Schuss holt Geier vom Himmel

TIERQUÄLEREI Vogelschützer finden verletzten Vogel im Wald bei Niederdieten

Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat den streng geschützten Vogel ein Schuss vom Himmel geholt. Das Tier war mit dieser Verletzung, die die Speiche im Flügel traf, flugunfähig.

Der verletzte Geier hatte sich im Wald zwischen Niederdieten, Niederhörlen und Quotshausen ins Gestrüpp geflüchtet. Heimische Vogelschützer konnten das Tier einfangen und sorgten für seine Behandlung. 

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Es war am Sonntagvormittag, als bei Oswald Kramer in Breidenbach das Telefon klingelte. Simon Werner, ehemals Mitglied der Breidenbacher NABU-Gruppe und mittlerweile Student, meldete den Fund eines Gänsegeiers im Waldgebiet zwischen Niederdieten, Niederhörlen und Quotshausen. Schon am Samstagabend hatte er das Tier im Gebüsch verschwinden sehen, als er mit dem Rad durch den Wald fuhr. "Ein Wildschwein?" war sein erster Gedanke, angesichts des braun-grauen Rückens. Doch genaueres Hinsehen machte deutlich, dass hier eine ausgesprochene Rarität im heimischen Forst notgelandet war: ein ausgewachsener Gänsegeier. Werner suchte die Stelle am nächsten Morgen nochmals auf, stellte fest, dass der Vogel immer noch im Gebiet war, man also davon ausgehen musste, dass er verletzt und flugunfähig war. Somit alarmierte der Student die Breidenbacher Vogelschützer Oswald Kramer und Hartmut Becker. Die brachten das notwendige Equipment zum Einfangen des großen Vogels mit, eine Decke, die über ihn geworfen werden sollte. Doch leichter gesagt, als getan: Gänsegeier sind recht gut zu Fuß und das krankgeschossene Wildtier ahnte nicht, dass seine Verfolger ihm nur Gutes wollten. So mussten die Retter dem Vogel über Stock und Stein und durchs dickste Dickicht folgen. Bis es Simon Werner schließlich gelang, an einer Viehweide die Flucht des Verletzen zu stoppen. "Das war nicht ungefährlich", berichtet Kramer, "wenn man den riesigen Schnabel des Geiers betrachtet - davor muss man sich in Acht nehmen!"

Die drei Männer beschließen, den Vogel direkt in den Vogelpark zu bringen

Schnell offenbarte sich die üble Flügelverletzung des Vogels, und die drei Männer entschieden sofort, ihn direkt in den Vogelpark Uckersdorf zu bringen. Dessen Leiter Wolfgang Rades versteht sich auf die Behandlung verletzter Großvögel. "Ich konnte den geschwächten Vogel zunächst mal mit einer Elektrolytlösung erstversorgen", berichtet Rades. Doch habe sich alsbald gezeigt, dass das Tier so erheblich verletzt war, dass es veterinärmedizinisch behandelt werden musste. Also führte der nächste Weg am Montag ins Gießener Klinikum, wo sich in der Abteilung für Vögel Dr. Dominik Fischer, ein Greifvogelspezialist, des Patienten annahm. "Der Vogel war schwach", berichtet der Tierarzt. "Wir haben ihn zunächst mal stabilisiert, er bekam ein Schmerzmittel und eine Infusion, um ihn bei Kräften zu halten. Das Röntgenbild hat dann   gezeigt, dass es tatsächlich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein gerade Durchschuss ist, den der Geier erlitten hat. Er muss entweder von unten im Flug, oder aber sitzend von vorn beschossen worden sein, als er seine Flügel ausbreitete. Die Speiche war nahe am Gelenk, also am Flügelbug getroffen, die Verletzung war bereits vermadet und verfärbt." Wie lange das Tier sich damit herumgequält hat, kann der Tierarzt schwer sagen: "Das hängt von der Temperatur ab. Maden entwickeln sich recht schnell. Die Verletzung konnte zu dem Zeitpunkt etwa drei Tage her sein."

Schwach sei der Geier gewesen, er habe noch 6,2 Kilogramm gewogen. Normal sei ein Gewicht bis zu zehn Kilogramm, so Fischer. Das Alter des Vogels bezeichnet er als "immatur", das bezeichnet die Altersstufe zwischen Jungvogel und ausgewachsenem, geschlechtsreifem Tier. Erkennbar ist dies beim Gänsegeier an der noch bräunlich gefärbten Halskrause. Im Zuge einer Operation haben die Gießener Mediziner die Wunde versorgt, der Flügel ist ruhig gestellt und mit Medikamenten werden Infektion und Schmerzen bekämpft. Ob der Geier jemals wieder fliegen können wird, steht indes in den Sternen. "Das hängt davon ab, wie tief die Schädigung des Knochens geht." Die Kosten für Operation und Behandlung des Tieres trägt übrigens der "Verein zur Förderung der Vogelmedizin in Gießen". Fest steht, dass es eine Anzeige gegen den illegalen Schützen geben wird. Das hat Vogelschutzwart Martin Hormann gegenüber dieser Zeitung bestätigt.

Stichwort "Geiereinflug":

In den vergangenen Wochen hat Deutschland einen bemerkenswerten Einflug von Gänsegeiern erlebt, die an unterschiedlichen Stellen von Vogelbeobachtern registriert wurden. So in der Eifel, wo sich über 20 der riesigen Vögel in den Himmel schraubten. Ein Gänsegeier hielt sich tagelang auf der Mülldeponie Asslar auf. Auch über dem Modellflugplatz „Am Wetterberg“ bei Sterzhausen konnte der Marburger Ornithologe Martin Kraft zwei kreisende Gänsegeier beobachten.

„Seit Jahren registrieren wir diese Einflüge von Geiern“, sagt Martin Hormann von der Vogelschutzwarte Frankfurt. Ursache sei ein wachsender Bestand dieser Vogelart in Spanien und Frankreich. Dafür, dass es in den Juni- und ersten Juliwochen 2013 besonders viele Geierbeobachtungen in Deutschland gab, sind verschiedene Erklärungen in der Diskussion. Martin Kraft nimmt an, dass starke südliche Luftströmungen, die auch in Deutschland für heiße Tage gesorgt haben, die Tiere zu ihren Stippvisiten motivierten. Eine andere Theorie ist, dass das Elbe-Hochwasser, dem auch zahlreiche Tiere zum Opfer fielen, so dass viele Kadaver noch ungeborgen in der Landschaft liegen, die Geier angelockt haben. „Diese zu entsorgen, ist genau der Job der Gänsegeier“, macht Ornithologe Thomas Griesohn-Pflieger (Hattingen) deutlich. „Wir ahnen wahrscheinlich gar nicht, wie oft Geier in Höhen von mehreren Tausend Meter auf der Nahrungssuche über unserem Land patrouillieren!“

Gänsegeier zählen zu den sogenannten Altweltgeiern. sie haben eine Körperlänge bis zu 110 Zentimetern und eine Flügelspannweite von 234 bis 269 Zentimetern.
Die Geschlechter sind in Färbung, Größe und Gewicht nicht zu unterscheiden.


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