Tiefer in die Trickkiste greifen

Andreas Steinhöfel schreibt in Biedenkopf an einem neuen Roman
Daheim schreibt Andreas ...

Durch Zufall kam er zum Schreiben. Sein Bruder Dirk hatte die Aufgabe, eine Buchprobe zu illustrieren. "Ich habe den Text gelesen und fand ihn doof", erinnert sich Steinhöfel. "Zugegeben, ziemlich arrogant und ignorant von mir. Aber ich habe kurzerhand selbst etwas geschrieben und an den Carlsen-Verlag geschickt, der zu der Zeit noch eine kleine Klitsche war." Ein halbes Jahr lang hörte er darauf nichts, bis sich dann schließlich der Verlag bei ihm meldete und ihm einen Vertrag anbot.

Damals stand Steinhöfel kurz vor seinem Universitätsabschluss. An der Marburger Uni studierte er Anglistik, Amerikanistik und Medienwissenschaften. Zeitgleich mit seiner Examensarbeit beendete er 1991 sein erstes Buch "Dirk und ich", eine Ansammlung verschiedener Kindheitsepisoden – "jedoch nicht autobiografisch", wie der Autor betont. "Ich schreibe über das, was ich kenne, aber nicht über das, was ich erlebe."

20 Jahre lang lebte der Biedenkopfer in Berlin. Als sein Lebensgefährte vor zweieinhalb Jahren plötzlich verstarb, hielt in nichts mehr in der Hauptstadt. Er kehrte zurück in seine Heimat, kaufte ein Haus, das er mit seinen Brüdern renoviert. "Berlin war einfach zu erinnerungslastig", sagt er. "Außerdem habe ich immer gesagt, dass ich in einer Großstadt nicht alt werden möchte." Seine Wahlheimat war ihm zu laut und zu hektisch.

Ohne Starallüren: Der Autor mag keinen Rummel um seine Person

Zurück in Biedenkopf findet er Ruhe. Der Autor steht nicht gern im Scheinwerferlicht. "Ich bin keine Rampensau, das ist nicht mein Naturell", bekennt er. So schreibt er zurückgezogen an seinen Werken und genießt es, frei zu sein von jeglichem Rummel um seine Person. Im Gegensatz zu seiner Autorenfreundin Cornelia Funke ("Tintenherz"), die er bereits in ihrem Haus in Los Angeles besucht hat. Chauffeur, roter Teppich – Dinge, die für die Bestsellerautorin dazugehören, für ihn nicht. "Ich verkaufe fast so viele Bücher wie sie. Der Unterschied ist nur, dass es bei mit keiner merkt", sagt er mit schelmischem Grinsen.

Im Herbst 2014 soll Steinhöfels neues Werk erscheinen: sein erster Roman für Erwachsene. Die Geschichte erzählt von Zwangsarbeitern in den 60er und 70er Jahren mit Rückblenden in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Ort des Geschehens: der Edersee. "Ein bisschen lässt der Roman sich aber auch als Familienchronik beschreiben", verrät Steinhöfel.

Das Thema Familie spielt in seinen Romanen seit jeher eine große Rolle. "Familie ist das, was dich am meisten prägt – im Guten wie im Schlechten", so Steinhöfel.

Ob es für ihn einen Unterschied macht, anstatt Kindern und Jugendlichen diesmal Erwachsene als Zielgruppe anzusprechen? "Ich muss mein Schreiben dabei nicht kindlichem Wissen oder Vorstellungsvermögen anpassen", antwortet er. "Erzählerisch kann ich da viel tiefer in die Trickkiste greifen." Vor dem Erwachsenenroman plant Steinhöfel, noch ein weiteres Kinderbuch auf den Markt zu bringen. Seine anderen Arbeitsfelder als Übersetzer, Drehbuchautor und Buchkritiker ruhen zurzeit.

Stattdessen sammelt er Ideen für seine neuen Bücher. Unverzichtbar dafür: sein Notizbuch, das er immer dabei hat, um Einfälle und Eindrücke festzuhalten. Fast immer. "Einmal hatte ich es nicht bei mir. Da habe ich dann bei mir zu Hause angerufen und mir selbst auf den Anrufbeantworter gesprochen", erzählt er.

Dass er jemals Autor werden würde, war für ihn unvorstellbar. "Kollegen wie Cornelia Funke haben schon in ihrer Kindheit geschrieben", sagt er. "Alles, was ich in der Zeit zu Wege gebracht habe, war eine anderthalb Seiten lange Geschichte aus der Zeit, als ich ein großer Fan von Edgar Allan Poe war." Einzig eine Uni-Professorin fand Gefallen an seinen Essays und meinte, dass er das Zeug zum Schriftsteller hätte.

Auch nach großem Erfolg und vielen Auszeichnungen wie dem Deutschen Jugend-Literaturpreis verfällt der 50-Jährige im Schaffensprozess eines Buches grundsätzlich in Panik. Wenn Steinhöfel schreibt, kennt er bereits das Ende der Handlung. Doch nicht das, was bis dahin passiert. Seine Figuren sollen sich entwickeln können, und dafür hat er keinen Vorab-Plan. Deshalb beschleichen ihn zwischendurch immer Zweifel. "Das passiert immer, wenn ich ungefähr ein Drittel geschrieben habe", gesteht er. "Da denke ich jedesmal ,Oh Gott, das wird doch nie was‘."

Dass es doch etwas wird, beweisen allein seine Verkaufszahlen. Das Erfolgsrezept bei seinen Büchern: Kinder und Jugendliche mit ihren Sorgen und Nöten Ernst nehmen. "Viele, die Kinderbücher schreiben, verfassen Texte für kleine Dutzis, die sie zum Lachen bringen wollen", kritisiert er die falsche Einstellung zu Kinderliteratur. "Kinder sind vielmehr dankbar für einen Typen mit Ecken und Kanten. Einen, bei dem sie denken: ,Endlich einer, der so ist wie ich.‘"

Einige Bücher von Steinhöfel wurden bereits verfilmt. Eins der bekanntesten ist die Kinoproduktion von "Es ist ein Elch entsprungen". Begeistert ist der Autor nicht von der Adaption, dennoch ärgert er sich nicht darüber. "Wenn ich die Rechte verkaufe, muss ich mir klar darüber sein, dass ich mit dem Endprodukt vielleicht nicht zufrieden bin."

Dennoch schaut er gerne Filme. Das beweist allein der Blick auf sein beachtliches Regal im Wohnzimmer, das vollgestopft ist mit unzähligen DVDs. Wenn er liest, liest er vor allem Klassiker wie Werke von Fjodor Dostojewski. "Wenn ich‘s nicht mag, haue ich‘s eben in die Tonne", sagt er lapidar. Deutsche Literatur findet er oft "zu bemüht darum, literarisch wertvoll" zu sein.

Aktuelle Bestseller wie der an Nummer eins stehende Erotik-Roman "Shades of Grey" reizen ihn überhaupt nicht. Statt amourösen Fesselspielen lieber unschuldige Almromantik: "Meine Lektorin hat sich neulich halbtot gelacht, als ich ihr erzählt habe, dass ich ,Heidi‘ gelesen habe. Ein tolles Buch. Ich finde es einfach spannend herauszufinden, welche Bilder von Kindheit es früher gegeben hat."

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Dokument erstellt am 15.09.2012 um 16:06:03 Uhr
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