Geige, Glaube, Lebenssinn

HOSPIZKULTURWOCHE 300 Menschen bei Konzertlesung in Gladenbach

Alban Beikircher zeigte, zu welchen Tönen die Instrumente von Schleske fähig sind. (Foto: Grähling)

Martin Schleske ist ein Meister seines Fachs. Warum er den Geigenbau als Gleichnis für das Leben und den Glauben sieht, berichtete der zum Abschluss der HospizKulturWoche vor rund 300 Zuhörern. (Foto: Grähling)

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Von gefährlichen Abenteuern auf der Suche nach singenden Bäumen und von seinem tiefen Gottvertrauen, welches ihn täglich bei seiner Arbeit erfülle, berichtete der berühmte Münchner Geigenbauer Martin Schleske am Samstag in Gladenbach. Vor rund 300 Gästen las er aus seinem Buch "Der Klang. Vom unerhörten Sinn des Lebens" und nahm die Zuhörer mit auf seine Reise in Gebirgswälder, in die Welt der Klangfarben und in die Seelenwelt. Begleitet wurde die Lesung vom Solisten Alban Beikircher. Der zeigte, zu welchen Tönen die Instrumente von Schleske fähig sind.

Schleske berichtete dem Publikum, wie Beikircher vor mehr als 20 Jahren der erste große Musiker war, der in seine Werkstatt kam. Mit dieser Begegnung verlor Schleske sein gesamtes Wissen über Geigen: Beikircher hatte eine Geige des italienischen Meisters Domenico Montagnana, der im 18. Jahrhundert wirkte. Mitreißend erzählte Schleske, wie er die Tiefe des Instruments bewunderte und den besonderen Lack, der für rote, warme Töne sorge. "Ich durfte den Stimmstock in Ordnung bringen und dem Instrument so eine neue Seele verleihen" - die tiefe Leidenschaft für seine Arbeit wurde mit jedem Wort deutlich. Dabei lernte er, dass Montagnana beim Geigenbau alle Regeln verletzt habe, die Schleske selbst lernte. So lernte er von Beikirchers Instrument, später auch von Geigen von Stradivari und Guarneri del Gesu.

Geigenbauer und Autor berichtet von klingendem Holz und heiligen Momenten in seiner Werkstatt

"Ich kopierte sie. Bis Alban sagte, ich solle etwas Eigenes kreieren." Und so entstand Beikirchers Instrument, bei dem Schleske die Tiefe der Guarneri, die Höhen der Stradivari und die roten Töne der Montagnana kombiniert habe. Beikircher verliebte sich und verkaufte seine historische Geige.

Schleske erzählte aber auch von anderen "heiligen Momenten" in seiner Werkstatt: Von der Suche nach Klangfarben, von der Vielfalt der Lacke und von der Erleuchtung. So sollen die Geschichten, die Schleske so wunderbar zu erzählen versteht, ein Gleichnis sein für das Leben, den Glauben und existenzielle Fragen. So verriet er, wie er herausgefunden habe, warum die Geigenbauväter von singenden Hölzern berichteten - und lernte, diese zu erkennen: Wer ein Holz an der falschen Stelle hält und darauf klopft, der wird nur dumpfe Schläge hören, egal wie viel Kraft er aufwendet. "Wer jedoch die Knotenpunkte des Holzes kennt, kann es zum Klingen bringen." So zeigte Schleske an einem Stück Holz aus Italien, wie er mit wenig Kraft einen klingenden Ton aus dem Holz holt. Das sah er als Anregung für den Menschen: Wer Depressionen hat, der prügele oft auf seine Seele ein und sage sich, es müsse irgendwie gehen. "Dabei ist das Geheimnis nicht die Kraft, sondern an welcher Stelle wir gehalten werden." Damit schlug Schleske den Bogen zu Gott und einem tiefen Vertrauen, das ihn durchdringe und bei seiner Arbeit beseele. Er berichtete von einer neuen Kultur des Betens und davon, dass es schön sein könne, in der Stille gemeinsam mit Gott zu schweigen - und so Gelegenheit bekomme, die Stimmen der eigenen Seele wahrzunehmen. "Die Suche nach dem Klangholz und die Suche nach Gott haben so viel gemeinsam", sagte der Geiger. "Man kann nicht damit rechnen, was man sucht, am Wegesrand zu finden."

Beikircher spielt Schelskes Instrumente mal tanzend fröhlich, mal klagend, aber immer meisterhaft

Die Erzählungen und Lesungen von Schleske wurden immer wieder getragen von kleinen musikalischen Kostproben: Beikircher unterhielt mit seiner Kunst und den faszinierenden Möglichkeiten der Geige, unterstrich damit das Erzählte. So ließ er sanfte Töne durch den Saal schweben, entlockte der Geige unerhört hohe Töne, interpretierte melancholische Melodien voll süßen Schmerzes oder zeigte mit flinken Fingern, wie er dreistimmig auf einer Geige spielte. Mal schnell und fröhlich tanzend, mal klagend zeigte er meisterhaft das komplette Spektrum seines Instrumentes.

Veranstaltet wurde die Konzertlesung im Rahmen der Hospizwoche. Sie bildete den krönenden Abschluss. Veranstalter waren der Kunstkreis Palette, der Hinterländer Anzeiger und der Hospizdienst Immanuel.


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