"Ich möchte unbedingt wieder hin"

KATASTROPHE Alexander Schmidt erzählt, wie er die Erdbeben in Nepal erlebte

Es hat ihnen sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggerissen. Alexander Schmidt vom Verein "Freundeskreis Nepalhilfe" erlebte den Beginn der Erdbeben in einem Bergtal - und machte dieses Foto nach seiner Ankunft in Kathmandu. (Foto: Schmidt)

Alexander Schmidt und ein paar Kinder seiner großen "Nepalfamilie". (Foto: Schmidt)

Seit den schweren Erdbeben in Nepal lebt ein Großteil der Menschen in Obdachlosencamps. Das einzige Dach über dem Kopf ist allenfalls eine Plane. (Foto: Schmidt)

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"Die Erde bebt immer noch und in wenigen Wochen beginnt der Monsun", erzählt Alexander Schmidt. Von Glück könne man reden, dass sich der Beginn des starken Regens aufgrund des Klimawandels inzwischen einige Tage nach hinten verschoben hat. Denn bis es losgeht, muss noch einiges geschehen.

Seit den schweren Erdbeben in Nepal sind viele Menschen obdachlos, leben auf der Straße und haben nichts - außer vielleicht eine Plane oder ein Zelt, das ihnen ein Dach über dem Kopf bietet. Wenn die Rede überhaupt von einem Dach sein kann. "Wir müssen alles geben und den Menschen eine Perspektive bieten, wie sie den Monsun und ihr Leben insgesamt wieder in den Griff bekommen können", erklärt Schmidt, der vor 20 Jahren gemeinsam mit seinem Bruder den Verein "Freundeskreis Nepalhilfe" gründete.

Die Lage in Nepal ist prekär. Schmidt und sein Verein haben damals ein Kinderdorf bei Pokhara in der Nähe von Kathmandu gegründet. Über 100 Kinder - Waisen, Halbwaisen, Straßenkinder und Kinder mittelloser Familien - finden hier ein Zuhause. Und in Kathmandu selbst gibt es das Jugend-Hostel für Jugendliche, die anschließend den Weg in ein selbstständiges Leben gehen sollen.

Als die Erde anfing zu beben, war Schmidt unterwegs in den Bergen

"Beide Einrichtungen wurden durch das Beben nicht zerstört und alle Kinder und Jugendlichen haben überlebt", erklärt der Vereinsgründer.

Grund dafür sei eine bestimmte Bauweise der Gebäude, damit diese die entstehenden Schwingungen besonders gut aushalten können. Nur deshalb seien die Häuser nicht zusammengefallen. "Ein paar Risse und heruntergefallene Geländer, sonst nichts", sagt Schmidt. Das sei dann wohl das Glück im Unglück, wenn man von Glück überhaupt sprechen könne. Denn um die beiden Gebäude herum sieht die Lage anders aus. Die Infrastruktur der nepalesischen Hauptstadt ist fast völlig zerstört. Die meisten Gebäude gleichen Trümmerhaufen und können nicht mehr gerettet werden.

Schmidt selbst hat das Erdbeben nicht in Kathmandu erlebt. "Unser Projekt widmet sich neben dem Sammeln und dem direkten Verteilen von Spenden auch dem Tourismus. Wir leiten Reisegruppen durch Nepal und zeigen ihnen das Land mit ihren vielseitigen Facetten", schildert der 43-Jährige.

Mit solch einer Reisegruppe war Schmidt im Kali Kandaki Tal - bekannt als die tiefste Schlucht der Welt - unterwegs, als die Erde plötzlich zu beben anfing. "Wir wussten nicht, was das war und konnten die ganze Situation nicht einordnen. Erst als das zweite Beben einsetzte, waren wir uns sicher, dass es sich um ein schweres Erdbeben handelt", erinnert sich der Reiseleiter.

Anschließend waren er und seine acht Mitreisenden für zwei Tage von der Außenwelt abgeschnitten. Kein Telefon, kein Kontakt auf irgendeine andere Weise. "Hätte ich nur wenige Worte gehabt, um meine Familie zu informieren, das hätte mir gereicht", erzählt Schmidt.

Die Unwissenheit war schrecklich: Seine Familie wusste nicht, ob er noch lebt und Schmidt wusste nicht, ob das Beben auch in Kathmandu zugeschlagen und Familie, Kinderdorf oder Hostel getroffen hatte. Sie alle sind für Schmidt die "Nepalfamilie", die all diejenigen umfasst, die irgendwie in das Hilfsprojekt eingebunden sind oder davon profitieren. "Ich war heilfroh, als ich erfahren habe, dass alle am Leben sind", erzählt er.

Doch zuvor dauerte es noch eine Weile. Schmidt und die acht Mitreisenden wagten sich in einem Bus den Berg herunter - mit einem mutigen Busfahrer, der Angst hatte, das unter ihm die Steine wegbrechen. Dann ging es mit einem Taxi in die Stadt, "soweit, bis und der Schutt die Wege versperrte".

Noch einige Tage verbrachte der Nepalreisende anschließend im Land, bevor er zurück nach Deutschland musste. Und hier hofft er nun dringend auf Spender, die seine Arbeit unterstützen.

So schnell wie möglich möchte er wieder selbst in Nepal sein und helfen, wo immer es geht. So war es auch unmittelbar nach dem Beben, sagt Schmidt: "Und wenn es das Wegräumen von Steinen und das Beseitigen der Trümmer war, Hauptsache nicht tatenlos zusehen."

Was Schmidt besonders wichtig ist: "Die Menschen sollen sich nicht scheuen, das Land ab Herbst wieder zu bereisen." Auf die geschichteträchtigen Tempel müsse man zwar verzichten, aber das Land lebe von seiner Kultur und die könne man ohnehin erleben. Nur so sei es auch möglich, dass sich das Land von seinen Schrecken erholt und all das Zerstörte wieder aufbauen kann.


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