Zeichen gegen Rassismus setzen

EINWEIHUNG Gedenktafel erinnert an die jüdische Gemeinde in Gladenbach

Der Gedenkstein erinnert an die ehemalige Synagoge in Gladenbach. (Foto: Tietz)

Rudolf H. Schneider (r.) und Bürgermeister Peter Kremer enthüllten in der Burgstraße die Schautafel, die an die über 300-jährige Geschichte der jüdischen Gemeinde Gladenbach erinnert. (Foto: Tietz)

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"Die Tafel soll vor allem jungen Menschen zur Information und zum Nachdenken dienen", sagte Schneider während der kleinen Einweihungsfeier. Der Initiator erinnerte an den März 1945, als auch das Hinterland mit dem Einmarsch der Amerikaner von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit wurde. Damals gab es keine jüdische Gemeinde mehr in Gladenbach.

Deren über 300-jährige Geschichte will Schneider nun mit einem von ihm verfassten Text für die Tafel wach halten. "Der Aufgang zur ehemaligen Synagoge ist als Erinnerungsplatz bestens dazu geeignet, um auch in unserer Zeit ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Faschismus jeder Art zu setzen und zu Toleranz und Gewaltlosigkeit aufzurufen", sagte Schneider. Bereits 1610 hatte sich die erste jüdische Familie in der Stadt niedergelassen. Im 19. Jahrhundert waren zwölf Prozent der etwa 1500 Einwohner Gladenbachs Juden. Neben der Synagoge gab es hier eine jüdische Schule, ein rituelles Bad und einen Friedhof.

Sechs Jahre vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten noch 103 jüdische Bürger in Gladenbach. Zwei von ihnen wurden am 12. März 1933 in den Gemeinderat gewählt, jedoch wenige Tage später wieder ihrer Ämter enthoben.

Zweieinhalb Jahre später hatten alle Juden die Stadt verlassen. Doch trotz gewaltsamer Ausschreitungen mit eingeworfenen Scheiben und weiteren Übergriffen kehrten einige wieder zurück. Schließlich hatten sie hier ihren Lebensmittelpunkt und ihre Häuser. Am 1. Januar 1938 wurden in Gladenbach 27 jüdische Einwohner gezählt.

Die Synagoge war in den Jahren 1813/14 errichtet und nach dem Umbau im September 1891 neu eingeweiht worden. "Sie gehörte zur Stadt wie die Martinskirche", schreibt Schneider auf der Schautafel. In der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 waren die Scheiben der Synagoge eingeworfen worden. Die Randalierer brachen auch in das Gebäude ein. Zwei Tage später übernahm die Stadt die Synagoge. Sie sollte als soziale Einrichtung genutzt werden. Der bauliche Zustand war aber so schlecht, dass die Synagoge in den Folgejahren abgebrochen wurde.

70 Jahre nach Kriegsende dient die Schautafel als Warnung vor Extremisten

Das Ehepaar Stern verließ im Juni 1940 das Hinterland. Damit endete die über 300-jährige jüdische Geschichte in Gladenbach. Nur Albert Bauer und Ludwig Heldenmuth kehrten nach dem Krieg in die Stadt zurück. Bauer zog später nach Bad Vilbel, wo er 1977 verstarb. Heldenmuth blieb bis zu seinem Tod 1983 Gladenbach treu. Er wurde auf dem jüdischen Friedhof "Am Klotzwald" beerdigt.

In den Folgejahren besuchten einige überlebende Juden ihren Geburtsort Gladenbach, darunter Dora und Ilse Stern sowie Benno Lederer und sein Sohn Jeffrey. "An sie zu erinnern, ist uns Verpflichtung", schreibt Schneider.

Im September 1982 ließ der Magistrat an der Burgstraße einen Gedenkstein setzen. Dieser trägt die Innschrift "Oh Erde decke mein Blut nicht zu - mein Schreien findet keine Ruhestatt". Der Spruch stammt aus dem Buch Hiob des Alten Testaments.

Vor drei Jahren hatte dann Rudolf H. Schneider die Idee, die Gedenkstätte neu zu gestalten. Der "Erinnerungsplatz" wurde 2014 fertig gestellt. Dazu gab es am 6. August - dem Geburtstag von Benno Lederer - eine kleine Gedenkfeier, an der auch Amnon Orbach von der jüdischen Gemeinde Marburg teilnahm.

Lederer war 1904 in Gladenbach geboren. Er emigrierte 1936 von Hamburg aus nach Südafrika und starb 2000 im Alter von 96 Jahren in Netanja in Israel. Der Kontakt zur alten Heimat brach aber nicht ab. Die Gladenbacher Barbara und Jürgen Runzheimer sowie Rudolf H. Schneider besuchten Lederer mehrmals.

Der im Februar 2012 verstorbene Heimatforscher und Historiker Jürgen Runzheimer war es auch, der in seinen Büchern "Abgemeldet zur Auswanderung" die Geschichte der Juden im Hinterland aufarbeitete. Der Heimat- und Museumsverein "Amt Blankenstein" zeigt in seiner aktuellen Ausstellung im Haus des Gastes einige Exemplare jüdischen Lebens - darunter eine Torarolle und eine Menora.

"Wir haben die dramatischen Ereignisse der dunkelsten Stunden in der deutschen Geschichte stets vor Augen", sagte Bürgermeister Peter Kremer während der kleinen Feier in der Burgstraße. So werde hier auch jährlich am Volkstrauertag an die Opfer von Krieg und Gewalt erinnert. "Mit der neu errichteten Schautafel warnen wir - 70 Jahre nach Kriegsende - vor Extremisten und nationalstaatlichem Denken", betonte Kremer.

Sein besonderer Dank galt Rudolf H. Schneider, der die die Neugestaltung der Gedenkstätte initiiert und finanziert habe.


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