"Zunächst die Ruhe bewahren"

INTERVIEW IT-Experte Frank Ziemann erforscht Falschmeldungen im Internet

Sammelt auf der Internet-Seite http://hoax-info.de Falschmeldungen: IT-Experte Frank Ziemann. (Foto: privat)

Manche Meldungen in sozialen Netzwerken wie Facebook sorgen bei Kindern und Eltern für Angst: Oft sind es nur "Hoaxes", in denen Falschmeldungen von Nutzern ohne Überprüfung geteilt werden. (Foto: Berg/dpa)

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Herr Ziemann, über soziale Netzwerke verbreiten sich in der heimischen Region in jüngster Zeit häufiger Schreckensmeldungen. Eltern sind verunsichert, Kinder haben Angst. Meist stellen sich die Meldungen laut Polizei als Falschmeldungen heraus. Sie erforschen solche "Hoaxes". Wie kann ich denn erkennen, dass es eine Falschmeldung ist?

Frank Ziemann: Das erste Anzeichen ist stets die Aufforderung zum Teilen oder Weiterleiten, etwa "an alle die du kennst". Diese kettenbriefartige Verbreitung ist typisch und daher an sich schon ein Indiz. Die meisten derartigen Mitteilungen - auf welcher Plattform auch immer - basieren auf Falschmeldungen. Hier muss die Frage also lauten: Stimmt das wirklich und ist es sinnvoll, die Nachricht zu teilen? Im nächsten Schritt sollte man einige Begriffe aus dem Text der Nachricht an eine Suchmaschine verfüttern. Sind unter den ersten Treffern Seiten, die sich mit Hoaxes befassen, ist die Sache klar.

Sogar Schulen haben Warnbriefe an Eltern herausgegeben. Was macht solche Meldungen so glaubwürdig, dass sogar Pädagogen darauf hereinfallen?

Ziemann: Auch Lehrer kochen nur mit Wasser. Es sind auch schon Polizisten auf Hoaxes hereingefallen - meist, weil sie die Mail von einem anderen Polizisten erhalten haben. So wird es auch bei Lehrern sein, so funktioniert es auch in jeder beliebigen anderen Gruppe. Die Nachrichten kommen meist von Personen, die man kennt, denen man vertraut. Die haben die Nachricht aber auch nur ungeprüft weitergeleitet.

Dass Eltern nach solchen Berichten Angst haben, ist verständlich. Zumal solche Hoaxes dann massenhaft geteilt werden. Was kann man Eltern raten, wie sollte man reagieren?

Ziemann: Eltern sollten zunächst Ruhe bewahren und solche Berichte hinterfragen. Die meisten haben heute Internet, also sollten sie dort recherchieren. Im Zweifelsfall sollten die Nachrichten nicht weitergeleitet werden.

Wer verbreitet eigentlich solche Meldungen - kann man die Urheber nicht fassen?

Ziermann: Es ist ja nicht so, dass man einen oder zwei Urheber solcher Mails oder Meldungen dingfest machte und dann wäre Ruhe. Es ist in aller Regel nicht einmal strafbar, solche Meldungen in Umlauf zu bringen. Oft sind es Jugendliche, die sich einen Scherz erlauben wollen. Sie sind letztlich Nachahmer, denn Hoaxes gab es schon vor ihrer Geburt. Erfahrungen durch Nachahmung zu machen, steckt tief in uns, vor allem bei sehr jungen Menschen. Geltungsbedürfnis in der Gruppe ist wohl auch im Spiel.

Die Polizei betont stets, dass sie für die Verfolgung von Straftaten zuständig sei - und nicht soziale Netzwerke. Dass falsche Warnmeldungen so populär sind, kann das auch daran liegen, dass viele der Polizei nicht zutrauen, vor solchen Gefahren zu schützen?

Ziemann: Es wird wohl davon ausgegangen, dass die Polizei Straftaten verfolgt, die bereits begangen wurden. Man will sich und seine Kinder aber schützen, bevor etwas passiert. Man gibt solche Warnungen weiter, weil man denkt: besser einmal zu viel als zu wenig, kann ja nicht schaden. Es schadet aber doch, denn die um sich greifende Verunsicherung ist ein erheblicher Schaden. Auch wenn der Zusammenhang weit hergeholt erscheint: Auch der mittelbare Schaden durch Terrorismus besteht in der Verunsicherung der Menschen.

Gibt es denn auch neue Hoaxes, die Konjunktur haben?

Ziemann: Im Grunde ist alles schon mal da gewesen. Gerade unter Jugendlichen gibt es allerdings die Regel, dass man immer noch einen draufsetzen muss, um noch Eindruck zu machen. Daher werden etwa die "Grusel-Mails" oder auch die Prügel-Videos immer drastischer. Warnungen vor Drogen, die angeblich als Süßigkeiten getarnt auf Schulhöfen verteilt werden, sind zurzeit wieder en vogue. Festzustellen ist auch, dass uralte Hoaxes, die vor zehn oder mehr Jahren per Mail kursierten, in Facebook wieder aufgewärmt werden.

Abgesehen davon, dass in den genannten Fällen Eltern unnötig Angst gemacht wird, sind die Hoaxes ungefährlich. Gibt es denn auch solche, die gefährlich werden können?

Ziemann: Im Einzelfall können zum Beispiel Gesundheitstipps, die auch gern geteilt werden, Schaden anrichten. So kursieren seit Jahren Behauptungen, man könne Krebs mit Vitamin C - zum Beispiel mit Zitronen - heilen oder verhindern. Wenn jemand eine Therapie abbricht oder gar nicht erst zum Arzt geht, weil er oder sie es lieber mit einer Vitaminkur versuchen will, kann das tödlich sein. Auch falsche Virenwarnungen können erheblichen Schaden erzeugen, wenn man darin etwa aufgefordert wird, eine bestimmte Datei zu löschen, die jedoch für das System wichtig ist. Wenn dann der Rechner nicht mehr startet, hat man wirklich ein Problem.

Sind Sie als Profi eigentlich schon einmal auf einen Internet-Hoax hereingefallen?

Ziemann: Nicht, dass ich wüsste...

 

Zur Person

Frank Ziemann arbeitet als Autor von Fachartikeln über IT-Themen und hat an der TU Berlin die Internet-Seite http://hoax-info.de gegründet. Der 50-jährige Berliner widmet sich vor allem Themen wie Malware (also Schad-Software), Sicherheitslücken, Internet-Sicherheit, Web-Technik und ist auch als Ghostwriter tätig.

 

Falschmeldungen im Landkreis

Angst in Weinbach Mitte Mai dieses Jahres: Ein Mann im schwarzen Wagen soll ein Mädchen angesprochen und versucht haben, es in sein Auto zu locken. Hundertfach ist diese Meldung in sozialen Netzwerken geteilt worden. Die Polizei aber gab Entwarnung.

Im März war es ein blauer Lieferwagen, der mit Musik in Limburg-Ahlbach herumgefahren sei und Stofftiere an Bord hatte. Auch diese Meldung entpuppte sich nach einer Polizei-Recherche als Falschmeldung auf Facebook und Co. Im Mai 2014 waren es Meldungen über Kinder im Landkreis, die zur Organ-Entnahme entführt worden sein sollen – auch dies eine Falschmeldung, die für Aufregung im Internet sorgte.

Bei der Polizei indes sorgen diese „Hoaxes“ für Frust: Sie hatte Nutzer sozialer Medien damals gebeten, Gerüchte nicht weiterzuverbreiten. Die Ermittlungsarbeit binde unnötig Personal, das dann nicht für echte Fälle bereitstehe, klagen die Beamten.


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