"Wir leben hier sehr sicher"

JUSTIZ Zahl der Jugendstrafverfahren ist in den vergangenen Jahren deutlich gesunken

Die Kriminalitätsquote im Hinterland liegt bei drei Prozent. Einen Grund für die geringe Quote sieht Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte im hohen Grad der sozialen Kontrolle. (Foto: Colourbox)

Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte (Archivfoto: Frankenberg)

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Zwischen den Kommunen gibt es dabei deutliche Unterschiede. Grundsätzlich gilt laut Schulte: "Je kleiner die Gemeinde ist, desto niedriger ist die Quote. In Steffenberg und Angelburg liegt sie knapp unter zwei Prozent, in Biedenkopf dagegen bei rund fünf Prozent. Eine Erklärung hat Mirko Schulte schnell parat: "Die soziale Kontrolle im Hinterland ist viel intensiver als andernorts."

Freude bereitet dem Direktor des Biedenkopfer Amtsgerichts die Entwicklung bei den Jugendstrafen. 205 Verfahren gab es im Jahr 2010. Im vergangenen Jahr zählte das Gericht nur noch 90 Verfahren, also knapp die Hälfte. Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei Gewaltdelikten aus. 37 Mal ging es vor fünf Jahren um Körperverletzungen, im vergangenen Jahr nur noch 15 Mal.

Diese Entwicklung habe nichts mit der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung oder dem Anklageverhalten der Marburger Staatsanwaltschaft zu tun, betont Schulte. Er sieht die Ursachen vielmehr in einer erhöhten sozialen Kontrolle, einer größeren Sensibilität in den Schulen - und der konsequenten Verfolgung der Taten durch das Amtsgericht Biedenkopf. "Bei den Schülern hat sich herumgesprochen, dass es in aller Regel bereits bei der ersten Tat zu einem Verfahren vor Gericht kommt", sagt der Jurist, "das scheint Wirkung zu zeigen".

Rund zehnmal nehme er einen Jugendlichen pro Jahr in Arrest. In der Hälfte der Fälle sei der Arrest sofort Teil der Strafe, zur anderen Hälfte handele es sich um sogenannten Beugearrest, weil der Täter die Weisungen des Gerichts nicht erfüllt hat. Im Übrigen gebe es nur eine geringe Zahl an Intensivtätern. Im Grunde genommen zwei Stück, sagt Schulte, und die seien Anfang vergangenen Jahres nicht mehr straffällig geworden.

Hessen hat das Ziel der Resozialisierung im Strafvollzugsgesetz fest verankert

Am Herzen liegt dem Direktor des Amtsgerichts vor allem die Resozialisierung der Täter. Dieses Thema habe diese Landesregierung im vergangenen Jahr als erstes Bundesland ausdrücklich als Ziel im Strafvollzugsgesetz des Landes Hessen verankert. Dem Gericht gehe es nicht allein darum, eine der Tat angemessene Strafe zu verhängen, erklärt Mirko Schulte. Wichtig sei zudem, den Grund für die Straftat zu finden, um wirksam einzugreifen und so weitere Straftaten zu verhindern können.

Ein Beispiel: Körperverletzung. Ein Grund für eine gewalttätige Auseinandersetzung kann laut Schulte mangelnde Impulskontrolle sein. Spezielle soziale Trainingskurse leisten in solch einem Fall einen Beitrag, die soziale Kompetenz des Täters zu stärken. Ist der Grund für die Tat dagegen in der Drogensucht des Täters zu suchen, achtet der Amtsgerichtsdirektor auf eine strenge Abstinenzkontrolle. "Wir machen überwiegend eine Langzeitabstinenzkontrolle, indem wir die Haare analysieren", sagt Schulte, "damit ist kein Mogeln möglich".

Der Amtsgerichtsdirektor ist überzeugt, dass die Justiz damit im Sinne der Bürger handelt, auch wenn die oftmals vor allem nach fühlbaren Strafen fragen würden. "Aber die Bürger interessiert doch eigentlich: Werden die Straftaten künftig verhindert?", so Schulte. Und genau das gelinge mit individuellen Konzepten. "Die Medizin wirkt."

Zu den Straftaten, mit denen sich die Justiz im Zuge der Digitalisierung befassen muss, zählt das unbefugte Verbreiten persönlicher Bilder. Sprich: Nacktaufnahmen werden ohne Kenntnis des Betroffenen verschickt. 2014 gab es laut Schulte fünf Fälle im Bezirk des Amtsgerichts, im vergangenen Jahr keinen einzigen. "Das heißt aber überhaupt nichts", sagt er. Die Dunkelziffer sei nämlich enorm hoch, weil die Betroffenen, in aller Regel Mädchen, sich scheuen würden, sich Eltern oder Lehrern anzuvertrauen.

Erschreckend ist für den Juristen vor allem das geringe Maß an Unrechtsbewusstsein bei den Tätern. Sie hätten oftmals kein Empfinden dafür, was sie bei den Opfern anrichten. "Ich kann nur appellieren, genau zu überlegen, was man mit seinen Bilder macht", sagt Schulte. Die Justiz jedenfalls verfolge die Taten "sehr, sehr konsequent" - sofern sie davon erfahre.

Das gilt genauso für das Verbreiten kinderpornographischer Schriften. Diese Straftat sei "sehr spurenträchtig" erklärt der Biedenkopfer Richter. Mit einer speziellen Software gelinge es mittlerweile sehr gut, den Tätern auf die Spur zu kommen.

Dass Flüchtlinge im Hinterland in auffälligem Maß straffällig werden, hat Mirko Schulte noch nicht beobachtet. In der Mehrzahl seien die Delikte flüchtlingsspezifisch. So komme es beispielsweise wegen der Unterbringung auf engem Raum zu Beleidigungen und Körperverletzungen. Auch seien die Asylbewerber teilweise mit der deutschen Wohlstandsgesellschaft überfordert - Missbrauch von Kreditkarten sei ein Thema. "Wir richten aber ohne Ansehen der Person", sagt Schulte, "denn Regeln sind für alle ernst zu nehmen". Seine Erfahrung: Flüchtlinge seien überrascht, wie konsequent die Verfahren in Deutschland abgearbeitet werden.


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