
"Im Gymnastikraum des Seniorenheims haben wir uns kennengelernt", sagt Sieglinde Hinz. Beide waren zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren verwitwet und beide fühlten sich in der Einrichtung in Weilmünster nicht wohl. "Da waren zu viele alte Leute und manche konnten sehr bösartig sein", erinnert sich die 74-Jährige. Die Witwe und der Witwer mochten einander und sind oft zusammen ausgegangen.
"Ob ich mich an den wohl gewöhnen kann, habe ich beim ersten gemeinsamen Abendessen gedacht", schmunzelt Sieglinde Hinz. Um das herauszufinden, haben sie im neu gebauten Hotel Lahnschleife in Weilburg eine Woche Wellnessurlaub gemacht.
Bei ihren Spaziergängen ist ihnen aufgefallen, dass in in der Altstadt viele Häuser leerstehen. "Wir sagten uns, wir kaufen uns hier ein Haus und ziehen nach Weilburg", erzählt Erich Piehorsch. Gemacht, getan. Fünf Häuser haben sie sich angeschaut, bevor sie über eine Zeitungsanzeige auf das Haus gegenüber der Lahnschleife aufmerksam geworden sind. Das habe genau die richtige Größe und liege in der Innenstadt, also ideal in ihrem Alter. Erich Piehorsch hat das Haus gekauft und seiner Partnerin die Hälfte geschenkt.
"Als die Bewohner des Seniorenheims mitbekommen haben, dass wir ausziehen möchten, haben sie unsere Türen mit rohen Eiern und Tomaten beworfen", erinnert sich der 83-Jährige, wohl aus Eifersucht und weil sie es ihnen nicht gegönnt hätten, dass sie zusammenziehen. Bei ihrem Auszug seien alle hinter den Gardinen gestanden und haben zugeschaut.
"Jeder von uns hat sein Leben hinter sich und nun sorgen wir dafür, dass wir noch lange fit bleiben", sagt Hinz. Heiraten könnten sie nicht, denn dann würden ihre Witwenrenten gestrichen. Und die gibt die 74-Jährige lieber für ihre fünf Enkel aus.
Wegen den Witwenrenten können sie nicht heiraten
Sieglinde Hinz ist in Hannover-Kleefeld als älteste von drei Geschwistern geboren. Nach der Realschule hat sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau gemacht und beim Finanzamt gearbeitet. Weil sie sich nach dem Tod des Schwiegervaters von ihrer Mutter zu sehr vereinnahmt fühlte, ging sie 1960 kurzerhand für drei Jahre nach Australien.
"Ich musste einfach raus", so Hinz. Dort habe sie bei einer Familie Kinder betreut. Nebenher musste sie in die Schule gehen, um die Sprache zu lernen. "Das war damals Pflicht und man musste auch eine Prüfung ablegen", erzählt Hinz. Deswegen spreche sie auch heute noch sehr gut Englisch.
1963 kam die junge Frau wieder nach Deutschland zurück und zog nach Bremen in die Nähe ihrer Mutter. Sie war 25 Jahre alt, als sie ihren ersten Mann heiratete. Als die Tochter und der Sohn fast erwachsen waren, ging die Ehe in die Brüche und Sieglinde Hinz ließ sich nach 16 Jahren scheiden.
1982 heiratete die damals 40-Jährige erneut. Ihr Mann sei 18 Jahre älter als sie gewesen und als Reitlehrer kurz nach der Hochzeit in Rente gegangen. "Als er 60 geworden ist, bekam er seine Lebensversicherung ausbezahlt und die haben wir in zehn Jahren auf den Kopf gehauen. Das war eine tolle Zeit. Wir sind nur gereist und haben gelebt", so die 74-Jährige. In Italien sind sie die Küsten entlang gefahren und sind oft in Salzburg und Wien gewesen. 1998 ist ihr zweiter Mann gestorben.
Danach habe sie ein halbes Jahr bei ihrem Sohn und dessen Familie in Dillhausen gewohnt, fühlte sich aber noch zu jung, um nur als Oma auf die Kinder aufzupassen. So entschloss sie sich, in die Betreute Wohnanlage nach Weilmünster zu ziehen.
Auch Erich Piehorsch hat in seinem Leben schon viel erlebt. Als 15-Jähriger ist er mit seiner Mutter und vier Geschwistern von Ostpreußen nach Dänemark geflohen. Monatelang seien sie unterwegs gewesen, im dicksten Winter bei oft minus 35 Grad.
In Dänemark waren sie drei Jahre in einem Flüchtlingslager untergebracht. "Es gab wenig zu Essen und viele sind gestorben", erzählt der 83-Jährige. Es erfolgte die Umsiedlung nach Jütland. Unterwegs seien die Schienen gesprengt worden und es habe zahlreiche Tote und Verletzte gegeben. "Zum Glück blieb meine Familie unverletzt", sagt Piehorsch. Von Jütland ist die Familie nach Baden-Württemberg umgesiedelt worden.
1948 ist die Familie im Kreis Ehingen angekommen. Ein Jahr später zog Erich Piehorsch in die Nähe von Frankfurt. Dort machte er eine Ausbildung zum Polizeiangestellten bei der amerikanischen Luftwaffe. Später hat er in Frankfurt als Polizist gearbeitet, wurde nach Rheinland-Pfalz versetzt und ist 1992 in Rente gegangen. Mit seiner Frau war Piehorsch 38 Jahre verheiratet. 2005 sind sie nach Weilmünster gezogen, drei Jahre später ist seine Frau gestorben. Danach zog Erich Piehorsch in die Betreute Wohnanlage, wo er Sieglinde Hinz traf.
Die Kinder von Sieglinde Hinz haben sofort akzeptiert, dass sie vor zehn Jahren nochmals mit einem Mann zusammengezogen ist. "Da hätte ich mir auch nichts sagen lassen", sagt Hinz. Piehorsch hat keine Kinder, seine Geschwister leben in der Schweiz, in Ulm und auf Gran Canaria.
Sieglinde Hinz sagt: "Man muss aus seinem Leben etwas machen, alleine macht es nichts." Sie schreibt viele Briefe an Freunde und Verwandte, macht mit ihrem Partner jeden Tag Spaziergänge, montags sei Tanzstunde im Seniorenclub angesagt und dienstags und freitags Sport.
Außerdem findet alle zwei Wochen ein Treffen der evangelischen landeskirchlichen Gemeinschaft statt. Da gebe es Bibelgespräche, Ausstellungen und man kümmere sich umeinander. "Das ist eine nette Gemeinschaft", sagt Sieglinde Hinz.
Lange fit bleiben und die Enkel aufwachsen sehen, das wünschen sich beide in ihrem Häuschen in Weilburg. Bereut haben sie ihre Entscheidung vor zehn Jahren in keinem Moment.







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