Marburger Pastor reist nach Chios

EINSATZ Hilfe für Flüchtlinge an griechischer Küste / Geldspende und 450 Trainingshosen

Alexander Hirsch wieder zu Hause in Marburg. Ein Stück seines Herzens ist noch in Chios. (Foto: Schwarzwäller)

Ein zerstörtes Schlauchboot am Strand von Chios - auch mit ihm kamen Flüchtlinge übers Meer, um die sich Freiwillige kümmern. (Foto: privat)

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"Das erste Gesicht, das diese Menschen auf europäischem Boden sehen, das soll ein freundliches sein." Alexander Hirsch ist nach Griechenland gereist, um eines dieser Gesichter zu sein. An einer der vielen Küsten, an denen weiterhin täglich Flüchtlinge ankommen.

Alles, was wir nur auf Fotos und in den Nachrichten sehen, hat Alexander Hirsch live erlebt:  Überfüllte Boote, weinende Babys und Kinder, schwangere Frauen, durchnässte und entkräftete Menschen, die nichts mehr haben als das, was sie bei sich tragen. "Danach hat alles, was man hier hört und liest und vor allem das, was manche in den sozialen Netzwerken in den Äther pusten, eine ganz andere Dimension", sagt der Marburger.

Den Anstoß, nach Griechenland zu reisen, gab ein Zeitungsartikel über zwei Studentinnen, die als Helfer nach Lesbos wollten. An diesen Artikel erinnerte sich Alexander Hirsch auf einer Autofahrt. Und mitten auf der Autobahn übermannte ihn plötzlich die Gewissheit: "Ich bin hier gefragt."

Der Pastor schrieb Helfer an, die bereits vor Ort waren. "Macht das Sinn, wenn ich da hin fahre oder stehe ich nur im Weg rum?" Die Antwort: "Wir brauchen jeden Menschen". Dann sprach Alexander Hirsch mit seiner Frau. "Dass Dinah das nicht nur hinnimmt, sondern voll dahintersteht, war grundlegend", sagt er. Dann holte er sich von seiner Gemeinde das Okay und den Segen, seine Eltern erklärten sich bereit, die drei Kinder für die Dauer seiner Reise zu übernehmen und am 28. Dezember brach er auf. Mit im Gepäck: Über 3500 Euro Spenden.

Leben retten am laufenden Band, wenn in einer Nacht 30 Boote voller Menschen auf einmal stranden

"Ich war total überwältigt, dass innerhalb von einer Woche so eine Summe zusammengekommen ist", sagt er. Was er mit diesem Geld gemacht hat, ist auf Heller und Pfennig veröffentlicht - von den Reisekosten bis zur Anschaffung von 450 Trainingshosen in Griechenland. Dort wird jegliche Hilfe bislang von freiwilligen Helfern wie Alexander organisiert. Und von den Einheimischen.  "Weder die Regierung noch das UN-Flüchtlingshilfswerk oder das Rote Kreuz - keine Institution ist an diesen Stränden", sagt Alexander Hirsch. Als erstes lernte er nach seiner Ankunft die türkische Seite kennen. Eine Helferin nahm ihn mit dorthin. An den Rand der Stadt Cesme zu einer Bauruine, die einmal eine Ferienhaussiedlung werden sollte, aber ein inoffizielles Camp wurde. Inzwischen ist es geräumt. Als Alexander Hirsch ankam, versorgten Einheimische dort bis zu 1000 Flüchtlinge. Er nennt das Szenario "apokalyptisch".

Auf Chios selbst verbrachte Hirsch erst zwei oder drei Tage im Keller - Kleider sortieren. Wofür das nötig ist, erlebte er in der darauf folgenden Nacht, als 30 Flüchtlingsboote auf einmal ankamen. Trockene Kleidung gehört dann zum Wichtigsten. Kleidung, Essen, lebensrettende Maßnahmen. Das leisten die Helfer am laufenden Band. Eine kleine Hilfsorganisation aus Norwegen sei vor Ort gewesen, ansonsten Menschen aus Deutschland, England, Polen oder den USA. Studenten, Rentner, Lebenskünstler, alles dabei.

Die Hilfe wird über das Internet koordiniert. Informationen laufen über Facebook- und WhatsApp-Gruppen. In Schichten rund um die Uhr kümmern sich die Helfer vor Ort. Wenn ein Boot ankommt, wird auch die Polizei informiert, damit die erkennungsdienstlichen Maßnahmen durchgeführt werden können. Sollte jemand medizinische Hilfe brauchen, ein Krankenwagen, der aber nicht immer kommt.

Viele hätten Hirsch gefragt, ob ihn all das Leid nicht emotional erschlagen habe. "Überhaupt nicht", antwortet er. Die komplette Abwesenheit von Institutionen vor Ort habe ihn geschockt, umso positiver war er davon beeindruckt, wie viel möglich ist, wenn sich nur ein Häufchen Freiwilliger findet. "Ich habe Hochachtung vor den Leuten vor Ort, die sich kümmern und die sich auch schon vor Jahren gekümmert haben, als bereits Boote ankamen, wenn auch nur vereinzelt", erklärt Alexander Hirsch.

Nach zehn Tagen kam er wieder nach Hause. Ein Stück seines Herzens sei auf Chios geblieben, sagt der Pastor. Er erinnert sich an eine Begegnung, bei der aus einer Gruppe, der er trockene Kleidung bringen wollte, kleine Mädchen auf ihn zukamen und ihn drückten. Er erzählt von den unermüdlichen Helfern. Dank ihm hatten sie ein paar Tage zwei helfende Hände mehr. Und einen Luftentfeuchter für die Wäscherei, den er angeschafft hat. Ebenso wie die 450 Trainingshosen und einige Dinge mehr.

Weitere Informationen gibt es auf Alexander Hirschs Blog unter www.hirsche.eu/alexander/.


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