"Ich habe ein Stück Lebensgefühl gewonnen"

KAWASAKI Biker treffen sich in der Scheune / 512 Euro kommen für Kinderintensivstation zusammen

Biker Oliver Decker aus Kissing bei Augsburg kann seine Liebe zum Motorradfahren auch als Oberschenkelamputierter weiter genießen. (Foto: Piplies)

Zum 6. Mal in Folge haben sich Freunde der Kawasaki-1400-GTR in Weidenhausen getroffen. Gastgeber Jürgen Wisniewski (vorne auf dem Motorrad) mit seiner Enkelin Alina Sommer genießt die familiäre Atmosphäre. (Foto: Piplies)

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Dragon-Driver heißt im wirklichen Leben Jürgen Wisniewski und organisiert das Treffen in dem Gladenbacher Stadtteil seit 2009. Neben einer großen Ausfahrt nach Battenberg und zur Sackpfeife war eine große Tombola ein weiterer Höhepunkt der Zusammenkunft. 465 Euro kamen beim Verkauf der Lose zusammen. Den Betrag haben die Biker auf 532,01 aufgestockt, der ohne Abzug der Kinderintensivstation in Marburg zugute kommt, versicherte Organisator Wisniewski.

Der Verein "Kinder-Intensivmedizin und - Pflege-Marburg" sorgt mit Spenden für die Aufrechterhaltung einer kostenfreien Unterkunft für Angehörige von Patienten der Kinderklinik, die in größerer Entfernung wohnen, aber bei ihren kranken Kindern bleiben möchten. Für seine Tombola hat Wisniewski Hotels und Pensionen in Deutschland sowie angrenzenden Ländern angeschrieben und um Gutscheine gebeten. Ebenso wurden die heimischen Gewerbetreibenden um Preise für die Verlosung gebeten.

Aber auch die weitere Organisation machte eine Menge Arbeit, die Wisniewski nicht ohne die Hilfe seiner Ehefrau Karin und Tochter Tanja Sommer sowie weiteren Freunden bewältigen konnte. Doch die ganze Mühe habe sich bisher immer gelohnt, versichert Wisniewski. Denn die Biker sind wie eine große Familie, die sich gegenseitig unterstützen.

Freundschaften wachsen

Dabei geht es nicht nur um die 160 PS starken und 280 Stundenkilometern schnellen Maschinen, wo Ratschläge, Teile, Tipps und Erfahrungen getauscht und weitergegeben werden. Auch private Freundschaften sind mit der Zeit in dem 1400-GTR-Internetforum und im realen Leben wie beim Scheunenfest in Weidenhausen entstanden und gewachsen.

Dabei spielt es keine Rolle, ob die Motorrad-Enthusiasten Mediziner, Handwerker, Arbeiter, Musiker oder Geschäftsführer sind. Auf dem Hof von Dragon-Driver wird jeder mit Handschlag begrüßt und geduzt. In diesem Jahr waren unter anderem GTR-1400-Fahrer aus Hamburg und Wien, Karlsruhe und Augsburg, Aschersleben an der polnischen Grenze und dem Ruhrpott zum Treffen gekommen. Einige sind seit den Anfangstagen dabei, manche haben über die nette Gemeinschaft gelesen und sich spontan angemeldet, erläuterte der Organisator.

Unter den Gästen ist auch der begeisterte Biker Oliver Decker aus Kissing bei Augsburg. Seine "Liebe zum Motorradfahren" teilt er mit vielen anderen - nicht nur mit den Kawasaki-Freunden. Ungewöhnlich ist jedoch, dass er nach einem Motorradunfall und einer Oberschenkelamputation wieder selbstständig Motorrad fährt.

Der Unfall im August 2011 sei "ein typischer Unfall auf einer bekannten Kurzstrecke" gewesen. Er habe die Strecke bestens gekannt, wollte nur kurz zu einem Schnellrestaurant und hatte lediglich eine Jeans statt der Lederkombi an. Zudem kam "eine falsche Überlegung", nämlich vor einer Kurve noch schnell ein Auto überholen zu wollen. Das Vorhaben endete mit einem frontalen Zusammenstoß, mehreren Brüchen und dem Verlust des linken Beins. Zuerst wollte Decker nie wieder Motorrad fahren. Doch nach einem halben Jahr war er mit seinem Rollstuhl bereits auf einer Motorradmesse in München und probierte ein paar Maschinen aus.

2013 erwarb er günstig eine gebrauchte fast neue Aprilia mit 76 PS und Vollautomatik, wobei auch hier die Freunde aus dem Internetforum mit Rat und Tat zur Seite standen. Erst nachdem er die Maschine hatte, probierte er aus, ob er mit seiner Prothese auch selbstständig fahren kann. Es funktionierte und ein Gutachten bescheinigt ihm zudem, dass er mit seinem künstlichen Bein auch fahren darf.

"Ich habe ein Stück Lebensgefühl zurückgewonnen", erläuterte der Biker seine neue Freiheit trotz Amputation. "Wenn man etwas unbedingt will, dann klappt es schon, sobald auch der Körper mitspielt", so Decker. Man dürfe seinen Traum nicht aufgeben und auf jeden Fall erst einmal probieren, sonst ist man sein Leben lang enttäuscht.


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