Der "Notarzt aus Leidenschaft" geht

PORTRÄT Dr. Valentin Kelbling will auch nach letztem Einsatz Menschen helfen - zu Hause und im Ausland

War stets bereit, in den Rettungswagen zu springen: Dr. Valentin Kelbling war 1990 der erste hauptamtliche Notarzt in Weilburg. Nach 25 Jahren geht er in den Ruhestand. (Foto: Bach)

Bis bis zum Abend des 2. Januar bestimmte noch der "Piepser" rund um die Uhr den Lebensrhythmus des ärztlichen Leiters am Notarztstandort des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Weilburg. Stets war Kelbling bereit, sofort in den Rettungswagen zu springen. Nun übernimmt Benjamin Neeb den Posten als leitender Notarzt.

Im Sommer hat Kelbling bereits sein 25-jähriges Betriebsjubiläum gefeiert. Kurz vor Weihnachten hat das DRK den leitenden Notarzt offiziell verabschiedet. Trotzdem tritt der am 25. Januar 1952 in Hagen (Westfalen) geborene "Notarzt aus Leidenschaft" keinen typischen Ruhestand an: Denn anderen Menschen zu helfen, ist seine Berufung. Und das will er auch weiterhin machen.

Schon als Junge ist er an der Versorgung seiner Blessuren so interessiert, dass er den Schmerz vergisst

Schon als kleiner Junge war er an der Versorgung seiner Blessuren so interessiert, dass er den Schmerz kaum merkte. Selbst beim Nähen seiner Wunden wollte er immer zuschauen, erzählt er rückblickend. Als Jugendlicher fand er dann den Weg zum Deutschen Roten Kreuz: Mit 14 Jahren absolvierte er eine Sanitätsausbildung, mit 17 fuhr er im Rettungsdienst in München. Um ein Medizinstudium schneller beginnen zu können, absolvierte er dies in Rumänien - für damalige Zeiten völlig ungewöhnlich. Dort lernte er auch seine spätere Frau Monika, eine Kommilitonin, kennen und lieben.

Nach dem Examen arbeitete Valentin Kelbling als Assistenzarzt in der chirurgischen Abteilung des Kreiskrankenhauses Plattling (1983) und als Assistenzarzt in der Unfallchirurgie der städtischen Krankenanstalten Bielefeld (1984-1986). Dort flog er mit besonderem Engagement Einsätze als Notarzt auf dem Rettungshubschrauber "Christoph 13". Danach war er bis 1989 in der Abteilung für Innere Medizin am Kreiskrankenhaus in Leutkirch tätig.

Da in Limburg Not herrschte, sprang er kurzfristig ein und arbeitete einige Monate als Notarzt für das DRK Limburg. In dieser Zeit erhielt er den Ruf nach Weilburg. Dies ist dem damaligen Rettungsdienstleiter Erhard StoIl zu verdanken, mit ihm wurde das Notarztsystem in Weilburg aufgebaut. Kelbling wurde 1990 der erste hauptamtliche Notarzt in Weilburg.

Nun, zum Abschied, zeigt er sich dankbar, "dass ich das machen durfte und dass ich die Kraft dazu hatte". Ohne Rückhalt aus der Familie sei dies nicht möglich gewesen. Und er hebt hervor, dass die menschliche und fachliche Unterstützung durch Ehefrau Monika immer eine wichtige Rolle gespielt habe. "Manches kann man einfach wegstecken, aber anderes verfolgt einen lange", erzählt Kelbling. "Besonders schwer verdaulich sind Schicksalsschläge bei Kindern." Hier kommen auch besonders schreckliche Erinnerungen hoch: Nach dem Umsturz in Rumänien reiste er 1990 als Delegierter des DRK-Präsidiums wieder dorthin und suchte Krankenhäuser, staatliche Ambulanzen, Pflege- und Kinderheime auf. Überall hat Valentin Kelbling bis zur Erschöpfung für Hilfe gesorgt. Bundesweit in die Schlagzeilen geriet unter anderem das in einem Wald liegende Heim Cighid, wo Kinder fast sich selbst überlassen wurden, in ihren Betten verhungerten, erfroren, missbraucht und gequält wurden und an Krankheiten und Verletzungen starben.

In Weilburg habe er mit einer tollen Mannschaft zusammenarbeiten dürfen, auf die man sich verlassen könne, blickt er zurück. "Das ist sehr wichtig in Grenzsituationen. Denn in 25 Jahren wird man natürlich auch mit Extremsituationen konfrontiert." Kapitalverbrechen und Missbrauch an Kindern beispielsweise. Auch seien manche Einsätze gefährlich gewesen, zum Teil an der Seite des SEK oder mit Schusswaffengebrauch. Bedrohungen habe es gegeben, Beleidigungen, nicht erfüllbare Forderungen. So habe ein Mann die Tür geöffnet und einen Morgenstern in den Händen hin und her geschwenkt.

"Es gab auch viele erfreuliche Einsätze: So haben wir viele Kinder entbunden. Von einem weiß ich, dass die Eltern ihn dann Valentin nannten", freut sich der Notarzt, der in diesen 25 Jahren vier Arbeitsunfälle erlitt und deshalb drei Mal operiert werden musste.

Meist war das Glück bei den Einsätzen aber auf seiner Seite: "So rutschten wir bei Glatteis auf der B 456 einmal auf die Gegenspur. Zum Glück kam da kein Auto", erzählt Kelbling. Und: "Bei der Versorgung eines eingeklemmten Lkw-Fahrers stand ich vorne auf der Stoßstange, während der Lkw unbemerkt begann, zu rollen. Aktive der Feuerwehr Weilmünster retteten mich, in dem sie eine Kiste unter das Rad des Lastwagens warfen".

In den 25 Jahren als Notarzt hat der 64-Jährige viele Veränderungen mitgemacht. Die Einsatzfahrzeuge seien immer besser ausgerüstet worden und heute technisch auf höchstem Niveau. "Wir haben Möglichkeiten, vor Ort den Patienten in ein künstliches Koma zu legen, um ihm starke Schmerzen etwa bei der Rettung aus einem Fahrzeugwrack zu ersparen. In Vollnarkose können wir Drainagen in den Brustkorb legen, wenn die Lunge zusammengefallen ist, um eine apparative Beatmung möglich zu machen. Wir sind natürlich auch für Luftröhrenschnitte ausgerüstet." Führten sie in seinen Anfangsjahren die Sonde eines Herzschrittmachers noch direkt ins Herz ein, werden die Schrittmacherelektroden heute auf dem Brustkorb aufgeklebt.

Besonders viel habe sich getan bei der Beatmung von Patienten, die von Erstickung bedroht sind. Früher hätten sie in Vollnarkose gelegt werden müssen, heute gebe es Möglichkeiten, Patienten schonend zu beatmen, ohne sie in Vollnarkose legen zu müssen, erklärt der Notarzt. Dafür seien die Notfallfahrzeuge mit medizinischen Geräten ausgerüstet, die teuer sind und tagtäglich auf ihre Funktion überprüft werden müssen.

Das Ehepaar Kelbling wird es nun etwas ruhiger haben, aber beide werden in ihren Praxen weiter tätig sein. So führt Dr. Monika Kelbling eine Praxis für Homöopathie. Valentin Kelbling wird in seiner privatärztlichen Praxis für Chirotherapie, manuelle Medizin und osteopathische Medizin weiterarbeiten.

Im Camp in Waldhausen versorgt er Flüchtlinge, im Frühjahr will er Erdbebenopfern helfen

Und auch die Hilfe für andere Menschen wird weiterhin eine Rolle spielen. So gehört das Ehepaar Kelbling zum Team im Medical Center des Flüchtlingscamps in Waldhausen. Die ärztliche Versorgung wird durch das Ehepaar Ralf und Ruth Kittler aus Merenberg organisiert. Etwa 15 Ärzte wechseln sich täglich bei der Behandlung von Flüchtlingen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Waldhausen ab.

Auch im Ausland wollen Kelblings helfen. Im Frühjahr steht erst einmal eine dreiwöchige Reise nach Nepal auf dem Plan: Sebastian Kelbling, Valentins Bruder, arbeitet im Entwicklungsdienst und hat ein Team zusammengestellt, das im Erdbebengebiet im Himalaja Sanitätsstationen aufsucht, um Menschen zu behandeln.

Und trotz all dieser Pläne soll künftig mehr Zeit bleiben für Familie, Freunde, Rotary, Sport, Reisen und Kultur.

ZUR PERSON

- Name: Valentin Kelbling
- Alter: 64
- Geburtsort: Hagen
- Wohnort: Weilburg
- Beruf: Mediziner, bisher leitender Notarzt beim DRK Oberlahn
- Familienstand: verheiratet mit Monika, zwei erwachsene Kinder (red)

 


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