Die ganze Größe der Natur auf fünf Zoll

PORTRÄT Jörg Thamer macht wandernd und bloggend das Lahntal über die Grenzen Hessens hinaus bekannt

So sehen Wanderpausen heute aus: Beim "Bloggerwandern" auf der Lahnhöhen-Extratour bei Biedenkopf fotografierte Jörg Thamer Blogger-Kollegen beim Twittern. (Foto: Thamer)

Das Smartphone stets griffbereit: Blogger und Wanderer Jörg Thamer berichtet im Internet, auf Facebook und auf Twitter über seine Wanderungen in der Region und darüber hinaus. Seine Einträge erreichen tausende Gleichgesinnte in Deutschland und Europa. (Foto: Glotz)

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Schuhe schnüren, wetterfeste Jacke an, Rucksack auf - und das Handy nicht vergessen! Was viele Ältere für einen Fluch des Berufsalltags halten, was die allermeisten Jüngeren kaum mehr aus der Hand bekommen, ist für Jörg Thamer ein nützliches Werkzeug, seine Heimat der Welt ein Stückchen näher zu bringen. Und vielleicht ist er damit, in einer totalvernetzten Welt, einer der besten Botschafter für die Region. Jörg Thamer bloggt, er schreibt im Internet über seine Heimat. Kostenlos, es ist sein Hobby. Wenn er ein Foto oder einen Wanderbericht ins weltweite Netz stellt, bekommt das eine vierstellige Zahl Gleichgesinnter in Sekundenschnelle mit.

Eigentlich ist der 52-Jährige gar kein "Technik-Freak" im klassischen Sinne. Die Technik steht für ihn beim Wandern nicht an erster Stelle, sondern die Natur. Doch: "Technik gehört mittlerweile dazu", ist er überzeugt. Es mag an seinem Beruf liegen, dass er Technik und Natur nicht als Gegenpole empfindet: Thamer ist pensionierter Berufssoldat, war unter anderem bei der Fernmeldeaufklärung.

Eigentlich sollten nur die Kinder an die frische Luft gebracht werden

Heute ist sein Frischluft-Equipment kleiner, handlicher und auf jeden Fall ungefährlich. Neben dem Smartphone ist es eine Digitalkamera und vor allem ein GPS-Gerät. Damit fing alles an. "Wir haben im Jahr 2006 mit dem Geocachen begonnen", berichtet Thamer. Er hatte nach einem Weg gesucht, die Kinder ins Freie, zum Wandern zu bewegen. Und die halb-digitale Schnitzeljagd, die in der Regel im Netz beginnt und irgendwo im Wald endet, war genau das Richtige. "Mein Sohn geht heute noch manchmal mit", sagt er. Die Kinder zogen aus, Jörg Thamer und seine Frau blieb beim Cachen.

Und seine Abenteuer auf der Suche nach kleinen Dosen und Botschaften fremder Menschen dokumentierte er im Internet. In einem Blog, einem klassischen Internettagebuch. "Das war anfangs wirklich nur ein privates Tagebuch für uns", beteuert er. Reichweite wollte Jörg Thamer damit nicht schaffen. Sondern bleibende Erinnerungen an die familiären Cache-Touren. Verständlich, denn mittlerweile geht er stramm auf seinen 6000. Fund zu.

Nach und nach wurden andere Nutzer dieses weltweiten Spiels auf ihn aufmerksam. "Ich war verwundert, dass das überhaupt jemanden interessiert", erinnert sich Thamer. Und es waren nicht nur ein paar vereinzelte Cacher, das zeigten ihm die Zugriffszahlen und die vielen Nachrichten mit der Bitte um Hilfe, wenn mal wieder jemand das Ziel der Outdoor-Schatzsuche nicht fand. Es waren hunderte Menschen, die interessiert lasen, was er im Freien trieb. Mittlerweile hat sein Blog "Gewum - Geocaching, Wandern und mehr..." mehr als 200 000 Zugriffe.

"Irgendwann musste ich das alles mal sortieren", sagt Jörg Thamer. Und deshalb betreibt er heute gleich vier Blogs. In der Region durchaus nicht unbekannt ist seine Seite "lahntastisch.de". Zwischen Quelle und Mündung der Lahn, insbesondere zwischen Marburg und seiner Wahlheimat Limburg, ist Jörg Thamer regelmäßig unterwegs. "Ich versuche, für jeden Blog mindestens einen Artikel in der Woche zu schreiben", sagt er. Jüngst war er dafür beispielsweise zwei Tage lang mit anderen Bloggern auf der Lahnhöhen-Extratour bei Biedenkopf unterwegs. Die Fangemeinde muss gefüttert werden. Für jeden Artikel benötigt er - ohne vorangegangene Wanderung - gut drei Stunden. Alles in allem ist sein Hobby fast schon ein Vollzeitjob.

"Dabei habe ich die klassische Konfliktsituation: Im Sommer könnte ich dutzende Geschichten schreiben, bin aber immer draußen und habe keine Zeit. Und im Winter habe ich Zeit, bin aber nicht oft genug draußen", sagt er lachend.

Manchmal müssen die Leser auch etwas länger warten. Wenn Jörg Thamer auf Reisen ist, dann wird es etwas ruhiger in den Blogs. Sein gut besuchter Account in dem sozialen Netzwerk Twitter ist dann weniger beredet. Doch meist entstehen in dieser Zeit mehrere Artikel für sein Projekt "outdoorsuechtig.de". "Norwegen, der Meraner Höhenweg oder zuletzt Rumänien, das waren schon echte Höhepunkte", schwärmt Thamer. Und wie beim Cachen ist es auch hier üblich: Kaum stehen die Artikel online, fragen Interessierte nach Tipps, nach guten Unterkünften, nach touristischen Höhepunkten.

Manchmal wird Thamer von Fremden erkannt - stressen lässt er sich davon aber nicht

Thamer geht es nicht um die Bekanntheit, sagt er. Darauf könne er verzichten: "Ich möchte den Menschen einfach zeigen, wo ich es schön fand", erklärt er. Zugleich ist ihm bewusst, dass er sich freiwillig zu einer teilweise öffentlichen Person gemacht hat. "Ich wurde auch schon mal in einer Kneipe angesprochen", sagt Thamer, macht große Augen und lacht. Stressen lassen will er sich dennoch nicht. Keiner seiner Artikel soll sich lesen, wie auf die Schnelle heruntergeschrieben. "Es ist ein Hobby und das soll es auch bleiben", sagt er fest.

Doch dieses Hobby bewegt andere Menschen dazu, die Schuhe zu schnüren, ins Freie zu gehen - und auch dazu, die weitere Region zu besuchen. Denn fast ist das, was Jörg Thamer im Internet macht, die neuzeitliche Variante von dem, was ihn selbst ins Freie brachte: "Ich war schon als Kind von der Natur begeistert", berichtet er. Und ergänzt: "Ich habe Unmengen von Büchern über Tiere, Pflanzen, Landschaften verschlungen". Heute wird die Erfahrung der Frischluft eben nicht mehr zwischen Buchdeckeln geteilt. Sondern auf fünf Zoll großen Bildschirmen.

 

Zur Person

Jörg Thamer ist 52 Jahre alt und pensionierter Berufssoldat. Fasziniert von der Natur war er schon als Kind. Doch erst seit 2006 teilt er diese Faszination auch mit anderen Menschen – über das Internet.

Der verheiratete Blogger, der zwei erwachsene Kinder hat, ist in der Szene der Outdoor-Blogger nicht unbekannt. Inzwischen betreibt er vier Blogs:

www.joergth.blogspot.de ist sein privater Blog "Gewum" und widmet sich dem Cachen, dem Wandern und mehr.

www.lahntastisch.de wirft einen Blick auf das gesamte Lahn-Gebiet zwischen Quelle und Mündung.

www.outdoorsuechtig.de ist Jörg Thamers Blog für alle Touren, die nicht vor seiner Haustür stattfinden.

www.cachoholic.de widmet sich allem rund um das Thema Geocaching – von Routen über Zubehör bis zu Tipps und Tricks.

Zudem ist Jörg Thamer als @JoergTH auf Twitter aktiv und erreicht dort regelmäßig mehr als 1200 Follower. Jörg Thamer stammt aus Bad Hersfeld und lebt, nach mehreren Stationen bei der Bundeswehr, darunter Diez, in Limburg. Er betreut zwischen Villmar und Diez den Lahnwanderweg als Wegepate.


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