fragebogen an die Stadtverwaltung Weilburg. Mit diesem sollte überprüft werden, ob gegebenenfalls eine Vormundschaft für das neugeborene Kind eingerichtet werden müsste. Denn formal ging es um ein uneheliches Kind.
Die Stadt beantwortete diese Anfrage umgehend, und einer Antwort auf dem Fragebogen war auch der Name des Kindsvaters zu entnehmen. Er hieß Franciszek Szymkowiak, geboren 1907, ebenfalls Pole, und arbeitete auf der Grube Georg-Joseph in Gräveneck.
Die Beziehung zwischen Sofie und Franciszek enthält auch einen versteckten Hinweis auf ihre konkreten Lebensverhältnisse: Es gab anscheinend keine Bewachung für die polnischen Arbeitskräfte, weder in Gräveneck noch in Weilburg. Es existierte offensichtlich auch kein Verbot, den Wohnplatz nach der Arbeit vorübergehend zu verlassen. Die Arbeitszeit ließ noch "Freizeit" zu, in der Grube Georg-Joseph wurde nur eine Schicht gefahren.
Die arbeitsfreie Zeit kann nicht zu knapp gewesen sein, die Strecke von Gräveneck nach Weilburg oder von Weilburg nach Gräveneck musste immer zu Fuß zurückgelegt werden; die Benutzung der Eisenbahn war den beiden als Ostarbeitern strengstens verboten. Wo und wann sich die beiden kennen lernten, ist unbekannt. Vielleicht bei einem Arzttermin im Krankenhaus Weilburg, beide waren bei der AOK des Oberlahnkreises krankenversichert.
Am 15. Mai 1945 verließ Sofie das Krankenhaus in Weilburg und zog mit ihrem Kind nach Wetzlar, wo mittlerweile zwei große Lager für die freigelassenen Zwangsarbeiter eingerichtet worden waren. Hier kam sie mit ihrem Kind unter. Am 19. Oktober 1945 heiratete Sofie in Wetzlar den Vater ihres Kindes, wahrscheinlich im DP-Camp 2 in der ehemaligen Spilburg-Kaserne.
Danach verlor sich zunächst die Spur der Familie. Recherchen beim Internationalen Suchdienst in Bad Arolsen hatten keinen Erfolg, und eine direkte Anfrage des Chronisten beim Polnischen Roten Kreuz blieb unbeantwortet. Doch dem Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes gelang es, Kontakt zum Suchdienst des Polnischen Roten Kreuzes herzustellen.
Und dieser übermittelte vor wenigen Wochen folgende Antwort nach Deutschland: Die Familie Szymkowiak kehrte noch 1945 nach Polen zurück. Sofie starb am 22. März 1997 in Gorzów Wielkopolski, ihr Sohn starb wenige Monate später, am 22. September 1997, ebenfalls in Gorzów Wielkopolski. Über den Familienvater Franciszek (geb. 1907) übermittelte das Polnische Rote Kreuz keine Mitteilung, doch der dürfte mittlerweile auch längst verstorben sein.
Eine jahrelange Spurensuche ist damit zum Abschluss gekommen.







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