
Gleich am Ortseingang von Lohra liegt die Werkstatt von Tischler- und Bestattungsmeisters Eidam. Tritt man durch die Glastür in den großen Ausstellungsraum, riecht es nach Holz und neuen Möbeln. Mehrere Meter lang ist die Theke, auf der die ausgezeichneten Urnen stehen. Zur Zeit fehlen die Modelle Peterchens Mondfahrt, Treibgut, Netzwerk und einige mehr. "Sie sind in Kassel", sagt Matthias Eidam. Noch bis Mitte März stellt die Handwerkskammer Kassel dort 15 Arbeiten des 13. Hessischen Gestaltungspreises aus. "Spitzendesign in der Handwerksform" heißt die Schau, deren Exponate die Fachjury aus 81 Wettbewerbsbeiträgen aus ganz Hessen ausgewählt hat - von Schneidern, Friseuren und Fahrzeuglackierern über Gold- und Silberschmiede, Installateure, Metallbauer und Raumausstatter bis zu Stuckateuren, Tischlern und Webern.

Das Thema Tod hat nur Eidams Beitrag. Es steht im Katalog zum Gestaltungspreis direkt neben zwei Platin-Broschen aus Hanau, danach folgen ein Ledergürtel aus Lorsch und zwei silberne Sushi-Stäbchen mit Etui, gefertigt in Frankfurt.
"Die Idee zu den Urnen entstand in der Weiterbildung zum Bestattungsmeister", sagt Matthias Eidam.
Reihe mit zwölf Unikaten, neue Modelle folgen, zum Beispiel zum Thema Krebs
Dort hätten er und einige Kollegen in den Pausen Entwürfe zum Thema gezeichnet. Der tragische Tod eines Teilnehmers aus der Runde habe ihn dann zusätzlich motiviert, diese Entwürfe auch umzusetzen.
Herausgekommen sind zwölf Einzelanfertigungen, jede 33 Zentimeter hoch und 26 Zentimeter im Durchmesser, aus verschiedenen Hölzern mit verschiedenem Design. Zu jeder Urne aus der ersten "Studie", wie die Reihe in Eidams Prospekt heißt, kann der Meister eine Geschichte erzählen, zum Beispiel zu der Urne aus Altzeder, gefertigt aus einer alten Terrassendiele, "das war so gutes Holz, das musste ich einfach mitverarbeiten". In den oberen Urnenrand eingelassen ist ein kreisrunde Deckel, leicht abnehmbar mit einem Finger durch das Loch in der Mitte. Man sieht den Gefäßen ihre Bestimmung nicht gleich an. In der Ausstellung in Kassel oder auch schon vorher bei der "Artinea" im Schloss Rauischholzhausen hat Eidam Besucher beobachtet, die seine übergroßen hölzernen "Dosen" interessiert anschauten, sie anfassten, eine nach der anderen, und dann, bei der letzten in der Reihe, in der eine Urne stand, erschreckt zurückwichen.
Streng genommen braucht kein Kunde das Produkt, erklärt der Bestatter Eidam. Die Asche eines Verstorbenen kommt aus dem Krematorium bereits in einer Urne zurück, die ist aus Maisstärke gemacht und lackiert, wegen der Zersetzbarkeit. Eine zusätzliche Schmuckurne außen herum ist nicht vorgeschrieben. Trotzdem entscheiden sich viele Angehörige dafür.
Ob seine Urnen neben der Anerkennung durch den Hessischen Gestaltungspreis auch ein wirtschaftlicher Erfolg werden, weiß Eidam nicht. Das war auch nicht das entscheidende Motiv, sie herzustellen. Mit ihrer Ästhetik, dem modernen Design und der handschmeichlerischen Verarbeitung will Matthias Eidam den Menschen das Thema Tod näher bringen und sie anregen, sich damit auseinander zu setzen. Dass das keiner gerne tut, wenn er nicht muss, weiß Eidam auch. Aus eigener Berufserfahrung und auch früher, seit seinen Kindertagen, weil er - wie die allermeisten in der Branche - das Bestatten mit dem elterlichen Betrieb übernommen hat.
"Es gibt schon einige Bestellungen für die Urnen", berichtet der Tischlermeister, meist von Kollegen, die sie in ihren eigenen Bestattungsinstituten ausstellen. Er selbst will weitere bauen, auch neue Modelle - zum Beispiel eines aus verwurmten Holz, "zu Thema Krebs", sagt Matthias Eidam.
13. Hessischer Gestaltungspreis
Der Hessische Handwerkspreis wird alle zwei Jahre vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung und den drei hessischen Handwerkskammern vergeben. Ziel des Preises ist, Kreativität, schöpferische Fantasie und experimentelle Gestaltung im Handwerk zu fördern. 81 Handwerkerinnen und Handwerker beteiligten sich am Wettbewerb 2012.
Die Arbeiten werden von einer unabhängigen Fachjury nach den Kriterien Dokumentation, eigenschöpferische Idee, ausgeprägte Gestaltung bis ins Detail, Gebrauchsfähigkeit, Materialauswahl, Materialeinsatz, handwerkstechnische Ausführung und experimentelle Gestaltung bewertet.
1. Preis: Fahrradlenkergriff (Graveurmeister Claudius Riedmiller, Hanau), 2. Preis: Sonnenfächer (Metallbauermeister Wolfgang Kraus-Schleissner, Gründau), 3. Preis: Korsage (Schneiderin Bärbel Kostron, Dieburg) und Schal (Webermeisterin Anja Ritter, Ober-Ramstadt); Sonderpreis für Goldschmiedemeister Sven Meurer (Hanau), Förderpreis Gesellenstück an Goldschmied Jakob Klug (Hanau). Fünf weitere herausragende Arbeiten wurden für die Ausstellung ausgewählt, unter ihnen die „Möbel für die letzte Reise“ (Tischler- und Bestattermeister Matthias Eidam, Lohra). (red)







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