Der Tod braucht Platz im Leben

TALKRUNDE Ärzte, Pfleger und ehrenamtliche Helfer diskutieren über die Hospizbewegung

Welche Bedeutung hat eine Sterbekultur? Matthias Ullrich (3.v.l.) und Uwe Röndigs (3.v.r.) gehen dieser Frage zusammen mit Angela Schönemann (v.l.), Bilgi Agca, Anette Wetterau-Ruppersberg, Annette Ullrich, Sabine Kröning und Kornelia Hoppi Götze nach. (Foto: Valentin)

Sängerin Ellin Wieting von der Formation "Jazzabel" gestaltet die Talkrunde musikalisch. (Foto: Valentin)

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Geleitet wurde die Talkrunde von Pfarrer Matthias Ullrich, dem Vorsitzenden des Hospizdienstes, und Uwe Röndigs, Chefredakteur der Zeitungsgruppe Lahn-Dill. Die Talkgäste - Krankenschwestern, Ärzte, Pflegekräfte und ehrenamtliche Helfer im Hospizdienst - gingen der Frage nach, warum eine Hospizkultur wichtig ist.

Schönemann: Deutsche meiden das Thema Demenz

Altern und Sterben seien Themen, mit denen die Menschen über die Jahrhunderte hinweg immer wieder anders umgegangen sind, leitete Ullrich die Diskussion ein. Stets gleich geblieben sei die Bedeutung des vierten Gebots: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren. Das sei ein Pflegegebot und schon in der Antike eine Art Lebensversicherung gewesen, erklärte Ullrich.

Dass die Pflege durch Familienangehörige mitunter belastend ist und Pflegende an ihre Grenzen stoßen lässt, vermittelten den rund 80 Besuchern im Haus des Gastes zwei Darstellerinnen des Marburger Theaters "GegenStand". In einer Inszenierung von Sabine Kröning zeigten sie, wie eine Demenzerkrankung den Alltag durcheinanderwirbelt. Die Krankheit sei wie ein dichter Nebel, der sich um die Menschen legt und sie langsam verschlingt, sagte Kröning.

Darzustellen, was Demenz bedeutet, sei enorm wichtig, sagte Angela Schönemann von der Alzheimer-Gesellschaft Marburg-Biedenkopf. Weil den Deutschen eine besondere Angst vor Demenz eigen ist, mieden sie dieses Thema. "Sie ziehen sich zurück aus der Öffentlichkeit." Doch das sei der falsche Weg, sagte Schönemann. Deshalb lädt die Alzheimer-Gesellschaft Demenzpatienten und deren Angehörige zu Treffen wie Tanz-Cafés ein, die Betroffene in der Gesellschaft verankern sollen.

Je weiter die Demenz, aber auch jede andere schwere Krankheit fortschreitet, desto intensiver werden der Pflegebedarf sowie die Belastung für die Angehörigen. Davon berichtete  Anette Wetterau-Ruppersberg, die ihren an Krebs erkrankten Mann bis zu dessen Tod begleitet hat. Das habe viel Kraft gekostet, erzählte sie. Nach dem Tod ihres Ehemannes sei sie in eine Depression verfallen. "Ich bin fast mitgestorben", sagte sie.

Die Erfahrung habe sie aber auch erkennen lassen, dass sie anderen Menschen durch diese schwierige Phase helfen will. Deswegen hat sich Wetterau-Ruppersberg zur ehrenamtlichen Hospizhelferin ausbilden lassen und begleitet nun Menschen und deren Familien auf ihrem letzten gemeinsamen Weg.

Das sei eine Arbeit, die mit viel Trauer verbunden ist, einen aber auch erfülle und im eigenen Leben helfe, sagte Annette Ullrich. Sie arbeitet seit sechs Jahren als ambulante Palliativhelferin und sieht den Landkreis Marburg-Biedenkopf in der ambulanten Sterbebegleitung gut aufgestellt. Bundesweit friste diese jedoch noch ein Schattendasein, sagte sie.

Laut einer Studie wünschen sich 90 Prozent der Sterbenden, ihre letzten Tage zu Hause in der gewohnten Umgebung zu verbringen; aber nur 30 Prozent sei das auch vergönnt. Hier mangele es eindeutig an professionellen Helfern, stellte Palliativmediziner Martin Bohe fest. Um dem Wunsch der Sterbenden nachzukommen, sei eine Stärkung der ambulanten Pflege extrem wichtig.

Zuschauerin vermisst Einfühlungsvermögen auf Seiten vieler Ärzte

Bohe teilte ein Stück weit auch die Beobachtung einer Krankenschwester aus dem Publikum, die bei vielen Ärzten Einfühlungsvermögen im Umgang mit schwer kranken oder sterbenden Menschen vermisst. Für viele Mediziner sei ihr Beruf lange Zeit ein technischer gewesen, bestätigte Bohe. Dem werde allerdings seit einiger Zeit mit einem erweiterten Studienplan begegnet. Demnach müssen junge Medizinstudenten zwingend einen Kurs in Palliativmedizin belegen.

Einer weiteren Facette des Themas Sterbebegleitung widmete sich Bilgin Agca. Die Krankenschwester hat sich vor zwei Jahren mit einem Pflegedienst selbstständig gemacht. Obwohl sie selbst in der Türkei geboren wurde, sei es auch für sie schwierig, bei diesem Thema Kontakt zu türkischen Mitbürgern zu knüpfen, sagte Agca.

Das sei kulturell bedingt. Türkische Familien scheuten davor zurück, Hilfe bei der Pflege von anderen als Familienmitgliedern in Anspruch zu nehmen. Gerade bei schweren Erkrankungen sei eine Pflege durch Familienangehörige aber oft gar nicht leistbar, sagte Agca. Sie empfahl den ehrenamtlichen Helfern des Hospizdienstes sowie den Mitarbeitern von Pflegediensten, in Moscheen zu gehen, um sich den türkischen Mitbürgern vorzustellen und Kontakt zu ihnen zu knüpfen.

Zur Sterbebegleitung kann auch eine ambulante Ethikberatung gehören. Die stecke jedoch noch in den Kinderschuhen, sagte Ärztin Kornelia Hoppi Götze. Deutschlandweit gebe es eine solche Anlaufstelle gerade einmal in fünf Landkreisen. Für den Erhalt der Lebensqualität der Betroffenen sei eine ambulante Ethikberatung jedoch wichtig, sagte Götze. Es gehe unter anderem darum, Vorsorgeregelungen zu treffen - etwa was den Einsatz lebensverlängernde Maßnahmen in Krankenhäusern betrifft.

Pfarrer Hermann Josef Wagener, stellvertretender Vorsitzender des Hospizdienstes, berichtete, dass die Arbeit des Vereins über die Sterbebegleitung hinausgehe und auch die Trauerarbeit mit den Hinterbliebenen umfasse. Trauer zu ertragen, sei für viele ebenso schwer, wie geliebte Angehörige in den Tod zu begleiten.

Ziel der Trauerarbeit sei es, die Trauer zu verarbeiten. "Dazu gehört auch, sich wieder dem Leben zuzuwenden", sagte Wagener und verwies auf das aus dem Hebräischen stammende Wort Trost, das so viel bedeutet wie Wiederbelebung der Atmung.

Musikalisch wurde die Talkrunde von dem Trio "Jazzabel" untermalt: ruhig, bisweilen ein wenig melancholisch, aber voller Kraft.


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