Mit den Kneipen stirbt Dorfkultur

INTERVIEW Über Werte, Wehren und das Wasser, das den Wirten abgegraben wird

Karl-Hermann Werner ist seit fast 40 Jahren Gastronom. Und er ist Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Biedenkopf. Zum 125-jährigen Bestehen des Verbands warnt er vor den Auswirkungen des Gaststättensterbens auf das Leben im Dorf. (Foto: Heimrich)

Werner ist Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) Biedenkopf, der am Mittwoch mit 150 geladenen Gästen sein 125-jähriges Bestehen feiert. Einen "Tag der Hinterländer Gastronomie" veranstaltet der Verband zum Jubiläum. Ein stolzes Datum, die Branche selbst aber ist in der Krise, vor allem auf dem Land, deutschlandweit.

Herr Werner, binnen zehn Jahren hat in Deutschland jede vierte Kneipe oder Gastwirtschaft zugemacht. Ist das Gaststätten-Sterben auch im Hinterland so gravierend?

Karl-Hermann Werner: Ja, zum Beispiel in Dautphetal gab es früher über 60 Kneipen, jetzt gibt es noch acht oder neun. Allein in Holzhausen gab es mal zehn, demnächst gibt es dort gar keine Gaststätte mehr.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Werner: Es gibt mehrere Gründe, und manche sagen, es liegt vor allem an der Vereinsgastronomie. Das ist zu kurz gedacht. Auf Platz 1 steht das schwindende Bewusstsein der Menschen und der mangelnde Respekt für gute Produkte, für qualitativ hochwertige Lebensmittel und die damit verbundene Arbeit. Die Fast-Food-Mentalität nimmt immer weiter zu, auch wenn McDonalds in diesem Jahr erstmals sinkende Umsatzzahlen hat. Daraus resultiert, dass die Menschen immer weniger bereit sind, für ein gutes Essen Geld zu bezahlen. Das Wissen und die Bereitschaft fehlen, sich damit auseinanderzusetzen, warum man für ein Schnitzel  mit Pommes und Salat zehn Euro bezahlen soll.

Es liegt nicht daran, dass den Leuten das Geld fehlt?

Werner: Nein, hier in unseren Breitengraden jammern wir auf hohem Niveau. Das Geld ist da. Die Leute gehen zwar nicht mehr jeden Abend zwei, drei Bier in der Gaststätte trinken. Das hat sich überlebt, das Verhalten der gastronomischen Besucher hat sich verändert. Vor allem die Bereitschaft der Gäste, für ein wertiges Gericht und einen guten Service den angemessenen Preis zu zahlen, sinkt.

Was liegt auf Platz 2 der Gründe für das Kneipensterben?

Werner: Da muss ich leider sagen, dass auch in vielen Betrieben die Qualifikation fehlt. Manche denken, sie machen eine Kneipe auf, kaufen den Hektoliter Bier günstig ein und verkaufen ihn mit  500 Euro Gewinn. Das ist eine völlige Fehleinschätzung dessen, was es braucht, um ein erfolgreiches Wirtschaftsunternehmen zu führen. Denn das ist eine Gastwirtschaft. Auch deshalb sind wir heute da sind, wo wir sind. Da sind auch die Genehmigungsbehörden gefragt, die dafür keine Gestattung geben dürften. Nicht jeder x-Beliebige muss Kneipenwirt werden dürfen und das Image der Branche zersägen. Beide Faktoren zusammen - fehlende Wertschätzung für gastronomische Leistung und fehlende Qualität bei den Betrieben - führen auch dazu, dass wir keinen Nachwuchs mehr bekommen. Das ist ein großes Problem in der Branche. Erst danach kommt das Problem der Vereinsgastronomie. 

Was haben Sie dagegen? Sollen Vereine keine Treffpunkte haben?

Werner: Natürlich gehen die Leute ins Vereinsheim, und das ist auch ganz in Ordnung. Kein Gastronom hat etwas dagegen. Aber viele Vereinsheime sind heutzutage keine Schutzhütten mehr, sondern professionell mit vielen Tausenden Euro eingerichtete Versammlungsstätten, die als Seminarräume deklariert werden. Dafür gibt es Zuschüsse der öffentlichen Hand, viele bekommen auch Sponsorengelder von örtlichen Unternehmern. Getränkeverlage stellen professionelle Theken und Zapfanlagen hin. Eine derartige Ausstattung ist aber nicht notwendig, um den Vereinszweck zu erfüllen. Zum Beispiel: Warum braucht ein Anglerverein ein großes Haus an einem See, um seinem Vereinszweck nachzugehen? Oder die Ortsfeuerwehren - für sie werden Schulungsräume gebaut, während das Bürgerhaus daneben leer steht. Wofür werden diese Räume gebraucht? Dafür, dass die Feuerwehr eine Kneipe einrichtet mit regelmäßigen Öffnungszeiten, das Ganze mit Steuergeld unterstützt wird und der steuerzahlenden Gastronomie das Wasser abgräbt?

Mit diesen Treffs kann die Gastronomie nicht konkurrieren?

Werner: Nein, das ist ein unlauterer Wettbewerb. Die Vereine müssen kein Gebäude pachten, kein Personal und keine Sozialversicherung bezahlen. Sie haben wenig Probleme mit Genehmigungen und Kontrollen. Die Vereinsmitglieder werden auch noch zu kostenlosen Hygieneseminaren und -schulungen nach Marburg eingeladen. So wird die Schwarzgastronomie behördlich unterstützt. Der klassische Gastronom muss dagegen von einem Bierverleger oder einer Brauerei ein Objekt pachten, von der Bank bekommt er ja kein Geld wegen besagter wirtschaftlicher Risiken. Er muss sich über vier, fünf, sechs arbeits- und entbehrungsreiche Jahre versuchen, ins Geschäft einzuarbeiten, muss seine Angestellten alle zwei Jahre zum Gesundheitsamt schicken, muss sich mit Hygiene-, Bau- und Brandschutzbestimmungen, Fett- und Stärkeabscheidern, Berufsgenossenschaftsthemen und vielem mehr auseinandersetzen - auf eigene Rechnung. Es wird einfach mit zweierlei Maß gemessen.

Sind Sie denn dagegen, dass die Vereine Feste feiern und dort etwas zu essen anbieten?

Werner: Nein, auf keinen Fall. Wenn das Engagement der Vereine dem Vereinszweck dient, sind wir gerne bereits, das aktiv zu unterstützen. Die Fußballer müssen Vereinsheime haben, sonst können sie die Schiedsrichter nicht bezahlen. Kein Gastronom hat etwas dagegen. Aber nehmen Sie das Beispiel Burschenschaften, Mädchenschaften und all den anderen Initiativen, die Kirchen und kirchlichen Vereinigungen, die ins gastronomische Kerngeschäft eingreifen. Da gibt es neben der Kirmes dann auch noch Muttertagsbrunch, Schlachteessen, Frauenfrühstück und dergleichen mehr. Es werden große Summen generiert, die in den Gruppen bleiben, aber nicht, um sie für einen guten Zweck zu spenden. Solche Aktivitäten haben nichts mit einem Vereinszweck zu tun. Und steuerrechtlich ist das auch nicht in Ordnung. 

Sie wollen Ihre Kritik an der öffentlichen Förderung der Vereinsgastronomie auch den Politikern unter Ihren Jubiläumsgästen vortragen. Was fordern Sie von der Politik?

Werner: Dass darüber nachgedacht wird, was man nachhaltig will. Das Thema Nachhaltigkeit ist ja in aller Munde. Aber ist es denn nachhaltig, wenn ich in einer Region, in der die Gastronomie schon am Hungertuch nagt, ein Vereinsobjekt, mit Gastronomie mit Tausenden Euro Steuergeldern stütze, in dessen Umgebung in den letzten Jahren fünf Gaststätten kaputt gegangen sind? Es sollte genauer hingeschaut werden, was dem Vereinszweck dient und was nicht. Und es sollte maßvoller mit Gestattungen umgegangen werden, wenn Menschen ohne Branchenqualifikation und ohne fundierten Wirtschaftsplan in das Gaststättengewerbe einsteigen wollen. 

Wie wirkt sich Ihrer Meinung nach das Gaststättensterben auf das Landleben aus?

Werner: Mit den Gaststätten fällt ein weiterer Teil der dörflichen Infrastruktur weg. Wir erleben eine Landflucht, die hoch dramatisch ist. Wir sehen das bei den Ärzten, bei den Hebammen. Das sind Versorgungsstrukturen, die die Menschen auf dem Land brauchen, die ihr Leben ganz maßgeblich berühren. In vielen Dörfern gibt es keine Geschäfte mehr, sogar die Kirchen reduzieren und haben nur noch halbe Stellen im ganzen Kirchspiel, wo es früher eineinhalb gab. Die Verluste in diesen Bereichen werden öffentlich wahrgenommen, darüber wird diskutiert, das finde ich sehr richtig. Über das Sterben der Gaststätten aber nicht. 

Sie sagen, es stirbt ein Stück Kulturgut. Was meinen Sie damit?

Werner: Ich will das mal so sagen: Als ich mit 24 Jahren angefangen habe, gab es in Mornshausen rund 760 Einwohner, heute haben wir 780, also fast die gleiche Zahl. Von den 760 damals kannte ich damals alle. Heute gibt es 20 mehr, und ich kenne vielleicht noch 500 oder 600. Das heißt: Ich kenne einen Teil der Bevölkerung nicht mehr. Das wird anderen Leuten in anderen Gemeinden nicht anders gehen. Das hat auch mit dem Verlust der örtlichen Gastronomie als einem Ort der Kommunikation und der Begegnung zu tun. Dadurch erleben wir auch einen Verlust des Miteinanders, der Gemeinschaftlichkeit, Geselligkeit.

Aber die Menschen treffen sich doch trotzdem, nur eben weniger in der Gaststätte.

Werner: Ja, die Feuerwehr feiert bei der Feuerwehr, die Sportler im Sportheim, der CVJM im Kirchencafé und so weiter. Es gibt eine interessenorientierte Bewirtung. Die Gaststätte dagegen war schon immer und ist immer noch ein Ort, der gruppenübergreifend allen offen steht. In der es nicht darauf ankommt, zu einem Verein oder dessen Umfeld zu gehören. Wo Menschen verschiedener Interessen aufeinander treffen. Das fördert die gesellschaftliche Kommunikation und das Gemeinwesen, an dem alle teilhaben.


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Kommentare (1)
Karl-Hermann Werner hat recht, denn gute Gaststätten gehören zur örtlichen Infrastruktur, die heute leider immer mehr verloren geht. Die Ursachen für den Verlust sind vielfältig. Dorfgemeinschaftshäuser und Vereinsheime mehr
haben mit zum Kneipensterben beigetragen, doch dies wurde viel zu spät erkannt. Langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass ein qualifiziertes gastronomisches Angebot auch ein Standortfaktor ist. Zum Beispiel Tourismus. Überall (in ländlichen Regionen) wird auf touristische Entwicklung gesetzt. Teure Konzepte entstehen. Doch was nützt der beste Qualitätswanderweg, wenn der ordentliche Landgasthof fehlt. (Hartmut Bock, Weilburg)
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