Hinterland hier, Arzt da

KOMMUNALWAHL CDU-Spitzenkandidaten stellen in Bad Endbach die Operation "Landarzt" vor

Trifft der Landarztmangel auch Gesundheitsdienstleister wie die Berglandklinik? Werner Waßmuth (CDU) nimmt Chefarzt Dr. Hardo Lingad zur Seite. (Foto: Heitz)

Hinsetzen statt rumliegen: Krankenpfleger Stefan Eisemacher demonstriert mit Helmut Hartung, wie Patienten ohne Kraftanstrengung im Vis-a-Vis-Bett aufgerichtet werden können. (Foto: Heitz)

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Es ist Wahlkampf und Marian Zachow in Eile. Zwischen zwei beruflichen Terminen als Erster Kreisbeigeordneter macht er einen Abstecher nach Bad Endbach: Wahlprogramm vorstellen, Ideen austauschen. Schließlich wird am 6. März ein neuer Kreistag gewählt und Zachow ist der CDU-Spitzenkandidat.

Statt das 601 Zeilen lange Wahlprogramm durchzukonjugieren, wollen Zachow und neun christdemokratischen Mitstreiter in der Berglandklinik nur über ein Thema sprechen: den Landarztmangel. "Wie kann Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum bis ins kleinste Dorf gelingen?", stellt Zachow die zentrale Frage.

Werner Waßmuth, Chef der CDU-Kreistagsfraktion, skizziert das Problem: Junge Ärzte zieht es in die Stadt, nicht aufs Land. In Marburg gibt es Ärzte an jeder Ecke, im Hinterland fehlen sie. Und es ist davon auszugehen, dass sich die Situation weiter verschärft. Denn derzeit gibt es im Kreis 67 Landärzte, die älter als 60 sind und einen Nachfolger suchen.

Marian Zachow: Die jungen Ärzte heute scheuen Risiken der Selbstständigkeit

"Wir wollen nicht warten, bis der Karren vor die Wand gefahren ist", sagt Waßmuth. Die CDU will dem Thema heute Priorität einräumen - und dafür  auch Geld in die Hand nehmen. So soll Marburger Medizinstudenten das BAföG-Darlehen erstattet werden, die sich nach dem Examen für eine bestimmte Zeit in Gemeinden mit Ärztemangel niederlassen. So steht es im Wahlprogramm.

Das ist nicht der CDU-Masterplan, sondern ein Lösungsansatz unter vielen, die Spezies Landarzt zu umhegen. Denn mit Geld allein lassen sich junge Mediziner nicht anlocken. Davon ist Volker Drothler (CDU/Wetter) überzeugt. Nötig sei ein Bündel von Maßnahmen. Zum Beispiel auch ein Paradigmenwechsel bei der Arztsuche.

"Die Frage ist nicht, wie wir einen Arzt hierher holen. Die Frage ist: Wie überzeugen wir den Ehepartner", erläutert Zachow. Ist der Partner Formenbauer, ließe sich im Hinterland sicher ein Job  finden. Bei Physikern und Lehrern werde es schwerer. "Vielleicht muss man da im öffentlichen Dienst Rahmenbedingungen schaffen, die Partnern von Landärzten Vorrang einräumen."

Auch die Infrastruktur in den Dörfern müsse stimmen. "Wir brauchen in unseren Dörfern schnelles Internet, gute Schulen, Kinderbetreuungs- und Freizeitangebote", sagt Waßmuth. Tolle Berge, Wander- und Radwege reichen nicht. Menschen Ende 20 interessiere das seiner Erfahrung nach noch nicht so.

"Vielleicht müssen wir auch die ärztliche Versorgung neu denken", sagt Zachow. Er spricht von Praxis-Zweigstellen und Telemedizin. Auch wenn sich kein Arzt in Rüchenbach niederlassen will, sei aber vielleicht der Mediziner aus Marburg bereit, an zwei Tagen die Woche Sprechstunden in Rüchenbach anzubieten; und die übrigen Tage könnten mit Telemedizin, also etwa Sprechstunden via Internet,  abgedeckt werden, so die Überlegung.

Auch die Option "Landarzt in Festanstellung" will die CDU zumindest nicht ausschließen. Die jungen Ärzte hätten heute andere Ansprüche, erklärt Zachow die Idee. Sie wollten Teamarbeit statt Einzelkämpfertum, Teilzeit statt 60-Stunden-Wochen, eine sichere Festanstellung anstelle der Risiken einer Selbstständigkeit. "Da müssen wir möglicherweise Strukturen schaffen, die das ermöglichen", sagt Zachow.

Möglicherweise wie Büsum. Die 5000-Einwohner-Gemeinde an der Nordsee hat jüngst ein Ärztezentrum in kommunaler Hand aufgemacht; die Mediziner werden aus der Gemeindekasse bezahlt. Der hiesige Kreisausschuss prüft derzeit, ob medizinische Versorgungszentren in öffentlicher Hand auch für den ländlichen Raum des Landkreises Marburg-Biedenkopf infrage kommen.

Chefarzt Hardo Lingad attestiert dem Hinterland ein Imageproblem

Waßmuth sagt dazu: "Das könnte eine Option sein." Zachow kommentiert: Vielleicht werde es dazu kommen, dass zwei Kommunen gemeinsam einen Facharzt einstellen. Prinzipiell gelte in diesem Bereich jedoch: privat vor Staat. "Mir wäre Angst und bange, wenn wir Strukturen wie in der DDR schaffen."

Beim Thema Landarztmangel sieht sich die CDU im Stadium der Ideensammlung, der Fragen und Perspektiven und noch nicht bei den Antworten. Deswegen wurde der Wahlkampftermin auch in die Hessische Berglandklinik gelegt. Die Spezialklinik für Geriatrie hat schließlich Erfahrung damit, Mediziner ins Hinterland zu holen.

Dr. Hardo Lingad, Chefarzt der Berglandklinik, attestierte dem Hinterland bei der Gelegenheit ein Imageproblem. "Wir haben die Uni vor der Tür, wir müssen Mediziner nicht holen, sondern nur halten." Das Problem sei, dass keiner das Hinterland kenne. "Als ich in Marburg studierte, hörte die Welt für mich in Oberweimar auf", sagt Lingad. Sein Rezept: Das Hinterland müsse besser für sich werben. 

Das vollständige  Wahlprogramm der CDU Marburg-Biedenkopf mit der Parole "Gemeinsam bewegen." steht im Internet unter verantwortung2016.de. Auf Anfrage unter Telefon (0 64 21) 2 20 53 wird es auch per Post zugestellt.


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