"Wir sind die wahren Tierschützer"

CIRCUS KRONE Beitrag zum Erhalt exotischer Arten oder Quälerei: Aktivisten mahnen, Unternehmen kontert

Ein mobiler Boxenstall für 46 Zirkuspferde - das System mit 18 Quadratmeter großen Einzelboxen, teils überdacht, teils offen, hat Krone vor gut 20 Jahren entwickelt. Damit wurde das Anbinden abgeschafft. (Foto: Heimrich)

Foto: bih

Drei sibirische Kamele sind mit dem Circus Krone auf Tour. Gemeinsam mit vier Zebras, mehreren Ponys und einem Wildschwein sind sie im "Circus-Zoo" hinter der Manege zu sehen. Im großen Zelt kauen sie genüsslich am Heu. (Foto: Heimrich)

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(Röder)

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Frank Keller kennt sie alle - die Argumente gegen Tiere im Zirkus, vor allem, gegen "Wildtiere": dass sie zu wenig Platz und zu viel Stress haben, dass sie unter Schmerzen Kunststücke vorführen und zur Belustigung der Menschen herhalten müssen, dass sie ständig rumgekarrt werden, gestört sind und leiden in der Gefangenschaft. "Artgerecht ist nur die Freiheit" lautet denn auch eine zentrale Parole der Gegner, mit denen sich der Circus fortwährend auseinandersetzen muss. 

"Das ist Unsinn", sagt Keller, "das sagen Leute, die keine Ahnung haben und die keine echten Tierschützer sind". Keller ist seit fast 20 Jahren im Circus Krone und Ansprechpartner für Behörden, Ministerien und die Öffentlichkeit, wenn es um die Tiere des Unternehmens geht.

Keller: Zirkustiere leben seit Generationen in menschlicher Obhut und kämen in der Wildnis um

"Zirkustiere sind nicht ,wild'", stellt er klar, "auch die exotischen sind seit Generationen in menschlicher Obhut und in der Wildnis gar nicht überlebensfähig". Das hat Keller schon oft erklärt, im Spiegel, im Focus, in der Süddeutschen und vielen anderen Medien. Und er wiederholt es in Marburg: Die 13 großen Raubkatzen, die derzeit mit auf Tour sind, haben noch nie gejagt, sie bekommen ihre zwölf Kilo Frischfleich pro Tag mundgerecht vorgesetzt. Auch die Elefanten, Seelöwen und Zebras, die sibirischen Kamele, die 46 Pferde, das Wildschwein und das fast 40 Jahre alte Nashorn sowie all die anderen der insgesamt 200 Tiere im Circus werden von Menschen gefüttert - und das schon ihr Leben lang.

Mit einer Ausnahme: Drei Krone-Elefanten haben tatsächlich früher die afrikanische Sonne gesehen. "Sie sind 1983 geboren und kamen als Babys aus einer Auffangsstation zu uns", berichtet Keller. Dort waren sie als Waisen gelandet. Die Station wurde aufgelöst, die Tiere an europäische Zoos und Zirkusse abgegeben. Eine rührende Geschichte. Sie passt zu Kellers Argument, dass der Zirkus einen Beitrag zum Schutz exotischer Tiere leistet, und zum besseren Verständnis der Menschen für sie. Wie die Zoos, nur dass man den Tieren im Zirkus noch näher kommt. Genau das wollen die Leute: 86 Prozent der Zuschauer wollen Tiere in der Manege sehen, zitiert Keller eine Umfrage, am liebsten Raubtiere, gefolgt von Pferden und Elefanten.

Und die Kunststücke, die sie machen müssen? Das Training ist gut, hält Frank Keller dagegen, das hätten auch die Zoos erkannt und würden Tierlehrer anstellen, die die Tiere gezielt fordern und bewegen. Außerdem basierten die Darbietungen auf natürlichen Bewegungsabläufen, selbst der "Kopfstand" der Zirkus-Elefanten, sagt er, den machen wild lebende Artgenossen auch, wenn sie sich mit dem Rüssel aus tiefen Wasserlöchern bedienen wollen.

Keller berichtet von den beiden Krone-Tierärzten und dem orthopädischen Hufschmied, von medizinischem Monitoring und wissenschaftlichen Studien, er zeigt den mobilen Boxenstall für die Pferde, entwickelt vom Circus Krone Anfang der 90er Jahre - "früher wurden die Pferde angebunden, das war nicht gut" -, das Elefantenzelt (1000 Quadratmeter Fläche) und den Pool für die Seelöwen (100 Kubikmeter Wasser). Das alles kann jeder sehen, im Circus-Zoo hinter dem großen Zelt, täglich von 10 bis 19 Uhr, an vielen Gehegen hängen Tafeln mit Informationen zu den Tieren. "Alles ist offen, wir haben nichts zu verbergen", sagt Keller, "ganz im Gegenteil".

Tatsächlich ist der Circus Krone als Brachenprimus der bestüberwachte Tierhaltungsbetrieb überhaupt. In Deutschland gelten strenge Gesetze, sagt Keller, "damit sind wir ein Beispiel für viele europäische Länder".

"Alles in Ordnung" erklärt der Veterinär des Landkreises nach der Kontrolle am Mittwoch in Marburg

Dass der Circus diese Gesetze einhält, wird von April bis November jede Woche an jedem neuen Gastspielort vom jeweils zuständigen Veterinäramt kontrolliert - in den Wintermonaten ist das Amt am Stammsitz in München zuständig. In einem "Zirkuszentralregister" sind außerdem alle Betriebe mit ihren Tieren erfasst. "Hat das Pferd Amanda ein Hufproblem in einer Stadt, trägt der Tierarzt das im Register ein. Der Veterinär in der nächsten Stadt kann die Information abrufen und dann gezielt danach schauen", erklärt Keller das Prinzip.

In Marburg war das Kreisveterinäramt am Mittwochvormittag zwei Stunden auf dem Circusgelände. Das Ergebnis: "Alles in Ordnung", sagt Kreissprecher Stephan Schienbein.

"Dass trotzdem Leute sagen, wir würden die Tiere quälen, das tut schon weh", sagt Roland Duss. Er kümmert sich um die Seelöwen, lebt mit ihnen, tritt mit ihnen auf. "Es ist eher umgekehrt, ich bin ihr Sklave, sie halten mich auf Trab das ganze Jahr rund um die Uhr", sagt der Tierlehrer und lacht. Trotzdem: "Ich würde mit niemandem tauschen wollen. Ich lebe meinen Traum."

 

Protest

Ein Aktionsbündnis gegen Tiere im Zirkus ruft zu Mahnwachen vor den Aufführungen des Circus Krone in Marburg auf. Die Aktivisten tragen Transparente und Plakate mit Aufschriften wie "Kein Applaus für Tierquälerei" und "Zirkustiere sind Sklaven der Manege". Sie verteilen Flugblätter vor dem Zirkuszelt auf dem Messeplatz am Afföller. Über ihre Facebook-Seite teilen die Aktivisten mit, dass sie keiner Organisation zugehörig sind. "Die Mahnwachen werden allgemein von Menschen betrieben, die gegen Tiere im Zirkus sind", heißt es dort. "Weder Peta noch Ariwa noch irgendwelche anderen Organisationen sind involviert."


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