Betrug an Hunderten Ebay-Käufern

LANDGERICHT Ausgeliefert aus Paraguay / Ex-Endbacher gesteht / Über 1000 Opfer

Großes Interesse der Medien herrschte im Landgericht. Staatsanwalt Oliver Rust gab bereitwillig Auskunft zum Verfahren.

Foto: kse

Ein doppelwandiges Regal am Platz der Staatsanwaltschaft füllen die Akten im Betrugsprozess gegen einen 29-Jährigen vor dem Marburger Landgericht. (Fotos: Krause)

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Im April war der Mann aus Paraguay ausgeliefert worden. Dort wohnte der Mann nach eigenen Angaben seit 2005, nachdem er wegen einer drohenden Jugendstrafe aus Bad Endbach geflohen war. Die Taten soll er aus dem lateinamerikanischen Land zwischen 2006 und 2011 begangen haben. 2012 erfolgte die Festnahme. Seitdem saß er in Auslieferungshaft. Diese Zeit wird ihm auf eine mögliche Haftstrafe in Deutschland angerechnet.

"Ich bin froh, das ich die Haft in Paraguay überlebt habe", so der Angeklagte. Auf 35 Quadratmetern lebte er mit 41 Mitgefangenen. Es gab Kakerlaken. Ein Bett musste er sich erkaufen, "aber ich hatte ja nichts mehr, alles ist in den Lebensunterhalt geflossen".

Mann wird mit Haftbefehl gesucht und zahlt Schmiergeld an Polizei

Staatsanwalt Oliver Rust wirft ihm vor, "relativ raffiniert mit viel Logistik dahinter" agiert zu haben. Zunächst warb er mittels Anzeigen in Deutschland "Verkaufs- und Finanzagenten" schloss mit ihnen zum Anschein der Seriosität Arbeitsverträge unter den Namen fiktiver und tatsächlicher Firmen. Alle waren völlig ahnungslos.

Die 91 Verkäufer aus ganz Deutschland, auch aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf, hatten die Aufgabe, über ihren Ebay-Account Waren zu versteigern. Nach Abzug einer Provision überwiesen sie die Einnahmen für die nicht existierenden Angebote an die Finanzagenten, die ihrerseits ihr Privatkonto zur Verfügung stellten. Insgesamt 54 Personen waren angeworben worden. Diese transferierten das Geld mittels eines Finanzdienstleiters nach Paraguay, wo es der Angeklagte oder von ihm beauftragte Personen in Empfang nahm.

Wie ein Kriminalbeamter berichtete, hafteten die Agenten nach den Anzeigen zunächst für den Schaden. Gegen sie wurden Ermittlungen wegen Geldwäsche eingeleitet.

Nach einem längeren Gespräch hinter verschlossenen Türen gab die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Carsten Paul dem Angeklagten die Zusage, dass er bei einem Geständnis nicht mehr als 6,5 bis 7,5 Jahre Strafe bekommen werde. Andernfalls könnte der Prozess sehr lange dauern. "Die Absprache bietet sich an, anstatt eventuell 3000 Zeugen das nächste Jahr laden zu müssen".

Dann gab der Angeklagte eine umfassende Erklärung ab. Er und seine damalige Frau seien nach der Flucht nach Paraguay und dem Aufbrauchen der Ersparnisse in Geldnot geraten. Da kam die Idee auf, dem auf illegale Weise gegenzusteuern. Es war nie geplant, so lange aktiv zu sein, sagte der Mann. Die Hundezucht, die er aufgebaut hatte, reichte eigentlich zum Leben. Aber nicht für die Schmiergelder für die Polizei. Die musst er ständig zahlen, weil er keine Aufenthaltserlaubnis hatte und zudem mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde, berichtete der 29-Jährige.

Ermittler sind dem Paar seit 2009 auf der Spur, Ehefrau ist schon verurteilt

Auf Nachfrage des Staatsanwalts, ob die angenommene Schadenshöhe von 300 000 Euro stimmen könne, sagte der Angeklagte "Ja, aber das war mir so nicht bewusst." Etwa 600 bis 700 der angeklagten Taten hat er so begangen wie angeklagt, teils alleine, teils mit seiner Frau, sagte der Mann. Das Paar ist seit 2007 getrennt. Die Ehefrau habe auf eigene Rechnung mit ihrem Lebensgefährten weitergemacht, sagte der 29-Jährige.

In Saus und Braus lebte er trotz der Betrügereien keinesfalls, beteuerte der Angeklagte. Und die "Arbeit" sei auch nicht gerade leicht gewesen, "es ist schon ein hoher Zeitaufwand".

Die Scheinfirmen konnte er immer nur kurz aufrechterhalten, jede hatte eine E-Mail-Adresse. Die Agenten, die Besuch von der Polizei hatten, vertröstete er und immer wieder brauchte er neue. Dass er irgendwann auffliegen würde, war ihm bewusst: "Aber noch einmal fliehen kam nicht in Frage".

Die Ermittler waren dem Ehepaar seit 2009 auf der Spur. Erste Hinweise gab es bereits 2005. Die Fahndung in Mittelamerika war schwierig, so ein Ermittler vor Gericht. 2011 meldete sich die Ehefrau und signalisierte ihre Bereitschaft, nach Deutschland zurückzukehren. Sie ist bereits rechtskräftig zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Am nächsten Verhandlungstag am 15. Juli soll sie gegen ihren Ex-Mann als Zeugin aussagen. Insgesamt sind vier Verhandlungstage angesetzt.


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