Wo bitte geht‘s zurück auf den rechten Weg?

Drehtür Knast und kein Ende: Richter, Gefängnisdirektor, Bewährungshelfer und Ex-Gefangener im Gespräch
Peter D. (re.) ist das Beispiel ...

Jede Tat hat einen Hintergrund

"Es war Frustabbau", sagt D., der 2004 mit 24 Jahren erstmals verurteilt wurde. Damals, im Gefängnis, brach er seine Therapie ab, wurde irgendwann entlassen, um Jahre später wieder vor dem Richter zu stehen und erneut im Knast zu landen. Während er sich beim ersten Mal noch gegen die verschiedenen Angebote wehrte, habe ihm die zweite Verurteilung die Augen geöffnet, sagte D. "Ich bin durch meine Schuld in den Knast gekommen, und ich wollte auch durch mein Tun so schnell wie möglich wieder raus", erzählte er. Seitdem hat D. sein Leben umgekrempelt: Er ist aus seinem früheren Umfeld weggezogen, arbeitet mit seinem Bewährungshelfer zusammen und hat nun eine Frau an seiner Seite, die ihm den Rücken stärke und Kraft gebe, wie er sagt. "Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass nicht manchmal noch Gedanken an früher hochkommen", sagte D., aber dann denke er daran, was alles auf dem Spiel stehe.

Für Amtsgerichtsdirektor Mirko Schulte hat der Fall von D. exemplarischen Charakter. Jede Straftat habe einen Hintergrund, einen Auslöser, so Schulte. Am Richter sei es, die Diagnose zu stellen, welche Gründe für das straffälliges Verhalten verantwortlich seien, und dann zu entscheiden, wie die "Therapie" aussehe.

Zur Urteilsfindung erklärte der Richtet, dass "die Strafe einen angemessenen Schuldausgleich darstellen und Sicherheit produzieren soll". Freiheitsstrafen seien zwiespältig zu beurteilen, denn sie hätten auch negative Effekte. "Die sozialen Kontakte des Verurteilten reißen ab, der Beruf geht verloren, die Gefangenen ziehen sich oft zurück oder kommen mit anderen Gefangenen in Kontakt, die sie besser nicht hätten kennenlernen sollen", zählte Schulte auf. Letztlich müsse es aber das Ziel der Justiz sein, die Täter in stabile Verhältnisse zu führen, die das beste Mittel gegen neue Straftaten darstellen – genau wie im Fall von Peter D.

Um dies zu erreichen, stehen den Gefängnissen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung, stellte Martin Lesser, Leiter der JVA Gießen, vor: Anti-Agressions-Trainings, Gruppen- und Einzeltherapien, die Förderung der sozialen Bindung zur Familie durch Vätergruppen oder Sonderbesuche.

Den offenen Vollzug sieht Lesser als Chance für den Gefangenen, das eigene Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Aber: Das "nicht richtig drinnen, nicht richtig draußen" ist für die Betroffenen mitunter härter als der geschlossene Vollzug: "Die Versuchungen sind einfach zu groß".

Die Drohung der Strafe schreckt Täter oft nicht ab, eine Strafttat zu begehen, erklärte Bewährungshelfer Stephan Volp. Was zurück auf den rechten Weg helfe, sei die Motivation, sich ein stabiles Umfeld zu schaffen und sich zu integrieren. Dabei hilft der Bewährungshelfer. Aber: Auf einen Bewährungshelfer kommen rund 90 "Probanden", schilderte Volp die begrenzten Möglichkeiten in der Betreuung.

In der Diskussion meldete sich auch Schulamtsdirektor Burkhard Schuldt mit der Frage, ob die Justiz nicht früher mit Präventivmaßnahmen in der Schule aktiv werden sollte. "Wir sind nur Klempner, die reparieren, wenn der Schaden schon da ist", entgegnete Schulte, und Martin Lesser riet dazu, vor allem die Drogenprävention voranzutreiben. 80 Prozent der Rückfälligen, die erneut ins Gefängnis kämen, "haben irgendetwas mit Drogen zu tun", so Lesser.

Link zum Thema
Dokumenten Information
Copyright © mittelhessen.de 2012
Dokument erstellt am 28.09.2012 um 18:29:00 Uhr
Letzte Änderung am 28.09.2012 um 21:09:33 Uhr
Mehr zum Thema
Kommentare (0)
Facebook Kommentare
Mehr aus Region Hinterland und Marburg
Orte
Wählen Sie Ihren Ort
Anzeige
Anzeige
Wetter in Marburg
Heute
wolkig
23°
Sonne
05:31 Uhr
21:14 Uhr
Regen
10%
Wind
11km/h
aus O
Anzeige
Verlagsbeilagen
Die Frühlingsfotos unserer Leser

ERKLÄRUNG Kritiker sollen seine Familie außen vor lassen: Klingelhöfer entschuldigt sich

Mittenaar-Bicken. Gerrit Klingelhöfer bricht sein Schweigen: Der parteilose Mittenaarer Bürgermeister, gegen den die ... mehr

Fahrer war alkoholisiert: Jaguar schnurrt gegen Wohnhaus

Haiger (dwe). In Haiger ist am Freitagabend ein 26-jähriger Mann mit seinem Jaguar in die Ecke eines Wohnhauses ... mehr

Obduktion ergibt keine Hinweise auf Gewalteinwirkung: Vermisster Andreas Kleiber ertrank in der Dill

Herborn (red). Der Tote in der Dill, den Angler am 4. Mai bei Herborn fanden, ist der seit dem 26. April vermisste ... mehr

Keine Tore zwischen Frankfurt und Freiburg

Brotlos Freiburg (dpa) - Kein Spektakel und nicht mal ein Tor haben die beiden Überraschungsmannschaften SC Freiburg und ... mehr

«Miss Germany»: Auf «Glücksschuhen» zum Sieg

Wahl zur Miss Germany 2013 Rust (dpa) - Caroline Noeding kann es gar nicht fassen. Sie schlägt die Hände vors Gesicht, als sie die Nachricht ... mehr

Analyse: Aufatmen oder Anspannung?

Wahlurne Frankfurt/Main (dpa) - Die Wähler in Italien haben entschieden. Nach dem zweitägigen Urnengang in dem ... mehr