Wegwerfen? Denkste!

NACHHALTIGKEIT "Repair-Café" in Cölbe ist kreisweit einzigartig

Gabriele Henkel hat kreisweit das erste "Repair-Café" initiiert. Alte Elektrogeräte können dort gegen eine Spende repariert werden.

(Foto: Schwarzwäller)

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Erst zweimal hat das "Repair-Café" in der Gemeindehalle in Cölbe stattgefunden, und schon platzt es aus allen Nähten. Schon als sie die Homepage der weltweiten Initiative des "Repair-Cafés" gesehen hatte, sei ihr klar gewesen, dass ein Umdenken stattfindet und es überall großes Interesse an einem solchen Projekt gibt, sagt Initiatorin Gabriele Henkel.

Aber wie gut es angenommen werden würde, das hat sie dann doch überrascht. "Die Leute müssen Wartezeit mitbringen", sagt die Diplom-Pädagogin, die von der Idee des gemeinschaftlichen Nicht-gleich-Wegwerfens so begeistert war, dass sie in diesem Jahr das erste "Repair-Café" im Landkreis aus der Taufe gehoben hat.

"Das sind Tüftler, die wollen eben auch unbedingt, dass das Gerät wieder läuft"

Einmal pro Monat verwandelt sich dann die Gemeindehalle in Cölbe in eine große Reparaturwerkstatt. Nachdem sie mit ihrem Vorhaben an die Öffentlichkeit gegangen war, fanden sich sofort gut ein halbes Dutzend Reparateure, die mitmachen wollten, erzählt Gabriele Henkel. Ein Chemiker, ein Schreiner, ein Optiker oder ein Installateur - die Experten kommen aus verschiedenen Berufsgruppen und stecken gern auch mal die Köpfe zusammen, um ein Problem zu lösen. "Das sind Tüftler, die wollen eben auch unbedingt, dass das Gerät wieder läuft", sagt Henkel. Und in den meisten Fällen gelingt ihnen das auch. Beim ersten Café im Juni konnten nur zwei Geräte nicht repariert werden.

Wie der Name "Repair-Café" schon sagt, geht es aber nicht nur ums Reparieren. Es gibt auch Kaffee. Und Kuchen. Dass man ins Gespräch kommt und dass auch die Leute, die ihr defektes Gerät mitbringen, in den Prozess der Reparatur mit einbezogen werden, das gehört ebenfalls zum Konzept. "Kommunikation, Integration - dabei gibt es so viele Komponenten, das ist der Wahnsinn", erklärt Gabriele Henkel. Die Menschen sollen Dinge wieder wertschätzen lernen. Und eben nicht sofort etwas wegwerfen, was nicht mehr funktioniert, aber vielleicht wieder zum Funktionieren gebracht werden kann.

Einer der Tüftler, die genau das versuchen, ist Helmut Dworschak. Der 58-Jährige ist Elektroinstallateur sowie Radio- und Fernsehtechniker und seit über 35 Jahren im Kundendienst tätig. Ihn begeistert vor allem der Gedanke der Nachhaltigkeit an dem Projekt. Und es freut ihn auch, dass er im "Repair-Café" Zeit zum Fachsimpeln hat und nicht wie sonst in seinem Job auf die Uhr schauen muss, um die Arbeit abzurechnen. "Da werden Sie dann von den Leuten auch schon mal umarmt", erzählt Dworschak. Für ihn ist außerdem wichtig, dass junge Leute angesprochen und motiviert werden. Technisches Verständnis und handwerkliches Geschick werden immer seltener, so der Experte.

Holger Nettermann ist ebenfalls gelernter Radio- und Fernsehtechniker. Er liebt es, alte Verstärker und Gitarren zu reparieren und begeisterte sich für die Idee, seine Talente mit sozialem Engagement zu verbinden. Er habe früher auf dem Recyclinghof gearbeitet, und was von den Leuten teilweise für alte "Schätzchen" weggeworfen werden, "das treibt einem die Tränen in die Augen", erklärt der 42-Jährige. Seine Beteiligung am "Repair-Café" sei sein kleiner Beitrag, die Welt zu retten, sagt Nettermann lachend.

Dieser Beitrag wird inzwischen von vielen Leuten weltweit geleistet. "Repair-Cafés" gibt es bereits in 14 Ländern von Australien bis in die Vereinigten Staaten. Allein in Deutschland sind schon über 120 von ihnen entstanden, seit eine Holländerin vor gerade einmal fünf Jahren das erste Café in Amsterdam gegründet hat. Die Reparatur erfolgt auf der Basis freiwilliger Spenden, die dann in das Gesamtprojekt fließen. Nicht nur Elektrogeräte, auch Kleidung, Spielzeug, Möbel und viele andere Dinge mehr werden recycelt oder sogar "upgecycelt", also zu etwas Neuem umfunktioniert.

Das Marburger "Repair-Café" soll jetzt aber erst einmal nach Möglichkeit fest verortet werden. "Wir haben Werkzeug-Spenden bekommen und hätten gern eine Räumlichkeit, wo wir das alles dann auch lagern können", erläutert Gabriele Henkel. Miete könne man nicht bezahlen, aber vielleicht finde sich trotzdem eine Möglichkeit. Die "Region Burgwald-Ederbergland" fördert das Café bereits, und für das nächste Jahr hofft man auf weitere Unterstützung. Auch dass die Gemeinde Cölbe und der Bürgermeister so hinter dem Projekt stehen, freut die Initiatorin. Henkels ganze Familie ist inzwischen mit involviert und Menschen im Freundes- und Bekanntenkreis stiften Kuchen.

Zukunftspläne: Projekt eines Tages zur festen Institution machen

Künftig könnte sie sich aber noch viel mehr für das Projekt vorstellen. Dass es zu einer Anlaufstelle wird, wo man Geräte auch abgeben kann. Dass eine Textilwerkstatt oder ähnliches zusätzlich entsteht. Dass man in Schulen geht und schon den Kleinsten beibringt, dass man Dinge auch reparieren kann. "Und wenn es richtig gut läuft, kann man vielleicht eine Institution daraus machen und sogar Arbeitsplätze schaffen." Das alles ist natürlich noch Zukunftsmusik. Aber das war die Idee des "Repair-Cafés" an sich vor wenigen Jahren ja auch erst noch. Und Spaß daran, auf diesem Weg die Welt ein bisschen zu retten, haben offenbar jede Menge Menschen.

Das nächste "Repair-Café" in Cölbe findet am 12. September in der Gemeindehalle (Friedhofstraße 4) zwischen 14 und 18 Uhr statt. Die Zufahrt ist ausgeschildert. Wer sich anmelden möchte, kann dies unter der Telefonnummer Telefon: (01 51) 57 43 73 38 oder per Mail (repaircafe@gabriele-henkel.de) tun. Auch Spenden werden gern entgegengenommen - egal, ob Werkzeug, Geld oder tatkräftige Unterstützung. Die Homepage: www.repaircafe.org.


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