Eine Lehre als Start für die Karriere

AUSBILDUNG Warum es nach der Schule nicht immer ein Studium sein muss / Drei Erfahrungsberichte
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Seit sechs Jahren ist der 34-jährige Jens Badeck aus Merenberg Lehrer an der Limburger Friedrich-Dessauer-Schule. Dass er einmal selbst eine Klasse unterrichtenwird, ist aber keineswegs schon während seiner eigenen Schulzeit an der Heinrich-von-Gagern-Schule in Weilburg klar. Im Gegenteil. Eine Ausbildung zum Tischler, Kfz-Mechaniker oder Bauzeichner schwebt ihm damals vor. Bei Praktika und Ferienjobs nutzt er die Gelegenheit, in die Berufswelt zu schnuppern und landet letztendlich als angehender Bauzeichner bei der Albert Weil AG in Limburg.

Für ihn entpuppt sich die Entscheidung als Glücksfall. "Ich konnte überall hineinschnuppern. Ich habe nicht nur Pläne gezeichnet, sondern auch vermessen und im Stahlbetonbau ausgeholfen", sagt Badeck. Übernommen wird er nicht, aber der gebürtige Löhnberger nutzt dies als Chance, die Fachhochschulreife abzulegen. Ein Jahr besucht er die Friedrich-Dessauer-Schule und zieht nach der Grundausbildung bei der Bundeswehr weiter an die Fachhochschule Gießen. Badeck beginnt ein Bauingenieursstudium, wechselt aber nach einem Jahr zur Technischen Hochschule Darmstadt, um Bautechnik und Wirtschaftskunde auf Lehramt zu studieren. Nach einem Praktikum steht fest: "Lehrersein ist mein Ding."

Durch die Lehre überwindet Jens Badeck seine "Schulmüdigkeit"

Seit sechs Jahren ist er nun Lehrer, unterrichtet die Maurer-, Stahlbetonbauer- und Straßenbauerklassen in Bautechnik. Den "Umweg" über die duale Ausbildung hat er nie bereut. Vielmehr sieht er darin Vorteile für sich und seine Arbeit im Klassenraum. Durch die Lehre habe er seine "Schulmüdigkeit" überwunden und sei als damals 16-Jähriger persönlich gereift. "Ich habe die Zeit genutzt, um zu überlegen, wie es weitergeht."

Als Lehrer kann er heute seine Praxiserfahrungen im Unterricht als Beispiele immer noch einsetzen und findet dadurch "einen anderen Draht zu den Schülern". Und mit seinen Schülern packt er bei sozialen Projekten an, saniert Wege im Karwendel und Weißrussland sowie das Limburger Kindergrabmal.

Schülern rät er, sich rechtzeitig über die Ausbildungsangebote zu informieren, Praktika zu absolvieren - und zwar nicht nur im Traumberuf, sondern um den eigenen Blick zu weiten.

"Jetzt reicht es erst einmal mit Schule": Das denkt sicht auch Pasqual Müller aus Probbach, als er mit 16 an der Westerwaldschule in Waldernbach seinen Realschulabschluss ablegt. Schon als Schüler hat er sich bei Praktika umgeschaut - in der Küche eines Hotels und bei einem Hersteller von Schrankenanlagen. Schnell ist für ihn klar: Sein zukünftiger Beruf soll etwas mit Elektronik zu tun haben. Als Elektroniker für Geräte und Systeme beginnt er bei Feig Electronic in Weilburg und erfährt in den Folgejahren, dass eine Lehre der Anfang einer beruflichen Karriere sein kann.

Noch vor Ausbildungsende schlägt sein Ausbildungsbetrieb ihm vor, sich weiterzubilden. Müller lässt sich darauf ein, denn er hat während verschiedener Ausbildungsstationen erkannt: "Software zu schreiben und zu entwickeln, gefällt mir. Es macht einfach Spaß, so etwas selbst auf die Beine zu stellen." Doch um in einer der Entwicklungsabteilungen des Unternehmens für die Produktbereiche Objektidentifizierung (RFID), Steuerungselektronik, Verkehrssensorik und Bezahlsysteme Fuß zu fassen, ist ein Studium vonnöten.

Er drückt wieder die Schulbank und legt nach einem Jahr an der Friedrich-Dessauer-Schule sein Fachabitur ab. Damit geht er zurück zu Feig, schreibt sich für StudiumPlus in Wetzlar ein und pendelt fortan zwischen Seminaren und der Firma. Die Semesterferien verbringt er in der Firma, arbeitet an Projekten und sammelt wichtige Erfahrungen. Die Kombination aus Theorie und Praxis ist aus Müllers Sicht der große Vorteil. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand, der frisch von der Uni kommt, die praktischen Aufgaben, die im Unternehmen anfallen, schafft." Dieser "Praxisschock" sei ihm erspart geblieben. Und noch einen Vorteil hat er ausgemacht: Während des dualen Studiums ist er angestellt, erhält eine monatliche Ausbildungsvergütung sowie eine Weiterbeschäftigungsgaran-tie für drei Jahre.

Auch für das Unternehmen lohne sich diese Strategie, sagt Feig-Personalleiter Thomas Nahrgang. "Wir wollen junge Leute in der Region und im Unternehmen halten und damit unseren Bedarf an Nachwuchskräften decken. Wer einmal wegzieht, ist weg." Gerade Ingenieure seien gefragt und schwer zu rekrutieren. Müllers Werdegang sei deshalb kein Einzelfall bei dem Weilburger Unternehmen.

Und Müller ist noch lange nicht am Ende. Nach dem Bachelorstudiengang Elektrotechnik setzt er gerade seinen Master drauf. Drei Tage arbeitet der 24-jährige Probbacher in Weilburg, donnerstags bis samstags besucht er die Seminare in Wetzlar. "Ein Doktortitel muss es dann aber nicht mehr sein", scherzt er. Als Ingenieur wird er nach dem zweijährigen Studium beispielsweise Software für Bezahlterminals in Automaten programmieren.

Als staatlich geprüfter Techniker stehen Jürgen Zuckrigl viele Türen offen

Von der Baustelle ins Büro hat der Weg von Jürgen Zuck-rigl geführt. Ein Studium sei für ihn nach der Schule kein Thema gewesen, erklärt der heute 50-Jährige. Er liebäugelt mit einer Schreinerausbildung, landet dann aber als Beton- und Stahlbetonbauer beim Limburger Unternehmen Albert Weil. "Wir haben damals Kläranlagen auf der grünen Wiese gebaut und Eisenbahnbrücken bei laufendem Betrieb saniert", erinnert er sich. Das fasziniert den Dietkircher. Und so kehrt er nach seiner Zeit bei der Bundeswehr zurück zum Bauunternehmen.

Nach zweieinhalb Jahren schaut er sich nach Fortbildungsmöglichkeiten um. Seine Motivation: "Jetzt gefällt mir die Arbeit auf dem Bau, aber später?" Und so besucht er die Technikerschule in Alsfeld, lässt sich innerhalb von zwei Jahren zum staatlich geprüften Techniker ausbilden. Mehrere Türen stehen ihm offen: Ingenieur- oder Architektenbüro, Baufirma und Bauleitung. Durch Zufall führt sein beruflicher Weg wieder zu Albert Weil. Dort bewirbt er sich als Bauleiterassistent. Geworden ist er es allerdings nie. Stattdessen sitzt er seit 1992 in der Kalkulationsabteilung und erstellt Angebote für Bauprojekte. "Das war mir ganz recht. Rechnen war immer meine Stärke", sagt Zuckrigl. Und noch heute profitiert er von dem praktischen Wissen, dass er sich während seiner Lehre auf der Baustelle angeeignet hat. Wie lange brauchen wie viele Mitarbeiter für eine Leistung? Dank der Erfahrungen kann Zuckrigl das mühelos abschätzen und in der Kalkulation berücksichtigen. Rückblickend ist er sicher: "Man muss nicht unbedingt sofort studieren." Auch auf dem Bau verdiene man gutes Geld und der Reiz sei, Bagger, Raupen und Walzen zu führen.


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