Tiere erfüllen die Sehnsucht nach Nähe

ARBEIT Tesch therapiert mit Hilfe von Vierbeinern

Versuchen Menschen bei Depressionen, Angstzuständen oder Minderwertigkeitskomplexen zu helfen: Diplom-Sozialpädagogin Julia Tesch bietet mit "Penny" und "Murphy" tiergestützte Therapien. (Foto: Röder)

"Murphy" und "Penny", Julia Teschs Pferde, sind bei ihren Klienten am beliebtesten. (Foto: privat)

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Auf Julia Teschs Reitgelände in Kleingladenbach tummeln sich ihre Pferde. Betritt man die Wiese, kommen "Murphy" und "Penny" zugleich auf einen zu, schauen, wer da "ihr" Revier betritt. "Sie sind beide sehr neugierig", sagt Julia Tesch und lacht. Genau diese Eigenschaft macht sie so wertvoll für Therapiezwecke.

Erwachsene mit psychischen und seelischen Problemen, mit Suchterkrankungen und Depressionen gehören zu Julia Teschs Klienten. Aber auch verhaltensauffälligen und aggressiven Jugendlichen kann die tiergestützte Therapie guttun, weiß die Sozialpädagogin, die seit 2011 ihre Dienste im Hinterland anbietet. Des Weiteren ist sie in Kindergärten, Schulen, Alten- und Pflegeheimen im Dienst.

"Um aus einem Tierkontakt eine sinnvolle, tiergestützte Intervention zu machen, bedarf es fundierter Konzepte, systematischer Schritte und einer professionellen Ziel- und Maßnahmenplanung", erklärt Julia Tesch. Zu diesem Zweck hat sie sich 2009 in diesem Bereich fachlich weitergebildet.

"Das Ziel der Therapie, die mindestens fünf Sitzungen beinhalten sollte, ist ganz individuell verschieden", erklärt Julia Tesch. Die Bandbreite, bei der sie gemeinsam mit ihren vierbeinigen Helfern unterstützend wirken kann, ist groß und reicht vom Abbauen von Ängsten über das Kennenlernen von eigenen Grenzen und der Förderung der Konzentrationsfähigkeit. "Meine Klienten haben oft viele schlechte Erfahrungen gemacht", erzählt die 33-Jährige. "Sie haben Depressionen und Ängste, fühlen sich aber zu Tieren hingezogen." Gemeinsam mit den Vierbeinern können sie positive Erfahrungen machen.

In einem Erstgespräch versucht Julia Tesch, die Ziele ihres Klienten herauszufinden; anschließend kann sich dieser eines ihrer Tiere aussuchen, auf das sich die Therapie stützt. Meerschweinchen, Hasen und ihren Neupfundländer "Balu" hat Julia Tesch. "Am meisten werden jedoch ,Murphy’ und ,Penny’, meine beiden Pferde, genommen", sagt sie.

"Im Gegensatz zum Mensch wertet das Tier nicht", sagt Julia Tesch

Prinzipiell eignen sich viele (Haus-)Tierarten für die tiergestützte Therapie. Wichtig nur: Sie müssen menschenfreundlich sein. Das heißt allerdings nicht, dass Julia Teschs Tiere alles mit sich machen lassen; im Gegenteil - und auch das kann Teil der Therapie sein. "Wenn ,Penny’ etwa jemanden abweist, dann muss dieser schon fragen, wieso und was er dem Tier getan hat. Diese Erkenntnis, dass der Klient beispielsweise zu stürmisch oder auch zu zurückhaltend auf ,Penny’ zugegangen ist, kann bereits ein erster Therapieerfolg sein", erklärt die Sozialpädagogin. "Im Gegensatz zum Mensch, wertet das Tier nicht. Das heißt, jeder Klient hat mehr als eine Chance, eine Bindung mit dem Tier einzugehen." Nach dem Kennenlernen von Mensch und Tier in der ersten Therapiestunde gibt es dann verschiedene Ansätze. Mit den Tieren kann spazieren gegangen werden, es gibt Entspannungsreiten oder auch alltägliche Dinge, wie das Füttern und Putzen der Tiere.

Vielen Klienten, insbesondere jene, die eine langjährige Suchterkrankung durchleiden, sehnen sich nach Nähe. "Da tut es ihnen gut, wenn sie mit einem Pferd oder Meerschweinchen schmusen können." So kann bereits das einfache Streicheln eine heilende Wirkung haben.


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